Exit-Projekte Tischtennis für die Taliban

Die Idee klingt bestechend: Statt mit Gewalt gegen Taliban vorzugehen, sollen ihnen Aussteigerprogramme den Zulauf abgraben. Doch solche Projekte haben einen entscheidenden Nachteil - sie funktionieren nur, wenn die Aufständischen schon dabei sind, den Kampf zu verlieren.

Taliban in der Provinz Ghazni: Aus Deutschland 50 Millionen Euro für Aussteiger
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Taliban in der Provinz Ghazni: Aus Deutschland 50 Millionen Euro für Aussteiger

Von Peter R. Neumann


Mit 50 Millionen Euro will Deutschland ein Aussteigerprogramm für Taliban in Afghanistan fördern. Die Überlegung: Wenn man einzelnen Taliban hilft, sich aus ihren Verbänden zu lösen und in die afghanische Gesellschaft zurückzukehren, wirkt das gleich doppelt. Man verringert die Zahl der Feinde und kappt gleichzeitig die Unterstützung für die Aufständischen aus dem Volk.

Es klingt nach einem guten Plan - aber wie funktionieren solche Programme eigentlich in der Praxis? Und - viel wichtiger noch - erreichen sie ihr Ziel?

In den vergangenen Jahren haben überall auf der Welt Regierungen damit begonnen, "Exit"-Programme für islamistische Terroristen oder Aufständische aufzulegen. Wahre Armeen sogenannter "De-Radikalisierungsberater" sind in den Ländern des Nahen Ostens und Südostasiens eingefallen und bieten dort ihre Dienste an, womit sie sich ihren eigenen kleinen, aber durchaus profitablen Markt geschaffen haben. Saudi-Arabien, Jemen, Indonesien, Jordanien, Singapur, Irak, Malaysia und Ägypten finanzieren solche Programme für Aussteiger; auch die Philippinen werden bald folgen.

Von außen betrachtet sind die Programme sehr unterschiedlich. Da gibt es spontane und zum Teil sehr chaotisch wirkende Initiativen. Das Programm in Indonesien zum Beispiel wurde von einem vormaligen Terroristen organisiert und hat sich nach Presseberichten aus Geldern der indonesischen Mafia finanziert. Im Jemen entstand das Programm aus einer Dialoginitiative islamischer Gelehrter, die die Gefangenen zu einer Debatte über die religiösen Grundlagen des Dschihads herausforderten.

Saudi-Arabien finanziert die Resozialisierung von 4000 Extremisten

Der Kontrast zum "Mega"-Aussteigerprogramm in Saudi-Arabien könnte größer nicht sein. Mittlerweile haben fast 4000 vormalige Terroristen und Aufständische das dortige Programm durchlaufen. Geld spielt für die Saudis keine Rolle, und so sorgen mittlerweile mehrere hundert Polizisten, Psychologen und islamische Gelehrte für das Wohlergehen der Teilnehmer. Die saudische Regierung baute für die Aussteiger spezielle Trainingseinheiten auf , in denen sich die vormaligen Aufständischen unter anderem mit Computerspielen, Tischtennis oder Kunsttherapie die Zeit vertreiben.

Trotz aller äußerlichen Unterschiede basieren alle Programme im Prinzip auf derselben Rezeptur:

  • Es gehört immer eine Form der Umerziehung dazu; dabei werden die politischen Ansichten und religiösen Überzeugungen der Aufständischen systematisch hinterfragt.
  • Zweite Säule ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft; die Aufständischen bekommen Jobs und werden in einem neuen sozialen Umfeld angesiedelt, das nicht dem Einfluss der Extremisten unterliegt.
  • Ein dritter Bestandteil ist die Androhung von Strafe für den Fall, dass die Aussteiger rückfällig werden, das heißt, falls sie sich wieder den Aufständischen anschließen.

Wir haben am Internationalen Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung am King's College in London inzwischen ein rundes Dutzend solcher "Exit"-Programme unter die Lupe genommen, um genauer sagen zu können, welche Wege zum Erfolg führen und welche nicht. Ein erstes Fazit: De-Radikalisierung und Aussteigerprojekte sind kein Allheilmittel. Im Gegenteil, die Bilanzen fallen sehr unterschiedlich aus, weshalb Deutschland und die anderen Geberländer Erfolge und Misserfolge genau studieren sollten, bevor sie das Geld ihrer Steuerzahler für solche Programme ausgeben.

Resozialisierung nur für Aufständische ohne "Blut an den Händen"

Fünf Punkte sollten dabei unserer Erfahrung nach bei der Einrichtung der Programme besondere Beachtung finden:

  • Keines der existierenden Projekte funktioniert perfekt: Auch das aufwendigste Aussteigerprogramm - in Saudi-Arabien - konnte nicht verhindern, dass eine gewisse Zahl an Absolventen rückfällig geworden ist und sich al-Qaida aufs Neue angeschlossen hat. Zwei von ihnen sollen sogar an der Vorbereitung des Sprengstoffanschlags auf den Northwest-Flug nach Detroit beteiligt gewesen sein. Politiker sollten sich bewusst sein, dass eine Erfolgsquote von hundert Prozent niemals zu erreichen ist - und die Projekte auch dann weiter unterstützen, wenn es einmal nicht nach Plan läuft.
  • Aussteigerprogramme sind teuer: In den Projekten, die man als Erfolg bezeichnen kann, wird ein Großteil der Mittel für die "Nachsorge" ausgegeben - also für die Betreuung der ehemaligen Aufständischen (in wirtschaftlicher, sozialer und psychologischer Hinsicht), nachdem sie das Programm durchlaufen haben. Wo diese Nachsorge ausbleibt, wie beispielsweise im Jemen, schlägt sich ein großer Anteil der Absolventen wieder auf die Seite der Extremisten.
  • Ohne Berücksichtigung kultureller Unterschiede und Traditionen geht gar nichts: Im Irak zum Beispiel müssen lokale Clans für die Aussteiger bürgen, bevor sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. In Singapur muss die Familie des Aussteigers den kompletten Prozess der Umerziehung und Resozialisierung aktiv begleiten. Der lokale Kontext also ist wichtig; selbst die besten Programme können nichts ausrichten, wenn sie nicht die Gegebenheiten und Traditionen vor Ort berücksichtigen.
  • Viele Programme sind längst nicht so ambitioniert oder effektiv, wie sie auf den ersten Blick erscheinen: Das Projekt der Saudis beispielsweise schließt grundsätzlich solche Aufständischen aus, die "Blut an den Händen haben". In Indonesien ist es nicht das Ziel, dass Aufständische der Gewalt abschwören, sondern eine Vorbedingung. Für alle untersuchten Projekte gilt, dass sie Aussteiger dabei unterstützen können, einen Weg zu gehen, den sie selbst bereits eingeschlagen haben. Niemand jedoch kann gegen seinen Willen dazu bewegt werden, auszusteigen.
  • Die Programme funktionieren vor allem dann, wenn die Seite der Aufständischen dabei ist, die gewaltsame Auseinandersetzung zu verlieren: In Ägypten haben sich islamistische Extremisten zu Hunderten in den Aussteigerprogrammen gemeldet - aber erst dann, als ihre Führung in Haft saß und es offenkundig war, dass ihr Feldzug keine Aussichten auf Erfolg mehr haben würde. Dasselbe Bild im Irak: Zulauf haben die Projekte erst 2007 erfahren, als der sunnitische Aufstand niedergeschlagen und al-Qaida weitgehend besiegt war.

Solange die Taliban Erfolg haben, wird keiner den Ausstieg wählen

Dieser letzte Punkt stellt das größte Hindernis für das geplante Aussteigerprogramm in Afghanistan dar: Warum sollte ein Taliban "aussteigen" wollen, wenn seine Seite die Oberhand zu gewinnen scheint?

"Exit"-Programme können in der Tat ein wichtiges Instrument sein, um die Bewältigung eines gewaltsamen Konfliktes voranzubringen. Aber sie können kein Ersatz für die Konfliktbewältigung sein. Solange die Taliban weiter an Boden gewinnen, wird auch ein aufwendiges und großzügig finanziertes Programm für Aussteiger wenig bewirken.

Übersetzung: Olaf Kanter

Forum - Soll der Westen in Afghanistan mit den Taliban zusammenarbeiten?
insgesamt 2965 Beiträge
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Seite 1
akolyth2 23.01.2010
1. Zusammenarbeit
Dies ist vollkommen undenkbar. Eine Erhöhung der Militärpräsenz und eine Ausweitung der militärischen Maßnahmen in Zahl, Intensität und Härte sind die einzigen angezeigten Mittel.
Panslawist 23.01.2010
2.
Zitat von sysopÜber die richtige Strategie des Westens in Afghanistan wird intensiv diskutiert. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, wie man künftig mit dem Widerstand im Lande umgeht. Soll im Rahmen einer Gesamtstrategie auch mit den Taliban zusammengearbeitet werden?
Gestern Russlands Mahnung zur Bekämpfung der Finanzierung des Terrorismus und heute die Frage nach einer Zusammenarbeit mit den Taliban. Der geneigte Forist mag sich an meine Voraussage bezüglich des kommenden Konflikts zwischen der Nato auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite erinnern. Ein möglicher Konflikt zwischen Pakistan und Indien wird der beginn für den grossen Kriegt sein.
Peter Uhlemann 23.01.2010
3.
Zitat von sysopÜber die richtige Strategie des Westens in Afghanistan wird intensiv diskutiert. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, wie man künftig mit dem Widerstand im Lande umgeht. Soll im Rahmen einer Gesamtstrategie auch mit den Taliban zusammengearbeitet werden?
Eindeutig ja. Um diesen unseligen Krieg endlich zu beenden und zu einer Lösung zu kommen, mit der alle leben können, müssen alle Kräfte in Afghanistan eingebunden werden, auch die "Taliban". Die "Taliban" zu vernichten wird nicht gelingen, nicht heute, nicht morgen, nicht in 100 Jahren.
natterngesicht 23.01.2010
4.
Zitat von sysopÜber die richtige Strategie des Westens in Afghanistan wird intensiv diskutiert. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, wie man künftig mit dem Widerstand im Lande umgeht. Soll im Rahmen einer Gesamtstrategie auch mit den Taliban zusammengearbeitet werden?
Ja was denn sonst? Schließlich gibt es genug gemäßigte Taliban. Der Westen kann nichts von oben bestimmen, die einheimischen Politiker und Eliten sind zuständig. Und dazu gehören nun mal die Taliban (übersetzt heißt Taliban: Theologe, jemand der sich in Glaubensdingen anstrengt bzw bemüht. Quasi ein Theologiestudent. "Freedom & democracy" ist nur eine andere Theologie. Der Islam hat natürlich bessere Karten bei den Einheimischen.)
natterngesicht 23.01.2010
5.
Zitat von Peter UhlemannEindeutig ja. Um diesen unseligen Krieg endlich zu beenden und zu einer Lösung zu kommen, mit der alle leben können, müssen alle Kräfte in Afghanistan eingebunden werden, auch die "Taliban". Die "Taliban" zu vernichten wird nicht gelingen, nicht heute, nicht morgen, nicht in 100 Jahren.
Wer die Taliban vernichten will, der will die meisten Afghanen vernichten. Warum sollte das jemand wollen, außer vielleicht Bush, der wußte, wer oder was böse ist.
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