Fahndung nach WikiLeaks-Chef Bürokratie-Fehler bewahrt Assange vor dem Zugriff

Julian Assange hat sich mit den Mächtigen der Welt angelegt. Der WikiLeaks-Chef ist zwar seit Tagen abgetaucht, doch gefasst haben ihn Ermittler noch nicht. Laut britischen Zeitungen verhindern formale Fehler den Zugriff. Assanges Familie fürchtet um sein Leben.

WikiLeaks-Chef Assange: Mit starken Mächten angelegt
REUTERS

WikiLeaks-Chef Assange: Mit starken Mächten angelegt


Hamburg - Wo steckt Julian Assange, und welche Enthüllungen plant der WikiLeaks-Chef als nächstes? Diese Fragen beschäftigen Ermittler und Politiker weltweit. Assange ist per Steckbrief international zur Fahndung ausgeschrieben. Seit Veröffentlichung der US-Botschaftsdepeschen ist der 39-Jährige nicht mehr öffentlich aufgetreten. Doch wirklich untergetaucht ist er laut seinem Anwalt nicht.

Assange halte sich seit Oktober im Südosten Großbritanniens auf, berichtete die britische Zeitung "The Times". "Die Sicherheitsbehörden wissen, wo er ist", zitierte die Zeitung seinen Anwalt Mark Stephens. Laut "Independent" teilte Assange bei seiner Ankunft im Land Scotland Yard seine Kontaktdaten mit. Polizeikreise hätten bestätigt, dass man den Aufenthaltsort des WikiLeaks-Chefs kenne und sogar eine Telefonnummer habe, schrieb das Blatt.

Doch warum ist Assange dann immer noch auf freiem Fuß?

Der Grund sei ein Formfehler der schwedischen Behörden, berichtete die "Times". Sie hätten bei der Übermittlung an Interpol etwas falsch ausgefüllt, deshalb habe die britische Polizei Assanges Ausweisung nicht in die Wege leiten können. "Es ist kein ordentlicher Haftbefehl, wir können auf seiner Grundlage nicht handeln", zitierte die Zeitung aus Polizeikreisen. Scotland Yard wollte den Bericht offiziell nicht kommentieren. Man äußere sich nicht zu Behauptungen über Auslieferungsfälle, wenn der Betroffene noch nicht vor Gericht stehe, sagte ein Sprecher.

Freunde des WikiLeaks-Chefs sagten dem "Independent", er arbeite die Nächte durch, um zu verhindern, dass die WikiLeaks-Homepage von Hackern lahmgelegt wird. Ihre US-Heimat im Internet hat die Plattform bereits verloren. Dienstleister Amazon untersagte dem Enthüllungsportal die Nutzung seiner Server - offenbar hatte Washington auf diesen Schritt gedrängt. Die WikiLeaks-Website ist nun über einen schwedischen Anbieter zu erreichen.

Schwedisches Gericht bestätigt Haftbefehl gegen Assange

Die internationale Fahndung nach Assange läuft, weil schwedische Ermittler wegen Verdachts der Vergewaltigung und sexueller Nötigung einen Haftbefehl erlassen haben. Vor dem Obersten Gerichtshof in Stockholm wollte der WikiLeaks-Chef die Aufhebung des Haftbefehls erreichen, doch das Gericht lehnte den Antrag des Australiers am Donnerstag ab.

Die internationale Polizeiorganisation Interpol hat eine sogenannte "Red Notice" erlassen. Diese "roten Mitteilungen" bedeuten, dass die 188 Mitgliedstaaten das Land, das den ursprünglichen Haftbefehl erlassen hat, bei der Suche nach einer beschuldigten Person "mit Blick auf ihre Festnahme und Auslieferung" unterstützen sollen.

Die Staatsanwaltschaft in Stockholm hatte den Haftbefehl schon vor der Veröffentlichung der US-Depeschen durch WikiLeaks erlassen. Im Sommer hatten zwei Frauen in Schweden Assange der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung bezichtigt. Der 39-Jährige hatte die Anschuldigungen stets bestritten und von einer Schmutzkampagne gegen ihn und WikiLeaks gesprochen.

Auch Assanges Anwalt hält die Fahndung wegen der Vergewaltigungsvorwürfe für einen Vorwand, um den WikiLeaks-Chef nach Veröffentlichung der geheimen Dokumente festnehmen zu können. "Das ist kein strafrechtliche Verfolgung, sondern eine Hetzjagd", sagte Stephens der "Times".

Anfang der Woche hatte WikiLeaks für Furore gesorgt, als die Plattform rund 250.000 vertrauliche oder geheime Berichte aus US-Botschaften veröffentlichte. Der SPIEGEL und andere internationale Medien analysieren die Depeschen.

Assange trat zwar in den vergangenen Tagen nicht mehr öffentlich auf, doch er hatte sich über den Internet-Telefondienst Skype von einem unbekannten Ort aus beim US-Magazin "Time" gemeldet und sich zu den diplomatischen Depeschen geäußert. In einem 36-minütigen Interview hatte er unter anderem gefordert, US-Außenministerin Hillary Clinton müsse ihr Amt niederlegen, sollte sie US-Vertreter im Ausland zur Spionage aufgefordert haben.

Assanges Mutter ist stolz auf ihren Sohn

Assanges Mitstreiter fürchten um sein Leben. Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson berichtete, es habe bereits Morddrohungen gegen Assange gegeben.

Dessen Mutter und sein Sohn meldeten sich in Interviews zu Wort und erklärten ebenfalls, sie fürchteten um sein Leben. "Ich habe Angst, dass es ihm über den Kopf wächst und dass er sich mit zu starken Mächten angelegt hat", zitierte "The Courier Mail" Assanges Mutter, die ihn Australien lebt. Ihr Sohn sei stets der Wahrheit auf der Spur und sehe seine Arbeit bei WikiLeaks als Kampf um das Gute in der Welt. "Ich bin stolz auf Jules", wurde seine Mutter zitiert.

Assanges 20-jähriger Sohn Daniel sagte der Website Crickey.com, sein Vater sei hochintelligent und habe schnell die Nase voll, wenn er mit Leuten zusammenarbeiten müsse, die nicht auf seinem Level lägen. Sein Vater habe sich seit drei Jahren nicht mehr mit ihm getroffen, sagte der Sohn. Wahrscheinlich wolle er ihn schützen. Daniel sieht Julian Assange durch die jüngsten WikiLeaks-Veröffentlichungen in höchster Gefahr. "Es wundert mich, dass die Regierungen noch nicht getan haben, was manche Journalisten vorgeschlagen haben: ihn einfach umzubringen."

mmq/dpa/AFP

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
sic tacuisses 02.12.2010
1. ein abgekartetes Spiel.
Zitat von sysopJulian Assange hat sich mit den Mächtigen der Welt angelegt. Der WikiLeaks-Chef ist zwar seit Tagen abgetaucht, doch gefasst haben ihn Ermittler noch nicht. Laut britischen Zeitungen verhindern*formale Fehler den Zugriff. Assanges Familie fürchtet um sein Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,732461,00.html
Nicht mehr.
Just4fun 02.12.2010
2. Prof. Dr.
Zitat von sysopJulian Assange hat sich mit den Mächtigen der Welt angelegt. Der WikiLeaks-Chef ist zwar seit Tagen abgetaucht, doch gefasst haben ihn Ermittler noch nicht. Laut britischen Zeitungen verhindern*formale Fehler den Zugriff. Assanges Familie fürchtet um sein Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,732461,00.html
Deutsche Sprache, schwere Sprache! Das Abtauchen soll es ihnen doch nicht erleichtern, ihn zu fassen ...
Questions 02.12.2010
3. Zivilcourage
Ich bin stolz darauf, daß die Menschheit noch solche Menschen wie Assange hervorbringt, die den Mut haben, sich mit den Mächtigsten der Welt anzulegen. Er spielt mit seinem Leben und er weiß das auch. Ich zolle ihm meinen höchsten Respekt und hoffe, daß er noch viel schafft und veröffentlicht. WÄre er nicht der Wikileaks-Chef, keinen Schwanz würde ein Vergewaltigungsvorwurf interessieren und sicher nicht Interpol. Um Mißverständnissen vorzubeugen: sollte es wahr sein und die Vorwürfe der Vergewaltigung o.ä.berechtigt sein, muß auch er verurteilt werden.
JDR 02.12.2010
4. ...
Zitat von sysopJulian Assange hat sich mit den Mächtigen der Welt angelegt. Der WikiLeaks-Chef ist zwar seit Tagen abgetaucht, doch gefasst haben ihn Ermittler noch nicht. Laut britischen Zeitungen verhindern*formale Fehler den Zugriff. Assanges Familie fürchtet um sein Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,732461,00.html
Um die Mächtigen in der Welt braucht sich der Mann wohl weniger Sorgen zu machen. Seit er groß verkündet hat, dass nach seinem Tod brisanteste Geheimnisse enthüllt würden weiß jeder terrorist, jeder Amerikahasser, jeder Paranoiker, jeder verschwörungstheoretiker und jeder Alienfan, dass er "nur" diesem Mann ein Messer in den Bauch rammen muss, um "ales" zu erfahren und den Vereinigten Staaten von Amerika schweren Schaden zuzufügen. Die Sorge der Mächtigen ist eher, ihn am Leben zu erhalten. Am wahrscheinlichsten ist jedoch - wenn man versucht, ihn nach dem öffentlich bekannten zu profilen -, dass er an irgendeinem Punkt Selbstmord begeht.
secretum 02.12.2010
5. ich bin gespannt...
...ob die angekündigten Enthüllungen über die Großbank tatsächlich noch erscheinen werden, ehrlich gesagt fürchte ich ebenfalls um Assanges Leben. Ich würde ihm sofort Asyl gewähren denn unsere Gesellschaft braucht gerade jetzt mutige und intelligente Köpfe wie ihn, die der Masse enthüllen, was das tägliche Geschäft der "großen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft so ausmacht. Sollte der Vergewaltigungsvorwurf tatsächlich mit Beweisen untermauert werden können, machte das tatsächlich vieles kaputt, was unglaublich bedauerlich wäre.
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