Facebook-Datenskandal Der Brexit - ein großer Betrug?

Britische Behörden prüfen den Verdacht, dass das Referendum mit obskuren Geldmitteln und Hilfe der umstrittenen Datensammler von Cambridge Analytica gewonnen wurde. Auf mehrere Minister kommen unangenehme Fragen zu.

Anti-Brexit-Demo in London (Archiv)
AFP

Anti-Brexit-Demo in London (Archiv)

Von , London


Der Whistleblower, der den Facebook-Datenskandal ins Rollen gebracht hat, hält den Brexit für gekauft. Das knappe Votum der Briten für einen Austritt aus der EU sei mithilfe schwarzer Kassen und "Betrugs" erschwindelt worden, sagte der Datenanalyst Christopher Wylie in einem Gespräch mit dem SPIEGEL und mehreren europäischen Zeitungen. Und eine zentrale Rolle spiele dabei sein Ex-Arbeitgeber Cambridge Analytica, bei dem es sich um eine Art "privatisierte NSA" handele. "Die Integrität des gesamten Brexit-Prozesses steht infrage", so Wylie.

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Heft 13/2018
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Wylie und der britische "Observer" hatten in der vergangenen Woche aufgedeckt, dass Cambridge Analytica rund 50 Millionen Daten von Facebook-Kunden unrechtmäßig erworben hatte, um diese für den Wahlkampf von Donald Trump zu missbrauchen. Am vergangenen Donnerstag übergaben der 28-Jährige und zwei weitere Whistleblower der britischen Wahlkommission ein 46-seitiges Dossier sowie drei Aktenordner mit E-Mails und Zeugenaussagen, um die Verstrickung der Firma mit führenden Brexit-Strategen zu belegen. In der Nacht zum Samstag durchsuchten britische Behörden die Büros von Cambridge Analytica in London.

Christopher Wylie
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Christopher Wylie

Im Zentrum der Vorwürfe steht die offizielle Brexit-Kampagne "Vote Leave" um den heutigen Außenminister Boris Johnson und den heutigen Umweltminister Michael Gove. Die Gruppe steckte nach eigenen Angaben rund 40 Prozent ihres gesamten Budgets in die obskure Datenanalysefirma AggregateIQ (AIQ). Das Unternehmen mit Sitz in Kanada sei aber nichts weiter als eine Ausgründung von Cambridge Analytica gewesen, die er selbst mitaufgebaut habe, sagt Wylie. "AIQ und Cambridge Analytica arbeiteten Hand in Hand" und hätten auch dieselben digitalen Werkzeuge benutzt.

Das Geschäftsmodell beider Firmen sei der Missbrauch von Daten, so der 28-Jährige. Es gehe darum, aus unzähligen Daten Persönlichkeitsprofile von Menschen zu erstellen, deren Vorlieben und Schwächen zu ergründen, um dann maßgeschneiderte Werkzeuge für die psychologische Beeinflussung - das sogenannte Targeting - zu entwickeln. "Danach führt man die Menschen in einen Tunnel voller Fake News."

Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #31. Der Fall Cambridge Analytica - Der eigentliche Skandal liegt im System Facebook

Vor der jüngsten US-Präsidentschaftswahl habe Cambridge Analytica auf diese Weise etwa "Paranoia vor dem Deep State" geschürt. So seien damals einzelne wirre Gerüchte umgegangen, wonach Präsident Barack Obama nicht zurücktreten werde und bereits Waffen im gesamten Land konfiszieren lasse, damit kein Widerstand gegen diesen Staatsputsch möglich sei. Diese Lügen habe Cambridge Analytica aufgegriffen, verstärkt und gezielt weiterverbreitet, so Wylie. Targeting sei auch der einzige Daseinszweck von AIQ und während des Brexit-Referendums massenhaft zum Einsatz gekommen.

Die "Vote Leave"-Kampagne steht zudem im Verdacht, vor dem Referendum 2016 deutlich mehr Geld investiert zu haben als es die britischen Wahlkampfregeln vorsehen. Weil die Obergrenze von sieben Millionen Pfund bereits erreicht war, soll "Vote Leave" eine Spende in Höhe von 625.000 Pfund auf Umwegen zu AIQ transferiert haben. Dafür sei die damalige Aktivistengruppe BeLeave benutzt worden, berichtet der "Guardian" unter Verweis auf einen weiteren Whistleblower. Die 625.000 Pfund seien offiziell bei BeLeave verbucht worden, tatsächlich auf direktem Weg von "Vote Leave" zu AIQ geflossen. "Sie haben eine Methode entwickelt, um viel mehr Geld als erlaubt ins Targeting pumpen zu können", sagt Wylie. Er sei kein ausgesprochen großer Fan der Europäischen Union, so der in London lebende Kanadier - "aber Betrug ist Betrug".

Die Briten hatten seinerzeit mit 52 gegen 48 Prozent für den Brexit gestimmt. Ohne die fragwürdigen Machenschaften sei das "niemals möglich" gewesen, so Wylie, der am morgigen Dienstag vor einem Ausschuss des britischen Parlaments aussagen wird.

Wylies Anwältin Tamsin Allen sagte, der Vorwurf mehrerer "krimineller Handlungen" stehe im Raum. Das Referendum könne nicht mehr annulliert werden, aber der politische Schaden sei immens. "Womöglich ist der Wille des Volkes, auf den sich immer alle berufen, gekauft worden."

"Vote Leave" bestreitet sämtliche Vorwürfe. "Unsere Daten sind nicht einmal in die Nähe von Cambridge Analytica gelangt", sagte ein Sprecher. Außenminister Johnson bezeichnete die Anschuldigungen als "durch und durch lächerlich". Das Brexit-Referendum sei "fair, anständig und legal" gewonnen worden.



insgesamt 181 Beiträge
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DerHerrMustermann 26.03.2018
1. Das wahre Problem
Immer, wenn jetzt darüber spekuliert wird, welche politischen Entscheidungen der letzten zwei Jahre böswillig durch Facebook beeinflusst wurden, ärgere ich mich nicht so sehr über das Propaganda-Vehikel "Facebook". In Wahrheit ist es doch schockierend, dass sich große Massen der Bevölkerung eines jeden beliebigen Landes durch dümmste und platteste Propaganda politisch manipulieren lässt. Briten wählen den Brexit, obwohl der in allen konkreten Alltagsdimensionen nur schädlich ist und der einzige Gewinn ein Mehr an nationalistischem Wohlgefühl ist. Trump wurde dank Twitter und Facebook zum Präsidenten gewählt von Leuten, für die Trump nichts, aber auch wirklich garnichts tun wird. Und hierzulande würde über die sozialen Medien die Hysterie vor einer Flüchtlingskatastrophe geschürt, auf deren Eintreten ich bis heute warte.
wokri 26.03.2018
2. Dank Hadoop kein technisches Problem
Massenhaften zu verarbeiten und dann entsprechende Nutzerprofile mit einer next Action zu verbinden findet schon seit einigen Jahren statt. Jedes call Center nutzt diese Systeme. Entscheidend ist die Datenbeschaffung, je mehr Daten umso so höher die predictive Vorhersage und umso besser die Möglichkeit in deny Tunnel zu schicken. Wenn das benutzt wurde erstmal nichts verwerfliches, wenn aber meine Daten genutzt wurden ohne meine Erlaubnis, dann ist das Strafbar! Och schärfere Regeln sieht die in 1 Monat in Kraft tretende Regelung DSGVO vor. Hier muss der Nutzung ausdrücklich zugestimmt werden.
BoMbY 26.03.2018
3. Jeden Tag eine neue Ausrede für den Exit vom Brexit ...
War zuletzt nicht Russland Schuld am Brexit? Und schaut vielleicht mal danach wem Cambridge Analytica eigentlich gehört ... sehr interessant ...
joergzs 26.03.2018
4. Außenminister Johnson
bezeichnete die Anschuldigungen als "durch und durch lächerlich". Das Brexit-Referendum sei "fair, anständig und legal" gewonnen worden. Der Mann hat Humor, seine Einsparungen zu Gunsten des Gesundheitssystems hat die Abstimmung damals keine 24 Stunden überlebt.
Kurt2.1 26.03.2018
5.
Die Lügengeschichten der Brexiteers waren völlig offensichtlich ein Lügengebäude. Es ist egal, wer für Johnson und Co die Lügen mundgerecht zubereitet hat. Auf die konnte man nur reinfallen, wenn man entweder völlig unwissend, oder völlig uninteressiert war, wie die jungen Leute, die lieber an den Strand oder ins Konzert gingen, anstatt abzustimmen. Jetzt sind sie draußen. Sie haben es so gewollt und ich bin sehr froh darüber.
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