Ex-NSA-Chef Hayden Meister der Überwachung

Michael Hayden machte aus der NSA eine Überwachungsmaschinerie. Noch immer ist der Ex-Chef ein Überzeugungstäter. Er ärgert sich über die kritischen Deutschen und verleiht damit einer verbreiteten Stimmung Ausdruck.

Ex-NSA-Direktor Michael Hayden: "Goldenes Zeitalter"
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Ex-NSA-Direktor Michael Hayden: "Goldenes Zeitalter"

Von , Washington


Michael Hayden war gerade in sein Auto gestiegen, da erhielt er die E-Mail. Ein Restaurant bot ihm vergünstigt ein Abendessen, schließlich war es gerade gegen 18 Uhr. Als Hayden von seinem Smartphone auf- und durch die Windschutzscheibe schaute, da sah er just jenes Restaurant direkt vor sich. Komisch. Das sei also die Welt, in der wir leben, habe er sich im Auto gedacht. So berichtet er es später.

Was Hayden privat beunruhigen mag, feiert er auf professioneller Ebene umso entschiedener. Denn Michael Hayden war unter Präsident George W. Bush Chef von NSA und CIA. Bei ihm liefen die Fäden zu einem Zeitpunkt zusammen, als die IT-Revolution durchschlug. Plötzlich waren die Menschen ans Internet angeschlossen, trugen Mobilfunkgeräte mit sich herum, hinterließen ungeheuerliche Datenberge. Eine ganze Welt in Nullen und Einsen. Hayden sagt: "Das goldene Zeitalter für die Fernmeldeaufklärung."

Und er zog los, um Daten zu schürfen in der schönen neuen Welt.

Als NSA-Direktor modelte er den Geheimdienst zwischen 1999 und 2006 von einer Behörde, die den Anschluss an die neuen Technologien zu verpassen drohte, zu einer Überwachungsmaschinerie um. Es war Hayden, der ohne richterliche Genehmigung und allein auf Anordnung von Präsident und Justizminister nach den 9/11-Anschlägen auch US-Bürger abhören und Millionen ihrer Telefondaten speichern ließ. Der Mann mit Glatze und randloser Brille ist der Vater jenes gigantischen Apparats, der heute weltweit abhört, abschöpft, aufzeichnet. Als CIA-Chef bis 2009 setzte er sich mit Einschränkungen für "verschärfte Verhörmethoden" ein - also Folter.

"Zumindest ein bisschen Theater"

Hayden hat die elektronische Schnüffelei immer verteidigt. Und verteidigt sie auch heute, trotz der Enthüllungen Edward Snowdens. Den Ex-NSA-Mitarbeiter sieht er als einen, der gezielt "Jagd" auf Geheimnisse gemacht hat und dessen Enthüllungen "sehr, sehr schädlich" seien. Hayden ist nie verlegen um scharfe Worte. So sagte er Snowden voraus, er werde in seinem russischen Exil vermutlich als Alkoholiker enden. Ein andermal schwadronierte er, in "dunkleren Augenblicken" hätte er daran gedacht, Snowden auf eine "kill list" zu setzen.

Offensichtlich fühlt sich der 68-Jährige in seiner Profession schwer beleidigt. Denn das Spionagehandwerk sah er stets als ehrenwerte Sache. Jetzt geht er in die Offensive. Schon sein Vater habe ihm geraten: "Hör auf zu heulen, sei ein Kerl und verteidige dich!", erzählte er der "Süddeutschen Zeitung" lange vor der NSA-Affäre. Spionage sei eine weltweit verbreitete Praxis, so Hayden damals.

Wohl deshalb kann er den Ärger der deutschen Kanzlerin heute kaum nachvollziehen. "Das ist notwendigerweise zumindest ein bisschen Theater", schreibt er in der "Security Times". In der Öffentlichkeit erhobene Spionagevorwürfe erforderten eben, dass die Opfer sich öffentlich entrüsteten. Den Begriff vom Opfer setzt Hayden dabei sogar in Anführungszeichen.

Will heißen: Jeder spioniert jeden aus, so ist das nun mal. Hayden verweist etwa auf den Amtsantritt des US-Präsidenten Barack Obama, als man dessen Blackberry speziell geschützt habe: "Der mächtigste Mann im mächtigsten Land der Welt wurde vor Abhöraktionen ausländischer Geheimdienste in seiner eigenen Hauptstadt gewarnt." Na und? Niemand habe das als außergewöhnlich empfunden oder zum Anlass moralischer Entrüstung genommen, so Hayden: "So sind die Dinge nun einmal." Wenn der Präsident abgehört werde, dann sei dies das Problem seiner eigenen Leute, die ihn nicht hätten beschützen können.

Selbst schuld, wer sich abhören lässt - das ist die Botschaft. Insbesondere die Deutschen dürfen sich hier direkt angesprochen fühlen. Der Ex-NSA-Chef verleiht einer verbreiteten Stimmung in den USA Ausdruck. Mit Ausnahme einiger Parlamentarier denken nicht allein maßgebliche Kreise in Washington so; auch draußen im Land wird die deutsche Position als zunehmend wehleidig empfunden, ob man nun Demokraten oder Republikaner fragt.

Einsatz von Karl-Theodor zu Guttenberg

Das Magazin "The Daily Beast" kommentiert bissig: "Das Gezeter über amerikanische Spionage zeigt, wie realitätsfremd viele Deutsche sind, wenn es um die Welt und den Platz ihres Landes darin geht." Als Reaktion auf die eigene Geschichte glaubten die meisten Deutschen, "dass es härtere Instrumente der Staatskunst - wie Spionage und militärische Gewalt - nicht braucht". Vielen Amerikanern ist unverständlich, warum es die Deutschen jetzt nicht mal gut sein lassen, nachdem sie ihren Punkt öffentlich gemacht haben.

Zuletzt warb der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg während eines CNN-Interviews um Verständnis: Es gehe ja nicht mehr allein um Vertrauens-, sondern auch um Gesichtsverlust ("not only faith but also face"). So habe etwa Merkel den ganzen Sommer über die NSA verteidigt - und dann habe sie von der Überwachung ihres eigenen Handys erfahren müssen.

Über "face" und "faith" diskutiert Hayden am Freitagmorgen mit Deutschlands früherem US-Botschafter Wolfgang Ischinger beim "Atlantic Coucil", einer Washingtoner Denkfabrik. Ischinger fordert "schnelle Schritte", um verlorenes Vertrauen wieder herzustellen. Auch nach dem deutsch-amerikanischen Zwist um den Irak-Krieg sei der Prozess neuerlicher Vertrauensbildung nahezu genauso entscheidend gewesen wie das zugrunde liegende Problem. Weil man es nun aber auch mit einem Gesichtsverlust zu tun habe, sei die gegenwärtige Aufgabe "etwas schwieriger". Da zeigt sich Hayden plötzlich konziliant. Ja, es sei sicherlich die Schuld der Amerikaner, "einen guten Freund" in eine schwierige persönliche und politische Lage gebracht zu haben.

Doch seiner Linie bleibt Hayden letztlich treu: Die USA hätten es eben nicht geschafft, die Informationen geheim zu halten.

insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
Badischer Revoluzzer 09.11.2013
1. Wenn Herr Hayden einmal nach Deutschland
einreisen sollte, sofort festnehmen und ohne Prozess ins schwärzeste Loch stecken. Ein Guantanamo haben wir als Rechtsstaat für ihn leider nicht.
nick adams 09.11.2013
2. aegrotus
Dieses latainische Wort bedeutet "krank", und das ist die beste Beschreibung auch dieses Mannes. Das dadurch die Weltgemeinschaft insgesamt schweren Schaden nimmt, begreift er (natürlich) gar nicht!
fatal.justice 09.11.2013
3. Radieschen
Hoffe, die US-Waffenlobby / NRA findet einen konzilanten Weg, sich dieser Kreatur zu entledigen... [Zynismus off]
Mac_Beth 09.11.2013
4.
Zitat von Badischer Revoluzzereinreisen sollte, sofort festnehmen und ohne Prozess ins schwärzeste Loch stecken. Ein Guantanamo haben wir als Rechtsstaat für ihn leider nicht.
Wow, einfach nur wow.... Einfach unglaublich was dieser Mann öffentlich absondern darf ohne irgendwelche Konsequenzen zu fürchten, da bleiben einem die Worte weg. Man stelle sich nur vor, so etwas hätten die Russen oder Chinesen gesagt, da würde man das sicher nicht nur schulterzuckend hinnehmen. Doppelte Standards for the win...!
fliegender-robert 09.11.2013
5. Wacht auf in Eurem Ponyhof!
Die Hauptantriebskraft des Menschen ist der Egoismus. Dieses Prinzip hat der Kapitalismus noch perfektioniert (und an der gegenteiligen falschen Annahme ist der Sozialismus/Kommunismus gescheitert). Demzufolge versucht jeder, seinen Vorteil zu erreichen und in unserer Zeit gibt es keine Tabu's mehr - auf keinem Gebiet, was möglich ist wird ausgeführt bzw. zumindest probiert. Und alle "Moral" und "Humanismus" sind nur Feigenblättchen. Daraus folgernd ist an diesem Thema nicht Verwunderliches. Wer damit nicht einverstanden ist, muss auswandern - am besten auf eine eigene Insel. Der Rest arrangiert sich.
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