Von Ole Reißmann
Johannesburg - Er unterdrückte die Bevölkerung mit Terror und befeuerte den Bürgerkrieg aus dem Exil: Haitis Ex-Präsident Jean Bertrand Aristide will nach dem schweren Erdbeben in sein Land zurückkehren, um beim Wiederaufbau zu helfen. Er und seine Frau könnten bereits in den kommenden Tagen nach Haiti fliegen, sagte Aristide, der im Exil in Südafrika lebt, am Freitag am Flughafen in Johannesburg. Er wolle die Trauer des haitianischen Volkes teilen und "helfen, das Land wieder aufzubauen", fügte er hinzu. Viele seiner Freunde seien bereit, einen Flug mit Hilfsgütern und ihm selbst an Bord zu unterstützen.
Es wäre die zweite Rückkehr Aristides. Als Anführer seiner Bewegung "Lavalas" wurde der Armenpriester 1991 zum Präsidenten des Karibik-Staats gewählt, die Militärdiktatur war am Ende. Doch acht chaotische Monate später putschte sich General Raoul Cedras an die Macht und jagte Aristide ins Exil. Von dort wetterte er gegen die Tyrannen. "Mein Volk stirbt", rief Aristide und suchte internationale Unterstützung.
US-Präsident Bill Clinton entschied 1994, dass die Zeit für Kompromisse mit den Militärherrschern auf Haiti abgelaufen sei - und schickte 18.000 Soldaten gegen das Putschregime. Ein Blutbad blieb aus, weil der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter im Regierungsauftrag mit den Generälen über einen Abzug verhandelt hatte.
Mit Hilfe der US-Streitkräfte kehrte Aristide nach dreijährigem Exil zurück in sein Amt - und zurück in ein gespaltenes Land. Mordende Banden zogen durch die Städte. Selbst die US-Soldaten trauten sich nachts nicht in die Slums von Port-au-Prince. Der als Retter der Nation gefeierte Aristide verschanzte sich derweil in seinem Präsidentenpalast. In der Bevölkerung wuchs die Enttäuschung.
Mordkommandos bekämpfen Opposition und Rebellen
Zwar löste Aristide das haitianische Militär auf, entpuppte sich aber zunehmend als düsterer Autokrat. Hunderte Millionen Dollar soll er ins Ausland transferiert haben, seinen Gegnern hetzte er die "Chimères" auf den Hals, eine gefürchtete Todesschwadron. Für eine Amtszeit musste Aristide aussetzen, so schreibt es die Verfassung vor. René Préval, den Aristide "meinen Zwilling" nennt, wurde 1995 Präsident. Dessen Ziehvater bereitet da schon seine Rückkehr an die Spitze des Staates vor.
Aristide stellte sich 2000 erneut zur Wahl. Er erhielt mehr als 90 Prozent der Stimmen - eine Farce. Kaum jemand habe an der Wahl überhaupt teilgenommen, kritisierte die Opposition. In den folgenden Jahren klammerte sich Aristide an sein Amt und schlug den wachsenden Widerstand mit Terror nieder. Vetternwirtschaft, Korruption, Drogenhandel - vom einstigen demokratischen Idealen ist nicht mehr viel übrig. Anführer der zivilen Regimegegner werden von der ihm hörigen Schlägertruppe "Chimères" ermordet, paramilitärische Mordkommandos kämpfen mit bewaffneten Rebellen mitunter um ganze Städte.
Dann schlugen die Aufständischen zu. Anhänger der von den US-Amerikanern abgesetzten Militärdiktatur, ehemaligen Soldaten und Bandenmitgliedern marschierten 2004 auf die Hauptstadt. Angeführt wurden sie vom ehemaligen Polizeichef Guy Philippe, der eine wichtige Rolle im Drogengeschäft spielen soll. "C'est fini", es ist vorbei, sah Aristide ein, floh an Bord eines US-Flugzeugs nach Afrika - und behauptete später, er sei von US-Soldaten entführt worden und bleibe natürlich der "gewählte Staatschef".
Die Uno schickte mehr als 7000 Soldaten nach Haiti, um das zerfallende Land zu stabilisieren. Doch aus dem Exil orchestrierte Aristide weiter den Terror. Seine Anhänger, die offen auf den Straßen von Port-au-Prince auftraten, führten einen Guerilla-Krieg gegen die Übergangsregierung. Verbrecher, Rebellen und ehemalige Soldaten beherrschten weite Landesteile, der Staat versinkt im Chaos.
Bandenkriege und Entführungen an der Tagesordnung
Gegen Bandenkriege, Hunger und Aids sind die Uno-Soldaten machtlos. Die Blauhelme wurden beschossen, immer wieder musste der Termin für Neuwahlen verschoben werden. "Verstümmelte Leichen liegen tagelang in den Straßen, Hunde und Schweine fressen die Kadaver. Haiti ist das Ende der Welt", schrieb ein brasilianischer Soldat seiner Familie.
Schließlich wurde gewählt: René Préval, einstiger Weggefährte Aristides, wurde 2006 erneut Präsident. Bei den Armen war er ähnlich beliebt wie einst Aristide. Die Oberschicht schimpfte, er sei bloß eine Marionette des verhassten Despoten. Zwar betonte er die Einheit des Landes, doch trug er politisch nicht maßgeblich dazu bei. Immer wieder forderten Demonstranten die Rückkehr Aristides.
So herrscht in Haiti bis heute weiter die Gewalt: Die Uno-Schutztruppe, rund 7500 Soldaten und mehr als tausend Polizisten aus dem Ausland, kann kaum die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Die Entwaffnung der Rebellen gilt als gescheitert. Überfälle, Entführungen und Bandenkriege erschüttern nach wie vor das Land.
Mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern lebt Aristide im Exil, in einer von der Regierung bezahlten Wohnung in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria. Dort beschäftigt er sich mit Sprachen - und seiner erneuten Rückkehr nach Haiti.
mit Material von AFP
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