Fahndungspannen vor dem 11. September CIA-Mitarbeiter beschuldigt das FBI

Was wussten die US-Dienste von den Terrorplanungen des 11. September? Während der US-Kongress eine Befragung der Verantwortlichen hinter verschlossenen Türen begann, lancierte ein CIA-Beamter Belege über die Untätigkeit des FBI.


Fordert mehr Aufmerksamkeit der US-Dienste: George W. Bush
AFP

Fordert mehr Aufmerksamkeit der US-Dienste: George W. Bush

Berlin - Kurz vor den Anhörungen im US-Kongress warten die US-Medien mit immer neuen Details über mutmaßliche Kenntnisse der US-Sicherheitsdienste über einzelne Attentäter des 11. September auf.

Nach einem Bericht der Zeitung "USA Today" sollen die Geheimdienste die Terrororganisation al Quaida nicht nur abgehört, sondern auch mit Agenten infiltriert haben.

Doch hätten weder die abgehörten Gespräche noch die Feldberichte eine klare Aussage darüber ergeben, wann und wo ein größerer Angriff zu erwarten gewesen sei, so die Zeitung am Dienstag. Nach Angaben der "USA Today" befinden sich die Erkenntnisse in rund 350.000 Seiten, die von der CIA dem Kongress übergeben wurden.

Unter den Papieren befänden sich auch Protokolle über elektronische Abhörmaßnahmen bis zum 10. September, in denen al Quaida-Mitglieder in kryptischen Worten über einen größeren Angriff gesprochen haben sollen. Die Zeitung zitiert zwei US-Geheimdienstmitarbeiter, denen zufolge die abgehörten Gespräche folgende Sätze enthielten: "Sieh die Nachrichten", "Morgen wird etwas Großes geschehen" und "Morgen wird ein großer Tag für uns sein".

Die in die Terrororganisation al-Qaida und in die Taliban eingeschleusten Agenten konnten das strikt abgeschirmte Geheimnis vom 11. September zwar nicht knacken, hätten aber Beweise für einen größeren Angriff auf die USA gesammelt, schreibt das Blatt weiter. Offenbar wurden dabei nicht alle abgehörten Gespräche ausgewertet. Einige der rund 13.000 Seiten umfassenden Gespräche zwischen al-Qaida-Mitgliedern blieben auch nach dem 11. September wegen eines Mangels an Übersetzern ungelesen.

Wurde vor kurzem wegen einer Terrorwarnung gesperrt: Brooklyn Bridge in New York
AP

Wurde vor kurzem wegen einer Terrorwarnung gesperrt: Brooklyn Bridge in New York

In den vergangenen Wochen sind vermehrt Berichte über Pannen der US-Dienste im Zusammenhang mit dem 11. September in den Medien aufgetaucht.

So wurde dem FBI vorgehalten, Ermittlungen gegen mutmaßliche Terroristen an US-Flugschulen verhindert zu haben. Wegen der Reihe von Pannen, so wird in den USA gemutmaßt, sind in den vergangenen Wochen wiederholt von Seiten der US-Regierung Terrorwarnungen ausgesprochen worden. Die Bush-Administration ist offenkundig bestrebt, diesmal jedem noch so kleinen Hinweis nachzugehen und die Öffentlichkeit zu warnen. So wurde vor kurzem eine der Brücken in New York gesperrt, nachdem dort ein verdächtiger Rucksack entdeckt worden war.

Im Visier der öffentlichen Kritik steht vor allem das FBI. Nach einem Bericht der "Washington Post" hat der Auslandsgeheimdienst CIA die Bundespolizei bereits im Januar 2000 über die Teilnahme von Kahlid Almihdhar, einem späteren Flugzeugentführer vom 11. September, an einem Treffen mutmaßlicher Terroristen in Kuala Lumpur informiert. Die Zeitung beruft sich auf Angaben eines höheren CIA-Mitarbeiters, der sich bei seinen Behauptungen wiederum auf E-Mails der CIA stützt. Sollte der Bericht der "Washington Post" stimmen, könnte das FBI erneut in Erklärungsnot geraten.

Denn die Behörde hatte wiederholt erklärt, sie habe vor dem 23. August 2001 von der CIA weder Informationen über Almihdhar noch über einen weiteren Flugzeugentführer, Nawaf Alhazmi, erhalten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die beiden Männer wahrscheinlich schon seit über eineinhalb Jahren in den USA. US-Quellen zufolge war das Paar bereits am 15. Januar 2000 in die Vereinigten Staaten eingereist, offenbar kurz nach dem mutmaßlichem Terroristentreffen in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur.

Die jüngsten, über die Medien ausgetragenen gegenseitigen Schuldzuweisungen der CIA deuten darauf hin, dass der größte und teuerste Geheimdienst der Welt versucht, seinen angeschlagenen Ruf in der Öffentlichkeit wiederherzustellen. Denn nach einem Bericht von "Newsweek" scheint das Versagen vor dem 11. September beide gleichermaßen zu treffen. Weder die CIA noch das FBI hätten den Informationen vor dem 11. September besondere Bedeutung beigemessen, schreibt das Magazin.

Noch vor den am heutigen Dienstag beginnenden Anhörungen im US-Kongress zog das FBI erste Konsequenzen: FBI-Direktor Robert Mueller strukturierte seine Organisation um. Agenten, die befürchten, ihre Informationen könnten im Hauptquartier untergehen, können sich jetzt an ihn persönlich wenden.



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