Fall Abu Sisi: Israel klagt verschleppten Palästinenser an

Von Ulrike Putz, Beirut

Er soll im Auftrag des Mossad gekidnappt worden sein, jetzt droht Dirar Abu Sisi ein Verfahren in Israel. Wegen angeblicher Hamas-Verbindungen soll der Palästinenser angeklagt werden. Seine Anwältin weist die Vorwürfe zurück - und spricht von einer "großen Farce".

Proteste im Gaza-Streifen für Dirar Abu Sisi: Anklage wegen "schwerer Vergehen" Zur Großansicht
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Proteste im Gaza-Streifen für Dirar Abu Sisi: Anklage wegen "schwerer Vergehen"

Wochenlang hatte Israel zu dem Fall geschwiegen, jetzt erfolgte die Kehrtwende im Fall Dirar Abu Sisi. Dem palästinensischen Ingenieur droht ein Verfahren in Israel. Wegen "schwerer Vergehen" solle der 42-Jährige binnen fünf Tagen angeklagt werden, berichtete der israelische Rundfunk am Donnerstag.

Der Fall ist brisant. Abu Sisi wurde offenbar im Auftrag des Mossad in der Ukraine entführt. Der israelische Geheimdienst versprach sich von ihm möglicherweise Informationen über den im Gaza-Streifen verschwundenen Soldaten Gilad Schalit. Auch SPIEGEL ONLINE hatte über den Fall berichtet. Ob Abu Sisi entsprechende Hinweise geliefert hat, ist unklar.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte zuvor die geltende Nachrichtensperre durchbrochen und erklärt: "Abu Sisi ist ein Hamas-Mann. Er wird in Israel gefangen gehalten. Seine Inhaftierung ist legal." Wie der Palästinenser nach Israel kam, sagte er nicht. Er habe in Verhören "wertvolle Informationen preisgegeben", erklärte der Regierungschef am Mittwoch während einer Live-Fragestunde auf der Internetplattform Youtube. "Das ist alles, was ich sagen kann."

Dirar Abu Sisi, Manager im Kraftwerks des Gaza-Streifen, war in der Nacht zum 18. Februar spurlos verschwunden. Der Palästinenser soll damals aus einem Zug in der Ukraine entführt worden sein. Er war auf Reisen in dem osteuropäischen Land, der Heimat seiner Frau Veronika. Das Paar wollte mit seinen sechs Kindern raus aus dem Gaza-Streifen und in der Ukraine einen Neuanfang wagen. Abu Sisi hatte dort studiert. Doch zu dem geplanten Neuanfang kam es nicht: Unbekannte lotsten den Ingenieur offenbar aus einem Zug, mit dem er auf dem Weg nach Kiew war. Danach verlor sich jede Spur.

Abu Sisi bestreitet Wissen über Schalits Schicksal

Netanjahus jüngste Andeutung, Abu Sisi habe "wertvolle Informationen" geliefert, sollte offenbar vor allem im Ausland für Verständnis für das drastische Vorgehen des jüdischen Staats sorgen. Abu Sisi erschien am Donnerstag zu einer Anhörung über die Verlängerung seiner Untersuchungshaft vor Gericht. Er sagte den Journalisten, er sei nur ein Ingenieur in einem Elektrizitätswerk im Gaza-Streifen. Israel habe ihn ohne Grund verschleppt. Er wisse nichts über Schalit.

Die israelische Anwältin von Abu Sisi kritisierte das Vorgehen der Regierung in Jerusalem heftig. Israel spiele ein schmutziges Spiel mit ihrem Mandaten, sagte Smadar Ben-Natan. Sie dementierte auch, dass Abu Sisi ein Hamas-Mitglied sei.

Indem die Regierung nun Gerüchte über eine mögliche Verbindung Abu Sisis zu Schalit streue, versuche Israel, seinen "Fehler zu verschleiern", kritisierte die Anwältin. Bei hinter verschlossenen Türen abgehaltenen Gerichtsterminen sei von Schalit nie die Rede gewesen, so Ben-Natan. "Anstatt das zuzugeben und zu sagen ,Entschuldigung, es hat sich erwiesen, dass unsere Vermutung falsch war', versuchen sie etwas zu finden, was sie ihm anhängen können." So solle vertuscht werden, dass die ganze Angelegenheit "eine große Farce" sei.

Auch Abu Sisis ukrainische Ehefrau erklärte, Agenten des israelischen Geheimdienstes hätten ihren Mann entführt. Israel wolle auf diese Weise das Elektrizitätswerk im Gaza-Streifen sabotieren, in dem Abu Sisi arbeite. Kollegen und Nachbarn sagten dagegen der Nachrichtenagentur AP, Abu Sisi unterstütze die Hamas. Dies lasse sich auch daraus ableiten, dass er eine hohe Position in dem von der Hamas kontrollierten Elektrizitätswerk innehabe.

Der palästinensische Botschafter in der Ukraine, Mohammed Alassad, sprach mit Blick auf eine mögliche Entführung im Auftrag Israels von einem internationalen Verbrechen, das bestraft werden müsse. Die ukrainische Regierung hat erklärt, sie sei an der Operation nicht beteiligt gewesen.

Mit Material von Reuters und DAPD

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