Ex-Präsident Musharraf "Pakistan ist immer der Schurke"

Pakistan hat Untergrundkämpfer ausgebildet, um Indien in Kaschmir zu bekämpfen. Das hat der frühere Präsident Pervez Musharraf im SPIEGEL-ONLINE-Interview eingestanden. Zudem erklärt der 67-Jährige, warum er aus dem Londoner Exil zurück in seine Heimat möchte.

Pervez Musharraf: "Wir haben die pakistanische Gesellschaft über zehn Jahre lang vergiftet"
REUTERS

Pervez Musharraf: "Wir haben die pakistanische Gesellschaft über zehn Jahre lang vergiftet"


SPIEGEL ONLINE: Nach der großen Flut sind viele Pakistaner verzweifelt über die unfähige Regierung von Präsident Asif Ali Zardari, die Folgen der Naturkatastrophe zu bewältigen. Gibt es bald einen Militärputsch?

Musharraf: Die Zeiten der Armeestreiche sind einfach vorbei, glaube ich. Das Oberste Gericht toleriert das einfach nicht mehr, selbst dann nicht, wenn die Menschen nach der ordnenden Kraft der Armee verlangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie urteilen Sie über die Leistungen ihres Nachfolgers Asif Ali Zardari und seines Premierministers Yousuf Raza Gilani?

Musharraf: Ich will die amtierende Regierung nicht kommentieren. Aber jeder kann selbst sehen, was sie machen. Pakistan erlebt wirtschaftlich einen tiefen Absturz, aber auch alle anderen Bereiche - Recht und Gesetz - sind gefährdet, der Extremismus wächst, die politische Gesamtlage ist miserabel. Der Hauptgrund dafür ist die völlige Untätigkeit dieser demokratisch gewählten Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Wie betrachten Sie die Rolle von Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani, der als eigentlicher Strippenzieher hinter den Kulissen gilt?

Musharraf: Ich habe ihn zum Armeechef gemacht, weil ich glaubte, er sei der Beste.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Pakistans politische Führer die Macht verlieren, landen sie normalerweise im Gefängnis oder werden ermordet. Warum gründen Sie eine Partei und wollen politisch wieder mitmischen, anstatt hier im sicheren London den Ruhestand zu genießen?

Musharraf: Ohne Risiko kann man nichts gewinnen. Leider haben wir in Pakistan diese Kultur von Rache und Missgunst. Aber gegen mich ist kein Verfahren anhängig im Moment, meine Feinde wie Nawaz Sharif würden mir zwar gerne etwas anhängen, etwa korrupt zu sein oder Fälschungen begangen zu haben oder irgendwas dergleichen, aber es ist ihnen bisher nicht gelungen. Selbst wenn dies der Fall wäre, ich würde mich dem Gericht stellen, man muss eben auch etwas riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum glauben Sie, dass die Menschen in Pakistan ausgerechnet auf Ihr politisches Comeback warten?

Musharraf: Ich lebe ja kein Eremiten-Leben, sondern treffe viele Leute. Ich weiß genau, was los ist. Mein Facebook-Konto, das ich vor acht Monaten eingerichtet habe, weist inzwischen 310.000 Kontakte auf. Bei einer Fernsehshow, in der ich für die Flutopfer Geld sammelte, riefen Hunderte Pakistaner an, es wurden 3,5 Millionen Dollar gespendet. Meinen Sie, die Menschen gäben so viel Geld, wenn sie mich hassten?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Sie bereuen, Ihre geheime Kargil-Operation zum Beispiel, die 1999 zu einem bewaffneten Konflikt mit Indien führte, Ihre eigenwilligen Verfassungskorrekturen, die folgenreiche Absetzung des höchsten Richters, die geringe Fürsorge für Benazir Bhutto nach ihrer Rückkehr oder Ihre immer wieder kritisierte Milde gegenüber religiösen Extremisten?

Musharraf : Es gibt anscheinend nichts, weswegen der Westen Pakistan nicht beschuldigt. Aber niemand fragt den indischen Premierminister: 'Warum habt ihr euch nuklear bewaffnet?', 'Warum tötet ihr unschuldige Zivilisten in Kaschmir?' Niemand störte es, dass Pakistan 1971 geteilt wurde, weil Indiens Militär Bangladesch unterstützt hat. Die Amerikaner und auch die Deutschen begnügen sich stets nur mit wertlosen Rügen. Jeder will eben mit Indien strategische Abkommen schließen und Pakistan ist dann immer der Schurke.

SPIEGEL ONLINE: Sie formierten und trainierten militante Untergrundgruppen, um Indien in Kaschmir zu bekämpfen.

Musharr af: Sie wurden gebildet, ja, sie wurden gebildet, und die Regierung hat weggesehen...

SPIEGEL ONLINE: Es waren doch pakistanische Sicherheitskräfte, die sie trainiert haben.

Musharraf: Der Westen ignorierte die Kaschmir-Resolution, und Kaschmir ist für Pakistan das wichtigste Anliegen. Wir erwarteten von den westlichen Ländern, allen voran von den USA, aber auch von einflussreichen Ländern wie Deutschland, die Kaschmir-Frage zu lösen. Hat Deutschland das getan?



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
klickboom 04.10.2010
1. tja so kanns gehn
Interessant ist die Aussage über nur 25000 Islamisten die das Land quasi übernommen haben. Das sibnd wneiger als die vom Verfassungschutz in Deutschland gezählten. Da muss man dann denjenigen die behaupten Deutschland wäre immun, gründlich auslachen.
elandy 04.10.2010
2. vergleich
Zitat von klickboomInteressant ist die Aussage über nur 25000 Islamisten die das Land quasi übernommen haben. Das sibnd wneiger als die vom Verfassungschutz in Deutschland gezählten. Da muss man dann denjenigen die behaupten Deutschland wäre immun, gründlich auslachen.
Er redete nicht von Pakistan, denn dort haben keine 25000 Radikale das Land übernommen. Das gilt für Afghanistan und Sie wollen doch wohl nicht ernsthaft Afghanistan und Deutschland vergleichen??
KilianKlaiber 04.10.2010
3. Pakistan = Taliban
Zitat von sysopPakistan hat Untergrundkämpfer ausgebildet, um Indien in Kaschmir zu bekämpfen. Das hat der frühere Präsident Pervez Musharraf im SPIEGEL ONLINE-Interview eingestanden. Zudem erklärt der 67-Jährige, warum er aus dem Londoner Exil zurück in seine Heimat möchte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,721009,00.html
Pakistan ist der Schurke. Der Westen soll den Kashmir-Konflikt lösen? Die Lösung ist einfach: Pakistan hört auf einen Guerillakrieg in Kashmir zu führen! Der Westen hat Schuld an der Trennung von Bangladesh und Pakistan? Nun, rechtfertigt das die Massenvertreibungen und Massenvergewaltigungen der Pakistanischen Armee im Bangladesch-Krieg?. Ach ja, und jetzt bekommen wir nochi gute Ratschläge, wie wir mit den Taliban umzugehen haben, nachdem bekannt wurde, dass der pakistanische Geheimdienstchef die Hilfsmilliarden aus dem Westen an die Taliban weiterleitet? Für mich ist klar: Pakistan ist ein Feind des Westens! Wir sollten das säkulare und demokratische Indien gegen Pakistan verteidigen.
elandy 04.10.2010
4. lesen
Zitat von KilianKlaiberPakistan ist der Schurke. Der Westen soll den Kashmir-Konflikt lösen? Die Lösung ist einfach: Pakistan hört auf einen Guerillakrieg in Kashmir zu führen! Der Westen hat Schuld an der Trennung von Bangladesh und Pakistan? Nun, rechtfertigt das die Massenvertreibungen und Massenvergewaltigungen der Pakistanischen Armee im Bangladesch-Krieg?. Ach ja, und jetzt bekommen wir nochi gute Ratschläge, wie wir mit den Taliban umzugehen haben, nachdem bekannt wurde, dass der pakistanische Geheimdienstchef die Hilfsmilliarden aus dem Westen an die Taliban weiterleitet? Für mich ist klar: Pakistan ist ein Feind des Westens! Wir sollten das säkulare und demokratische Indien gegen Pakistan verteidigen.
Und dann sind die Kaschmiris glücklich? Sicher nicht. Wer hat das behauptet? Musharaf sicher nicht. Ganz ruhig. Zu Zeit besteht keine Gefahr.
chris58 04.10.2010
5. keiner
Musharraf war in seinen ersten Jahren ein guter Präsident. Dann allerdings wurde er mehr und mehr beratungsresistent und sprach wohl auch dem Alkohol zu sehr zu. Verglichen mit den anderen Figuren der pakistanischen Politik ist der Mann allerdings eine Lichtgestalt. Meiner Meinung nach ist er zur Zeit der Politiker, der dem Land am dienlichsten wäre. Gilani ist nicht besonders helle und Zadari ist ein Schwerkrimineller an der Grenze zum Wahnsinn. Sharif ist ein muslimischer Fundamentalist. Sonst ist keiner in Sicht, oder?
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