Extremisten-Video Deutsche Irak-Geiseln flehen Kanzlerin um Hilfe an

Die Videobotschaft ist erschütternd - gedemütigt und verzweifelt flehen die beiden deutschen Irak-Geiseln Kanzlerin Merkel an: "Helfen Sie uns! Wir sind doch auch Deutsche!" Die Kidnapper fordern den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Sonst müssten die Mutter und ihr Sohn sterben.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es ist ein flehentlicher Appell in Todesangst. Am Boden kauernd klammern sich Mutter und Sohn aneinander. "Ich habe niemanden, der mir helfen kann - nur noch Sie", sagt die Frau unter Tränen und mit gebrochener Stimme. Die Entführer hätten damit gedroht, ihren Sohn vor ihren Augen zu ermorden. "Mit den Leuten ist nicht zu spaßen, die werden meinen Sohn umbringen." Ihre Worte richten sich direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Gehen Sie auf die Forderungen ein - irgendwie." Und weiter: "Ich bitte Sie, helfen Sie uns! Wir sind doch auch Deutsche."

Das Video, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wurde heute unter anderem auf einem einschlägigen arabischsprachigen Internetforum verbreitet, in dem verschiedene Terrororganisationen seit Monaten ihre Bekennerschreiben, Propaganda und Videos ablegen. Die Überschrift lautet: "Eilige Nachricht. Aufruf der Gruppe 'Pfeile der Rechtschaffenheit' an die deutsche Regierung (Mit Video)".

Auch erste Kommentare von Sympathisanten wurden bereits verfasst. Ein User namens "Al-Mudschahid al-Tarid" schrieb: "Gepriesen seien die 'Pfeile der Rechtschaffenheit', wahrlich, der eine Muslim ist des anderen Muslim Bruder". Auch Links zur aktuellen Berichterstattung auf SPIEGEL ONLINE wurden verbreitet, versehen mit dem Kommentar: "Auch die deutschen Medien haben schon begonnen, die Nachricht zu bringen!"

Das Band ist etwa acht Minuten lang und orientiert sich an Videos dieser Art, die bereits bekannt sind: Auf ein einführendes Koranzitat folgt die Einblendung des deutschen Reisepasses und des Personalausweises der entführten Frau. Dann ergreift sie selbst das Wort und bittet auf Deutsch mehrere Minuten lang die deutsche Regierung darum, ihr zu helfen. Die Forderung "dieser Leute" bestehe darin, dass Deutschland sich aus Afghanistan zurückziehe, sagt sie. Ihre Worte wurden schriftlich ins Arabische übersetzt.

Danach melden sich die Entführer zu Wort: Drei Männer sind zu sehen, zwei davon bewaffnet, alle vermummt. Der Wortführer trägt auf Arabisch vor: Deutschland sei Teil der Besatzer Afghanistans und müsse abziehen. "Wir geben der deutschen Regierung zehn Tage vom Datum dieser Erklärung an, um den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan bekannt zu geben und zu beginnen", sagt ein Maskierter. Er liest die Erklärung von einem Zettel ab. "Andernfalls werden sie nicht einmal die Leichen dieser beiden Agenten zu sehen bekommen."

Die beiden Deutschen werden seit Anfang Februar vermisst. Nach bisherigen Erkenntnissen handelt es sich bei den Entführten um eine mit einem Iraker verheiratete, über 60 Jahre alte Frau und ihren Sohn, der Mitte 20 sei. Dieser ist in dem Video neben seiner Mutter zu sehen. Die Bundesregierung hat Angaben zur Identität der Vermissten bislang abgelehnt. Im dem Video präsentieren die Kidnapper nun Aufnahmen des Reisepasses eines ihrer Opfer, so scharf, dass Name und sogar Passnummer ohne Weiteres zu erkennen sind.

Bislang unbekannte Islamistengruppe

Die Gruppe "Pfeile der Rechtschaffenheit" ist nicht einschlägig bekannt. Dutzende Terrorgruppen aus dem Irak melden sich täglich zu Wort, um ihre Attacken kundzutun. Aber die "Pfeile der Rechtschaffenheit" waren bisher nicht dabei. Das kann vielerlei bedeuten: Dass eine etablierte Gruppe sich eine eigene Einheit zum Zwecke der Entführung zugelegt hat, dass die Gruppe sich erst nach der Entführung einen Namen kreiert hat, oder dass diese Gruppe zum ersten Mal mit einem derartigen Akt in Erscheinung tritt.

Schlüsse darauf, wie groß deswegen die Gefahr für die beiden Opfer ist, kann man auf dieser Grundlage seriöserweise nicht ziehen. In vielen Fällen bleibt sogar bis zum Ende unklar, in wessen Hand eine Geisel war. Die deutsche Archäologin Susanne Osthoff etwa wurde von einer Gruppe verschleppt, die sich ebenfalls einen Namen zugelegt hatte, der zuvor unbekannt war - "Erdbebenbrigaden". Sie selbst behauptete aber noch nach ihrer Freilassung, es habe sich um eine zum Umfeld des al-Qaida-Führers Abu Mussab al-Sarkawi gehörende Gruppe gehandelt.

Entführungen von westlichen und arabischen Geiseln gibt es im Irak seit Jahren fast täglich. Sarkawi war der erste, der diese Praxis in dem Land etablierte. Er ließ freilich seine Geiseln zumeist brutal und vor laufender Kamera ermorden, es ging ihm um den Schockeffekt, nicht um Geld. Mittlerweile stellt sich die Lage anders dar: In vielen Fällen konnten Geiseln mit Geld befreit werden, die Grenzen zwischen politischen und rein kriminellen Entführern sind fließend, und auch kriminelle Banden stellen oft politische Forderungen. Auch die Geiselnehmer der beiden Deutschen sollen diese nach Informationen des SPIEGEL in mehreren Telefonaten mit Angehörigen der Familie in Deutschland geäußert haben.

Zurückhaltung im Außenministerium

Die Mutter und ihr Sohn waren Anfang Februar aus ihrem Haus in Bagdad verschleppt worden, als sie gerade zur Arbeit gehen wollten. Ein halbes Dutzend Männer war dabei in die Wohnung in einem überwiegend von Sunniten bewohnten Viertel eingedrungen und hatte die Familie in Schach gehalten. Der Krisenstab war zuletzt Hinweisen nachgegangen, denen zufolge die Geiselnehmer aus Kreisen der irakischen Widerstandsbewegung stammen könnten. Nach SPIEGEL-Informationen hatten die Entführer laut Zeugen erklärt, sie gehörten zum "Dschaisch al-Islam", zur "Islamischen Armee".

Das Auswärtige Amt in Berlin ging auf die Veröffentlichung des Videos nicht näher ein. Eine Sprecherin verwies heute auf die Arbeit des Krisenstabs und sagte, dort würden die neusten Meldungen ausgewertet. Die Bundesregierung hat sich bislang nicht detailliert zum Schicksal der beiden Deutschen geäußert.

Es ist das dritte Mal, dass Deutsche im Irak in die Hände von Geiselnehmern geraten sind. Im vergangenen Jahr waren die beiden Leipziger René Bräunlich und Thomas Nitzschke im Irak entführt worden. Sie waren als Monteure des sächsischen Unternehmens Cryotec Anlagenbau nach Baidschi gereist. Ihre Geiselhaft dauerte rund drei Monate. Die Archäologin Osthoff war Ende 2005 mehr als drei Wochen in der Hand irakischer Kidnapper.

mit Reuters/dpa/AP

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