Facebook-Chef in Paris Der Macron-Zuckerberg-Effekt

Sollen sie ihn in Brüssel ruhig prügeln - im Élysée-Palast bereitete Emmanuel Macron seinem Gast Mark Zuckerberg einen extrem freundlichen Empfang. Für den Facebook-Chef kam das gerade recht.

Macron und Zuckerberg
AFP

Macron und Zuckerberg

Von , Paris


Wie es Mark Zuckerberg im Pariser Élysée-Palast erging, ließ sich aus seiner Körpersprache ablesen. Bei seiner Ankunft im schwarzen Mercedes-Van am Mittwochabend durchschritt der 34-jährige Facebook-Chef den Hof des französischen Präsidentenpalasts mit steifem Schritt und unbeweglicher Miene. Wie ein junger Militär, der zum Appell muss. Als er eine Stunde später zu seinem Van zurückkehrte, sprang er munter über die Palaststufen und lächelte. Wie ein jungdynamischer, aber trotzdem sympathischer Manager.

Was Zuckerberg an diesem Abend geschah, nennen heute viele Franzosen den Macron-Effekt. Was in etwa meint: Auch ohne konkrete Ergebnisse verändert dieser Präsident schlagartig die Stimmung. Für Zuckerberg kam der Macron-Effekt gerade richtig.

Zuckerberg bei seiner Ankunft im Palast
AP

Zuckerberg bei seiner Ankunft im Palast

Zuvor hatte der Facebook-Chef nach einer Anhörung vor Europaparlamentariern in Brüssel viel Kritik geerntet. Zuckerberg hatte die Debatte nach vereinbarten eineinhalb Stunden abbrechen lassen. Das brachte ihm prompt den Vorwurf der Respektlosigkeit gegenüber dem Europaparlament ein. Auf viele Fragen der Abgeordneten ging er kaum ein. Im Nachhinein schien es, als wollte ihm kein Europäer glauben, was er in Brüssel behauptete: dass er nämlich seine Unternehmenskultur tatsächlich ändern und die Datensicherheit seiner Kunden verbessern wolle. In einer nichtrepräsentativen Internetumfrage des französischen "Figaro" vom Mittwoch gaben 96 Prozent von 4000 Teilnehmern an, Zuckerberg sei nicht vertrauenswürdig. Würden ihn die Europäer wie einen öffentlich Geächteten zurück ins Silicon Valley jagen?

Eben nicht. Dafür sorgte Emmanuel Macron, 40. Er erwies dem vermeintlichen Datenschutzverächter und Steuerflüchtling, der ein so wichtiger Wirtschaftsakteur ist, dann doch noch alle Ehren. Er stellte ihn für das große Gästefoto des Tages im Élysée-Palast sogar in die erste Reihe, gleich neben sich und den Präsidenten Ruandas, Paul Kagame. Da konnte man Zuckerberg unter Freunden sehen, nachdem er in Brüssel wie unter Feinden ausgesehen hatte.

Schließlich hatte Macron an diesem Tag nicht nur Zuckerberg, sondern ranghohe Vertreter der internationalen Hightech-Gemeinde geladen: vom Uber-Chef über die IBM-Chefin bis zum chinesischen Tencent-Vertreter. Sie sollten darüber reden, was die Digitalisierung Gutes bewirken könne. "Tech for Good" nannte sich der Industriegipfel unter Schirmherrschaft Macrons. Also forderte der Präsident die Industriellen wie Zuckerberg auf, über "soziale Probleme, Ungleichheit und Klimawandel" zu diskutieren. Zugleich warnte er seine Gäste, dass sie ihren Geschäftserfolg nicht dauerhaft fortsetzen könnten, ohne an die Gesellschaft zurückzuzahlen. "Es ist unmöglich, auf Geschenke zu zählen, wenn das Geschäft gut läuft", sagte Macron und spielte damit auf die geringen Steuerzahlungen US-amerikanischer Tech-Konzerne wie Facebook in Europa an.

Entscheidend aber waren für Macron nicht zurückliegende Versäumnisse, sondern was man gemeinsam besser machen könne. Und schon erschien Zuckerberg - in Brüssel noch der Angeklagte - wieder wie einer der großen Männer seiner Zeit. Denn nun traten Macron und Zuckerberg neben dem unbequemen, wenig demokratischen, aber umso erfolgreicheren, alten afrikanischen Staatsmann Kagame wie ein junges westliches Führungsduo auf, auf das sich Afrika und die Welt verlassen können.

Zuckerberg beim Verlassen des Palastes
AP

Zuckerberg beim Verlassen des Palastes

Natürlich war das nur eine gut inszenierte politische Show. Aber eine Show mit echtem Anliegen: Denn welche Perspektive hat Europa, wenn es in Trump-Zeiten nicht versucht, das Silicon-Valley auf seine Seite zu holen? Würde das westliche Bündnis nicht noch mehr leiden? "Im Élysée-Palast gibt es kein Essen umsonst", scherzte Macron mit seinen milliardenschweren Gästen. Er erwarte im Gegenzug klare Zusagen. Vielleicht hatte ihm Zuckerberg am Abend schon eine gegeben, so gut gelaunt, wie er den Präsidenten verließ.

Der Macron-Effekt wäre dann doch nicht ergebnislos. Und der Westen wieder ein kleines bisschen heiler.



insgesamt 13 Beiträge
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micromiller 24.05.2018
1. Präsident Macron hat das Zeug
Europa zu führen und er packt da an, wo unsere Frau Merkel & ihre 3 Parteien und unsere EU Parlamentarier den Anschluss komplett verpasst haben. Spannend wäre nur zu wissen, was er von der indirekten Kontrolle von Facebook durch das Atlantic Forum hält .....Hoffentlich gelingt es ihm Europa in eine halbwegs eigenständige Zukunft zu führen, Europa gebraucht dringend eine starke Führung und eine intelligente Stimme.
haralddemokrat 24.05.2018
2. Eine riesige Show
oder doch Politik und wenn ja, welche? Tatsache ist, Facebook und WhatsApp sind die Informationsautobahnen, um Menschen schnell zu erreichen. Zu welchen Zwecken? Nun, ich denke da schon an Manipulation aber auch an Kontrolle. Solange wir uns immer tiefer und damit nachhaltiger von diesen Quellen abhängig machen, um so mehr verlieren wir an Selbstbestimmung und damit an Entscheidungsfähigkeit. Von Kommunikationsethik und respektablen Austausch ganz zu schweigen.
timpia 24.05.2018
3. Europa könnte so anders sein
Hätten wir nur Macrons als Staatenlenker, wie schön könnte unsere Welt sein! Statt Merkel, May, Mattarella haben wir junge optimistische ernergiereiche Macrons, die mit Vision aber auch Realitätssinn den Staaten eine Richtung geben, an das Gute appelieren und mitreissende Wirkung haben. Aber es überwiegen eben doch phantasielose Bewahrer, die sich wichtig vorkommen, wenn sie wieder mal ihrer Kreuzchen bei ihrer Partei machen, die sie schon vor 30 Jahren immer schon gewählt haben ...
Actionscript 24.05.2018
4. Macron ein Verräter.
Dies ist ein Schachzug von Macron. Er hat dem EU Parlament die Kritik überlassen und erscheint jetzt vor Zuckerberg als der Weise und jemand, der in die Zukunft schaut. Macron verspricht sich damit Hilfe von Zuckerberg. Er sieht aber nicht, dass er dem EU Parlament damit in den Rücken gefallen ist. Jetzt ist Zuckerberg noch weniger bereit, auf Kritik einzugehen. Wenn die EU in solchen Entscheidungen nicht geschlossen zusammen stehen, werden sie nicht ernst genommen. Dafür hat Zuckerberg in den USA zu viel Macht. Ich sehe ein immer grösseres Auseinanderdriften zwischen der EU und den USA jetzt auch was die Beurteilung von Firmen wie Facebook, Google oder Apple angeht.
rumans 24.05.2018
5. es ist Zeit für ein staatliches Computerprogramm
das ähnliche Kommunikation ermöglicht, über dessen Offenheit ausschließlich der Nutzer bestimmt. Das dürfte doch nicht so schwer sein. Ausserdem sollten Apps verboten sein, die unbeschränkten Zugang zur Bedingung machen. Ausserdem sollten Computer und hys einen absoluten privaten Datenraum haben, der überhaupt nicht öffnenbar ist.
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