Agenten-"Tatort" Bringt der Mossad in Wien Iraner um?

Ein scheinbarer Selbstmord verwickelt die Wiener "Tatort"-Kommissare in einen Agententhriller. Dahinter steckt der israelische Geheimdienst. Ist das realistisch? Wie weit geht der Mossad wirklich? Der Faktencheck.

"Tatort" als Agententhriller: Wiener Kommissare bekommen es mit israelischen Spionen zu tun
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"Tatort" als Agententhriller: Wiener Kommissare bekommen es mit israelischen Spionen zu tun


Wie geht der Mossad gegen das iranische Atomprogramm vor?

Der sonst so verschwiegene Meir Dagan hat zum Schluss seiner Amtszeit Bilanz gezogen. Acht Jahre lang, von 2002 bis 2010, stand er als Chef dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad vor. Dagans wichtigste Mission? Das iranische Atomprogramm zu sabotieren.

Zufrieden trat Dagan ab und resümierte: "Maßnahmen" gegen Iran hätten dazu geführt, dass Teheran frühestens 2015 eine Bombe bauen könnte. Genügend Zeit also für Verhandlungen. Einen möglichen Militärangriff auf Iran bezeichnete Dagan als "bescheuerte Idee".

Auf welche "Maßnahmen" hat der Ex-Mossad-Chef angespielt? Israels Geheimdienst veröffentlicht keinen Geschäftsbericht. Aber es gab einige Auffälligkeiten:

  • Zwischen 2007 und 2011 sind fünf iranische Atomwissenschaftler ermordet worden, alle in Iran. Ein sechster hat ein Attentat knapp überlebt. Die Täter haben keinerlei Spuren hinterlassen.
  • Im selben Zeitraum wurde Irans Atomprogramm vom Computerwurm Stuxnet und dem Virus Duqu befallen und sabotiert.
  • Irans Forschungszentrum für Langstreckenraketen wurde 2011 durch eine Explosion vollkommen zerstört.

Diese Vorkommnisse fallen in die Amtszeit von Irans Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Unter ihm kamen die internationalen Atom-Verhandlungen nicht voran. Gleichzeitig bauten die Iraner rasant weiter an ihren Anlagen, wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigte.

Hat der Mossad in Iran Wissenschaftler getötet?

Das schreiben zumindest die renommierten Journalisten Yossi Melman und Dan Raviv in ihrem 2012 erschienenen Buch "Inside Israel's Secret Wars". Mossad-Agenten hätten hinter den Morden und der Sabotage gesteckt. Melman und Raviv gelten als Spezialisten für Israels Geheimdienste. Sie sind in dem Milieu bestens vernetzt.

In ihrem Buch wird auch "Kidon" erwähnt, die Mossad-Sondereinheit, um die es im Wiener "Tatort" geht. Laut Melman und Raviv infiltrieren Kidon-Agenten feindliche Länder, um Israels Feinde zu töten - also Länder wie Iran oder Syrien, nicht gerade Österreich.

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"Tatort" mit Harald Krassnitzer: Barocker Bösewicht in barocker Tracht
Der "Tatort" hat die Mordserie an Wissenschaftlern von Iran nach Wien verlegt und mit einer anderen wahren Begebenheit vermengt, dem Schmuggel rund ums iranische Atomprogramm, bei dem es im wahren Leben meist eher unblutig zugeht.

Was ist der reale Hintergrund des Ventil-Schmuggels?

Den konkreten Fall, von dem sich der "Tatort" inspirieren ließ, hatte der SPIEGEL im Jahr 2012 beschrieben: Deutsche Unternehmer hatten über Drittländer Spezialventile nach Teheran verkauft. Das ist illegal, egal, was der Waffenhändler im "Tatort" behauptet. Die Verantwortlichen wurden dafür 2013 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Wie im "Tatort" beschrieben, ist Irans Atomschmuggel ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Iran und den Ermittlern. Jeden Juni fasst ein Uno-Expertenkomitee zusammen, welche Schmuggelversuche im zurückliegenden Jahr aufgedeckt werden konnten.

Im jüngsten Bericht stellten die Experten fest, dass Iran seit Mitte 2013 seltener bei Schmuggelaktionen erwischt wurde. Warum? Möglich sei, dass Teheran geschickter wurde, möglich aber auch, dass der neue iranische Präsident Hassan Rohani lieber auf eine diplomatische Lösung des Atomstreits setze statt auf Konfrontation, schrieb das Komitee.

Wie ist der Mossad mit anderen Geheimdiensten vernetzt?

Tatsächlich bekommen europäische Geheimdienste häufig vom Mossad Hinweise, wenn ein Schmuggelgeschäft in ihrem Land ablaufen soll. Ein solcher Informationsaustausch ist unter verbündeten Geheimdiensten üblich - und läuft in beide Richtungen. Dazu müssen die israelischen Agenten nicht wie im "Tatort" Trojaner auf dem Diensthandy von Kriminalpolizisten installieren.

Unwahrscheinlich ist, dass israelische Agenten einen österreichischen Waffenhändler mitten in Wien im Auto erschießen würden. Zumal viele Waffenhändler Fahrzeuge mit Panzerglas bevorzugen. Dagegen hätten es auch die Mossad-Kugeln schwer.



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