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Fackellauf: San Francisco rüstet für Olympia-Protest - Brown bläst Peking-Besuch ab

Globaler Protest gegen China: In San Francisco wollen Tausende Demonstranten den olympischen Fackellauf stören, Sicherheitskräfte sind mit Spezialagenten und Patrouillenbooten im Einsatz. Großbritanniens Premier Brown setzt ein Zeichen - und boykottiert die Eröffnungsfeier in Peking.

Peking - Die Ankunft der olympischen Fackel ist eigentlich ein feierlicher Moment - doch in San Francisco, der einzigen USA-Station des symbolischen Feuers, ist vor allem Anspannung zu spüren. In Erwartung wütender Proteste gegen China ziehen Hunderte Sicherheitskräfte seit dem frühen Morgen durch die Stadt. Sie befürchten, dass aufgebrachte Aktivisten, ähnlich wie in Paris und London, den Fackellauf in eine gewaltsame Massendemonstration verwandeln.

Protest in San Francisco: "Schande über China"
DPA

Protest in San Francisco: "Schande über China"

Die Pro-Tibet-Demonstranten können möglicherweise auf politische Unterstützung hoffen: Der britische Premierminister Gordon Brown erklärte, er werde nicht an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking teilnehmen. Dies sagte eine Sprecherin des Regierungschefs an diesem Mittwoch. Brown werde aber bei der Schlussfeier dabei sein.

Browns Sprecherin bestand darauf, dass der Premierminister bereits lange vor den massiven Protesten gegen Chinas Tibet-Politik beim olympischen Fackellauf nicht die Absicht gehabt habe, an der Olympia- Eröffnung teilzunehmen. Es bleibe bei Browns Erklärung, dass Großbritannien die Spiele nicht boykottieren werde.

Jedoch hatte Brown noch Ende März bei einer Pressekonferenz mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy in London erklärt, Großbritannien werde in jedem Fall an der Eröffnungszeremonie teilnehmen. Menschenrechtsgruppen hatten Brown in den vergangenen Tagen aufgefordert, die Eröffnungsfeier aus Protest gegen die chinesische Unterdrückung der Tibeter zu boykottieren.

Die Opposition in London begrüßte, dass Brown nun erstmals klargestellt habe, dass er nicht persönlich zur Eröffnung der Spiele nach Peking reisen werde. Der Premierminister scheine damit "das Richtige zu tun, wenngleich er sich dazu recht spät und nur unter dem Druck der öffentlichen Meinung entschließt", sagte der Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei, Nick Clegg.

Strecke um die Hälfte kürzer

Die olympischen Fackelläufer trafen gegen 22 Uhr MEZ in San Francisco ein. Kurz vor Beginn der Eröffnungsfeier gaben die Veranstalter bekannt, dass die Strecke statt zehn nur noch knapp fünf Kilometer lang sei. Nach einer Begrüßungszeremonie sollen 76 Läufer die Fackel von Polizisten begleitet durch die Stadt tragen. Vier Fackelträger sagten aus Angst vor Tumulten ihre Teilnahme kurzfristig ab.

Entlang der Strecke wurden die Sicherheitsmaßnahmen massiv verschärft. Auch der Zugang zur Golden Gate Bridge wurde kontrolliert, wo Demonstranten am Montag ein Protest-Transparent aufgehängt hatten. Über 700 Polizisten, darunter auch einige FBI-Agenten, sind im Einsatz. Rund um das Chinesische Konsulat stehen Absperrungen und Sicherheitskräfte. Auch die Küstenwache muss Sonderschichten schieben und sichert Hafengelände und Ufergebiete der Stadt mit Patrouillenbooten ab. Die Behörden wollen sogar die berühmten "Cable Cars" der Stadt, die historischen Straßenbahnen, stillegen.

Schon Stunden vor der offiziellen Ankunft des Feuers marschierten Hunderte Demonstranten durch die Straßen der Stadt an der Westküste der USA. Mit Blick auf das Vorgehen der Volksrepublik in Tibet riefen sie "Schande über China".

Bereits am Vorabend versammelten sich rund 1.000 Menschen zu einer Kundgebung und einer Mahnwache. Dabei forderten der Schauspieler Richard Gere und der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu US-Präsident George W. Bush auf, die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren. Die Proteste richteten sich nicht gegen die Fackelläufer, sagte Lhadom Tethong von der Gruppe Studenten für ein freies Tibet. "Es geht hier um die chinesische Regierung, die den Fackellauf für politische Propaganda nutzt."

Die Demonstranten verurteilen das Vorgehen der chinesischen Behörden in Tibet: Die Regierung in Peking macht den im Exil lebenden Dalai Lama für die jüngsten Unruhen in der Himalaya-Region Tibet verantwortlich. Die Tibeter lehnen sich gegen die chinesische Herrschaft auf und verlangen mehr Autonomie.

Unterdessen hat US-Präsident George W. Bush China erneut zu einem offenen Dialog mit dem Dalai Lama aufgefordert. Es würde der chinesischen Regierung zugutekommen, wenn sie Gespräche mit Vertretern des Dalai Lama beginnen würde, sagte Bush an diesem Mittwoch in Washington.

Das Weiße Haus bekräftigte, dass Bush zu den Olympischen Spielen nach Peking reisen werde. Seine Sprecherin Dana Perino ließ jedoch die Möglichkeit offen, dass der Präsident nicht bei der Eröffnungsfeier dabei sein werde.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will noch in dieser Woche darüber beraten, wie der Fackellauf künftig gestaltet werden soll. IOC-Präsident Jacques Rogge hatte dementiert, das Internationale Olympische Komitee erwäge einen Verzicht auf die außerhalb Chinas geplanten Etappen der Olympischen Flamme. Nächste Station der Fackel ist Buenos Aires. Am 4. Mai trifft sie in China ein.

amz/Reuters

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San Francisco: Proteststurm vor dem Fackellauf


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