Exil-Iranerin Afshin-Jam "Die Leute haben genug von den Lügen"

Sie singt, spricht vier Sprachen, war Pilotin und "Miss Kanada". Nazanin Afshin-Jam setzt sich für Menschenrechte, insbesondere die Rechte der Frauen und Kinder in Iran ein. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über die Proteste und ihre Vision für ein freies Land.


SPIEGEL ONLINE: Frau Afshin-Jam, eines Ihrer Lieder auf dem Album "Someday" heißt "Someday the Revolution Song" - glauben Sie, dass diese Revolution jetzt kommt?

Afshin-Jam: Ich hoffe das. Ich habe in jedem Fall das Gefühl, dass das der Anfang vom Ende ist. Für Mussawi auf die Straße zu gehen, ist ein Grund für die Mobilisierung, aber die Proteste gehen weit darüber hinaus. Die Leute haben genug von den Lügen des Regimes, von der Brutalität, der Verletzung der Menschenrechte, der Diskriminierung der Frauen. Sie haben genug von der Unterdrückung von ethnischen und religiösen Minderheiten, Journalisten, Bloggern und jedem, der anderer Meinung ist als das Regime.

SPIEGEL ONLINE: Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder von den Demonstrationen sehen?

Afshin-Jam: Es ist sehr aufregend. Millionen gehen auf die Straße, nicht nur in der Hauptstadt, sondern überall im Land. Wir sehen, dass ihre Angst verschwindet. Für mich als iranische Kanadierin ist es sehr spannend, die Kraft der Menschen zu sehen. Zu sehen, dass sie ihr Schicksal in die Hand nehmen. Ich wünschte, ich könnte da sein um mit ihnen zu kämpfen. Die Leute in Iran sind sehr tapfer. Aber durch Erfahrungen in der Vergangenheit wissen wir auch, dass Frieden oft einen hohen Preis hat. Ich hoffe, dass es nicht zu Blutvergießen kommt.

SPIEGEL ONLINE: Die Oppositionellen erhoffen sich von Mussawi eine Reform - auch was die Stellung der Frauen angeht. Die für iranische Verhältnisse hochmodernen Auftritte von Mussawis Ehefrau Sahra Rahnaward im Wahlkampf waren für viele Frauen Anlass zu großen Erwartungen. Könnte Mussawi den Hoffnungen gerecht werden?

Afshin-Jam: Wenn wir eine wirkliche Veränderung wollen, dann brauchen wir ein ganz neues, demokratisches System. Ein erster Schritt könnte das sein, was unter Mussawi passieren kann. Viele Frauen haben Mussawi unterstützt wegen seiner Frau. Sie ist eine sehr bekannte Universitätsprofessorin, die sich für viele Reformen und für das Ende der Diskriminierung einsetzt. Dabei ist sie sehr charismatisch. Sie sind ihm gefolgt, weil sie glauben, dass seine Frau Einfluss auf ihn hat und das eine wahre Veränderung bedeuten würde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Frauen in Iran in dieser Situation?

Afshin-Jam: Die Frauen spielen eine sehr wichtige Rolle in dieser ganzen Bewegung. Sie haben seit der Revolution viele ihrer Rechte verloren. Vorher konnten sie sich als Kandidatin für die Präsidentschaftswahl aufstellen lassen, Richterin werden oder ganz normale Dinge tun wie reisen ohne Zustimmung ihrer Ehemänner oder Väter. Die Frauen haben schon vor den Protesten für ihre Rechte gekämpft, obwohl sie inhaftiert und gefoltert wurden. Jetzt wehren sie sich gegen die Basidschi-Milizen. Das ist wirklich sehr eindrucksvoll. Die Frauen sind eine der stärksten Kräfte in Iran, die große Veränderungen bringen werden.

SPIEGEL ONLINE: Die internationale Politik ist auffallend wortkarg. Was müsste sie Ihrer Meinung nach tun?

Afshin-Jam: In der Tat, die Vereinten Nationen bleiben sehr ruhig in dieser Situation. Es ist wirklich bemerkenswert, dass nicht mehr politische Führer Stellung beziehen. Ich verstehe, dass US-Präsident Barak Obama und einige andere westliche Regierungschefs in dieser Situation nicht zu viel sagen, denn sie wollen nicht, dass die Hardliner in Iran eine Entschuldigung haben, noch mehr auf die Leute loszugehen. Nichts zu sagen, ist dennoch keine Option. Politische Führer im Ausland sollten sagen, dass sie zu den Leuten in Iran stehen. Es wäre wichtig, eine von der Uno beobachtete Wahl stattfinden zu lassen. Und dann sollte es ein Referendum geben, in dem die Leute selbst entscheiden können, ob sie eine Islamische Republik wollen oder ein demokratisches System.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren setzen Sie sich für Menschenrechte insbesondere von Frauen und Kindern ein. Wie beurteilen Sie die aktuelle Menschenrechtssituation in Iran?

Afshin-Jam: Sie ist unterirdisch. Seit der Revolution sind die Menschenrechte verletzt worden, aber besonders brutal war das Regime in den letzten Jahren unter Mahmud Ahmadinedschad. Derzeit warten rund 140 Kinder auf ihre Hinrichtung. Ich habe gerade einen großen Report über Hinrichtungen von Kindern abgeschlossen. Dieses Jahr sind drei Kinder umgebracht worden, acht im letzten Jahr, genauso wie 2007. Was die Frauenrechte betrifft, werden immer mehr Moralpolizisten angestellt, die auf der Straße Frauen anzeigen, die nicht richtig angezogen sind oder die Hände ihrer Freunde halten. Viele Leute haben diesmal einfach deshalb gewählt, weil sie nicht wollten, dass Ahmadinedschad wieder an die Macht kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihre Vision für Iran aus?

Afshin-Jam: Ich bin optimistisch und schaue immer hoffnungsvoll in die Zukunft. Darum singe ich in meinem Song "Some day we'll find a way": Das Licht wird das Dunkel überstrahlen. Immer wenn es in der Geschichte Korruption oder brutale Diktatur gab, hat sich am Ende das Gute durchgesetzt. Für Iran gibt es jetzt kein Zurück mehr. Die iranischen Menschen möchten in Wohlstand und Frieden leben und sie wollen eine Verfassung, die auf den Menschenrechten basiert. Ich weiß nicht, wie lange das dauern wird, aber ich bin sicher, es wird kommen.

Das Interview führte Miriam Vogel

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