Spähskandal in klein Ex-NSA-Chef im Zug belauscht

Er war der mächtigste Spion der USA, leitete NSA und CIA. Nun wurde Michael Hayden selbst Opfer einer Abhöraktion: Er führte im Zug vertrauliche Gespräche am Telefon - und ein Sitznachbar twitterte die Äußerungen in die Welt. Hayden reagierte stocksauer.

Früherer Oberspion Hayden (Archivbild): Lauschangriff im Zug
REUTERS

Früherer Oberspion Hayden (Archivbild): Lauschangriff im Zug


Washington - Vielleicht hätte sich Michael Hayden einfach in die Ruhezone setzen sollen, dann wäre ihm die ganze Episode wohl erspart geblieben. Doch so wurde der Mann, der früher das Kommando über den wohl mächtigsten Abhördienst der Welt hatte, selbst belauscht. Und die Öffentlichkeit konnte in Echtzeit mitverfolgen, wie der frühere Leiter der US-Geheimdienste NSA und CIA Opfer eines Lauschangriffs wurde.

Hayden fuhr am Donnerstag mit dem Zug nach New York und gab dabei am Telefon mehrere Hintergrundinterviews zum aktuellen Spähskandal. Dabei insistierte er mehrfach, dass man ihn nicht mit Namen nennen, sondern lediglich als früheren Regierungsvertreter zitieren dürfe. Dumm nur, dass ein paar Sitzreihen weiter Tom Matzzie saß.

Der twitterte nämlich das, was er von Haydens Äußerungen aufschnappte, in die Welt hinaus. Ein Bürger späht zurück. Matzzie schrieb: "Der frühere NSA-Spionagechef Michael Hayden brabbelt hinter mir im Hintergrund als früherer Regierungsvertreter." Im Laufe von 37 Minuten schrieb Matzzie einen Tweet nach dem anderen. Etwa diesen: "Hayden prahlt mit Rendition und Geheimgefängnissen." Rendition nannte man die CIA-Entführungen nach dem 11. September. Selbst einen eigenen Hashtag kreierte Matzzie, ein bloggender Unternehmer. In Bezug auf den Acela-Zug, in dem sie saßen, verschlagwortete er seine Tweets unter #haydenacela. (Hier lesen Sie die kompletten Tweets Matzzies in unserem Storify.)

Und so erfuhr offenbar auch Haydens Büro davon, was der Chef so ins Telefon plauderte. Hayden, der die NSA von 1999 bis 2005 leitete und dann bis 2009 Chef der CIA war, arbeitet mittlerweile als Wirtschaftsberater. Die Mitarbeiter riefen ihn an, um ihn zu warnen. Hayden ging daraufhin ein paar Reihen weiter und stellte Matzzie zur Rede. Matzzie postete gar ein gemeinsames Foto:

Screenshot von Matzzies Twitter-Account

Screenshot von Matzzies Twitter-Account

Was genau die beiden besprachen, ist nicht bekannt. Matzzie teilte mit - natürlich auf Twitter -, man sei zwar verschiedener Meinung, aber Hayden sei ein Gentleman. Das könnte aber nur die halbe Wahrheit gewesen sein.

Matzzie twitterte nämlich auch, dass Hayden über die Obama-Administration hergezogen sei. Das wollte der Ex-Oberspion nicht auf sich sitzen lassen. Der "Washington Post" sagte er: Matzzie habe alles falsch verstanden, das alles sei eine "Schwachsinnsgeschichte eines linken Aktivisten, der zwei Sitze entfernt von mir Gesprächsfetzen mitbekommen hat". In der Tat, es war wohl keine Abhöraktion nach Geheimdienststandards. Das kann kaum jemand besser beurteilen als Hayden selbst.

fab

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insgesamt 60 Beiträge
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An-On 25.10.2013
1. Das ist ja spektakulaer
banal, was der Herr Mazzie da getwittert hat. Fast das Niveau von anonymen Gossip-Seiten im Internet. Ich fuehle mich bestaetigt in meiner Einstellung zu Twitter: "A place for twits."
kleinbürger-2 25.10.2013
2. Wie wär's mal andersherum?
Man stelle sich mal vor, deutsche oder andere europäische Geheimdienste würden Obamas Telefonate belauschen oder in amerikanische Regierungsnetze eindringen. Wie würden Obama oder Amerika wohl dann reagieren??
Kilmister_L. 25.10.2013
3. Sehr gute Sache!
schön, daß es mal den richtigen trifft! Man sollte auch mal diesen Faden weiterspinnen: "Hayden, der die NSA von 1999 bis 2005 leitete und dann bis 2009 Chef der CIA war, arbeitet mittlerweile als Wirtschaftsberater." Na klar für die Wirtschaft. Da kann er einiges an Erkenntnissen weitergeben, hehehe. Und Ed Snowden ist doch das beste Beispiel, wie unsicher für ALLE diese ganze Abhörerei ist. Ed war nicht mal Regierungsbeamter o. ä., sondern so etwas wie ein "Dienstleister". Irgendeiner, den man mal eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt hat. Sonst nichts. Wenn irgendwelche Personen sich soviel Hintergrundwissen aneignen können/müssen, was macht er in zehn Jahren? Gibt es nicht Leute/andere Geheimdienste/ Firmen, die aus der Portotasche für dieses Knowhow zahlen würden? Als Staatschef wüsste ich, was jetzt zu tun wäre...:-)
joeeoj 25.10.2013
4. Ach, das ist schon zu schön um wahr zu sein !
Da hat's ja den richtigen Getroffen. Hoffentlich fühlt er sich nun so wie all die anderen Betroffenen.
iffel1 25.10.2013
5. Na da ist die NSA ja spitze drauf !
Innerhalb von wenigen Minuten mitzubekommen, wer was twittert und wo, um dann dem Belauschten gleich zu vermelden, nach wem er ein paar Sitzreihen vor ihm suchen soll. Vielleicht hat der Belauschte ja auch schon ein Foto von dem Twitterer bekommen - vielleicht via Livestream von der Handycam des Belauschenden ;o) Toll !
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