Experten-Alarm Irak droht kompletter Kollaps

Dramatische Expertise: Renommierte britische Experten warnen in einer schonungslosen Analyse davor, dass der Irak in seiner derzeitigen Form binnen eines Jahres nicht mehr existieren könnte. Besonders erschreckend: Iraks Regierung sei für Forschritte jetzt schon "weitgehend unerheblich".


London - Nach Einschätzung der britischen Experten wird das kommende Jahr entscheidend für den Irak. Andauernde Macht- und Vernichtungskämpfe gefährdeten das Bestehen des Landes in seiner derzeitigen Form, heißt es in dem Chatham-House-Bericht mit dem Titel "Die Realitäten im Irak akzeptieren", der heute vorgestellt wurde. Chatham House ist das renommierte Königliche Institut für Internationale Beziehungen.

Jubelnde Iraker (nach Angriff auf Dänen): "Durch Bürgerkriege zerrissen"
AP

Jubelnde Iraker (nach Angriff auf Dänen): "Durch Bürgerkriege zerrissen"

Der Irak ist dem Bericht zufolge in viele regionale Kraftzentren zerfallen - im Detail analysieren die Experten:

  • Die Macht sei an lokale Religions- oder Stammesführer übergegangen.
  • Die irakische Regierung sei nur mehr einer von mehreren "staatsartigen Handlungsträgern". Sie sei "weitgehend unerheblich", was das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben angehe.
  • Dem Staat drohe die Spaltung und damit der Zusammenbruch.

Der Irak sei nicht nur durch "einen Bürgerkrieg, sondern durch viele Bürgerkriege und Aufstände" zerrissen. An ihnen seien verschiedene religiöse, politische und ethnische Gruppen beteiligt. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen hätten diese Konfliktsituation inzwischen vollkommen verinnerlicht. Die immer schärfere Polarisierung der Gesellschaft führe zu einem Zusammenbruch des sozialen Zusammenhalts.

Die dramatische Gewalt im Land sei nicht unter Kontrolle gebracht worden - und dies sei auch nicht innerhalb weniger Monate zu erreichen. Um eine politische Lösung für den Irak zu finden, schlagen die Experten mehrere Ansätze vor:

  • Die Sunniten müssten in die Regierung einbezogen werden.
  • Der radikale Schiitenführer Muktada al-Sadr müsse als rechtmäßiger politischer Partner anerkannt werden.
  • Für die Anliegen der Kurden müsse eine "positive Antwort" gefunden werden.
  • Neben dem Problem, eine anerkannte föderalistische Struktur für den Staat zu finden, müsse vor allem die Kontrolle über die Ölvorkommen und die zwischen den Volksgruppen umstrittenen Gebiete geregelt werden.

Diese Realitäten müssten anerkannt werden, "wenn neue Strategien eine Chance haben sollen, um den Zusammenbruch des Irak zu verhindern", schreiben die Experten.

In dem Bericht werden auch die irakischen Nachbarländer Iran, Saudi-Arabien und die Türkei für die katastrophale Lage im Irak verantwortlich gemacht. Alle drei Länder hätte Interesse daran, "dass sich die Instabilität im Irak fortsetzt", heißt es. Sie würden unterschiedliche Methoden anwenden, um die Entwicklung im Irak zu beeinflussen.

USA und Iran planen Irak-Gipfel

Tatsächlich gibt es inzwischen ernsthafte Versuche, vor allem das Nachbarland Iran in die Lösung der Irak-Krise einzubeziehen. US-Vertreter wollen am 28. Mai im Irak iranische Kollegen treffen, um über die schwierige Lage zu sprechen. Um andere Themen werde es bei dem Treffen nicht gehen, sagte der iranische Außenminister Manutschehr Mottaki heute bei einem Außenministertreffen der Organisation der Islamischen Konferenz in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. "Nichts außer dem Irak steht auf dem Programm."

Mottaki sagte, irakische Vertreter würden an den Konsultationen teilnehmen. Die USA wollen ihren Irak-Botschafter Ryan Crocker entsenden. Erwartet wurde, dass Irans Vize-Außenminister Abbas Arakschi, der bereits Kontakt zu Crocker hatte, sein Land vertritt.

Die USA hatten das Treffen durch die Schweizer Botschaft in Teheran beantragt, die Washingtons Interessen in Iran vertritt. Iran und die USA haben seit 1979 keine diplomatischen Beziehungen mehr miteinander.

hen/AFP/dpa



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