Ex-Serben-General vor Uno-Tribunal Mladic verdammt seine Ankläger

Ratko Mladic ist erstmals dem Uno-Tribunal in Den Haag vorgeführt worden. Die Anklage nannte er "widerlich" und "monströs". Er habe nur sein Land und Volk verteidigt, sagte der mutmaßliche Kriegsverbrecher - und verlangte mehr Zeit zu seiner Verteidigung. Der Prozess wurde vertagt.


Den Haag - Der serbische Ex-General Ratko Mladic, dem die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 zur Last gelegt werden, ist am Freitag erstmals vor seinen Richtern im Uno-Tribunal in Den Haag erschienen. Er trug nicht wie angekündigt eine Militäruniform, sondern einen Anzug.

"Ich bin General Ratko Mladic", sagte der Angeklagte auf Fragen des Richters nach seiner Person. Er sei im Jahr 1943 im Dorf Bozinovic in der Gemeinde Kalinovik im Südosten Bosnien-Herzegowinas geboren. Damit beendete Mladic Spekulationen um sein Geburtsdatum, das teilweise ins Jahr 1942 gelegt worden war. Mladic erklärte, er sei krank: "Ich bin ein schwerkranker Mann", sagte er mit belegter Stimme. Er habe die 37-seitige Anklage mit elf Punkten zwar erhalten, aber "ich habe sie noch nicht gelesen".

"Ich will nicht, dass man mir die Anklage vorliest", sagte der mutmaßliche Kriegsverbrecher bei seinem ersten Auftritt vor Gericht. Der Vorsitzende Richter trug jedoch eine Zusammenfassung der Anklage vor. Mladic schüttelte während des Vortrags den Kopf.

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Auftritt in Zivil: Ratko Mladic vor Gericht
Die Anklage wird bei diesem wichtigen Verfahren vom Chefankläger Serge Brammertz persönlich übernommen. Mladic kann nach Verlesung der Anklagepunkte auf schuldig oder nicht schuldig plädieren. Lehnt er dies ab, muss er nach 30 Tagen erneut zu den Anklagepunkten Stellung nehmen.

Nach der Verlesung der Anklage erklärte Mladic: "Ich muss das gut durchlesen". Es handele sich um "monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe". Die Anschuldigungen seien "widerlich", so Mladic. Er benötige mehr als die eigentlich vorgesehenen 30 Tage zur Vorbereitung seiner Verteidigung. Mladic-Anwalt Aleksic beantragte eine zehnminütige Pause, um sich mit seinem Mandanten abzusprechen. Der Vorsitzende Richter Orie gab diesem Wunsch statt. Den Prozessauftakt hatte er zuvor auf den 4. Juli festgesetzt.

Mladic spricht unter Ausschluss der Öffentlichkeit über seine Gesundheit

Im weiteren Lauf der Sitzung kündigte Mladic an, er wolle sich vor seinen Richtern zu seinem Gesundheitszustand äußern. Der Vorsitzende Richter ordnete daraufhin eine Unterbrechung an; zu dieser "privaten Sitzung" war die Öffentlichkeit nicht zugelassen.

Bei Fortsetzung der Sitzung wiederholte Mladic immer wieder: "Ich habe mein Volk und mein Land verteidigt" und "Ich habe keine Muslime und keine Kroaten umgebracht". Der Vorsitzende Richter unterbrach Mladic und vertagte den Prozess auf den 4. Juli

Mladics Anwalt Milos Saljic hatte zuvor angekündigt, sein Mandant wolle sich bei seinem ersten Auftritt vor seinen Richtern in Den Haag nicht zur Anklage äußern. Er werde stattdessen einen Aufschub des Prozessbeginns um 30 Tage verlangen, um seine Verteidigung vorzubereiten und sein Anwaltsteam zusammenzustellen. Anwalt Aleksandar Aleksic, der schon zwei andere serbische Angeklagte vertreten hatte, werde Mladic nur bei seinem ersten Erscheinen vor Gericht beistehen.

Das Gericht in Den Haag hatte mitgeteilt, dass Mladic verhandlungsfähig sei. "Im Augenblick gibt es keine Hinweise, dass der Gesundheitszustand Mladic hindern wird, am Gerichtsverfahren teilzunehmen", sagte der Sekretär des Tribunals, John Hocking, der Belgrader Zeitung "Blic". Demgegenüber hatte der Anwalt von Mladic in den letzten Tagen ärztliche Diagnosen vorgelegt, nach denen der 69-Jährige an Lymphdrüsenkrebs leide und möglicherweise seinen Prozess nicht durchstehen werde.

Der niederländische Richter Alphonse Orie wird das Verfahren gegen Mladic leiten, kündigte er im Gerichtssaal an. Das sei der einstimmige Beschluss des dreiköpfigen Richtergremiums gewesen, dem noch der Deutsche Christoph Flügge und der Südafrikaner Bakone Moloto angehören. Als Pflichtverteidiger für Mladic wurde Anwalt Aleksandar Aleksic vorgestellt.

Serbien drängt auf Tempo bei Beitrittsverhandlungen

Mladic ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, die ihm den Beinamen "Schlächter vom Balkan" einbrachten. Dazu zählen das Massaker an 8000 Muslimen in Srebrenica und die dreieinhalb Jahre dauernde Belagerung von Sarajevo, die ebenfalls Tausende Menschen das Leben kostete. Mladic war fast 16 Jahre auf der Flucht, bevor er in der vergangenen Woche in Serbien festgenommen wurde.

Während die serbische Regierung nichts für die Kosten der Verteidigung von Mladic zahlen will, hat die Regierung der Serbenrepublik in Bosnien-Herzegowina 50.000 Euro Soforthilfe bereitgestellt, berichteten die Medien am Freitag in Banja.

Serbien drängt unterdessen nach der Auslieferung Mladics auf den Status als EU-Beitrittskandidat. Der Balkanstaat müsse zudem ein Datum für den Beginn von Beitrittsverhandlungen erhalten, sagte Präsident Boris Tadic der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Serbien hat die gleiche Behandlung wie unser Nachbarland Kroatien verdient, dem gleichzeitig der Kandidatenstatus und das Datum für den Beginn von Beitrittsverhandlungen verliehen wurde." Es gebe keinen Grund, Serbien anders zu behandeln. Die Ergreifung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers gilt als Voraussetzung für einen Beitritt Serbiens zur Europäischen Union. Das Land muss zuvor aber noch demokratische, rechtliche und wirtschaftliche Reformen abschließen. Tadic räumte ein, er glaube, dass Mladic bis Anfang 2008 von staatlichen Stellen bei seiner Flucht unterstützt worden sei. Mladic war - obwohl offiziell gesucht - Medienberichten zufolge immer wieder in der Öffentlichkeit zu sehen, etwa beim Besuch von Fußballspielen.

anr/dpa/Reuters/AFP

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si_tacuisses 03.06.2011
1. Serbien in die EU ?
Zitat von sysopEr kam im Anzug statt wie angekündigt in Militäruniform: Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist erstmals vor dem Uno-Tribumal in Den Haag erschienen. Nach Aussagen seines Anwalts will sich der Ex-General*zunächst aber*nicht zur Anklage äußern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766384,00.html
Dann doch lieber die Türkei.
afxtwin 03.06.2011
2. "Ich bin ein schwer kranker Mann"
"Ich bin ein schwer kranker Mann" - wen interessiert das? seine opfer sind "schwer tot". trotzdem wünsche ich dem ratko aber eine baldige genesung, so dass er möglichst viel seiner kommenden strafe absitzen kann.
mischamai 03.06.2011
3. Streichelzoo
Zitat von sysopEr kam im Anzug statt wie angekündigt in Militäruniform: Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist erstmals vor dem Uno-Tribumal in Den Haag erschienen. Nach Aussagen seines Anwalts will sich der Ex-General*zunächst aber*nicht zur Anklage äußern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766384,00.html
klingt mal wieder nach Streichelzoo,...wer nicht reden möchte braucht wohl etwas Nachhilfe... einer der schlimmsten Massenmörder(unverständlich noch vom Volk als Held gefeiert,kopfschüttel)sollte mit etwas Nachdruck zur Aussage verleitet werden.
flötrolf 03.06.2011
4. Rechtstaatliche Errungenschaft gegen Menschenwürde!
Zitat von sysopEr kam im Anzug statt wie angekündigt in Militäruniform: Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist erstmals vor dem Uno-Tribumal in Den Haag erschienen. Nach Aussagen seines Anwalts will sich der Ex-General*zunächst aber*nicht zur Anklage äußern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766384,00.html
Der Mann zusammen mit Karadzic stellt die Errungenschaften unserer Gesellschaft wahrlich auf eine harte Probe. Dieser Kerl hat - quasi vor laufenden Kameras - bestialische, ethnisch begründete Morde (begangen) begehen lassen. Die Todesstrafe ist abgeschafft! Hier möchte man emotional sagen dürfen: leider! Wenn sich die Diagnose allerdings bestätigt, dass der Mann Krebs hat und nach 2 Schlaganfällen bereits dem Tod geweiht ist, steht auch dieser Bestie in unserer Gesellschaft ein Lebensende in Würde zu! Ich möchte das nicht beurteilen müssen!
PeterN 03.06.2011
5. EU Beitritt
Ja prima, können wir dann auf die Liste setzen und schonmal sparen anfangen.
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