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Supermarkt-Terrorist Coulibaly: Der dritte Mann

Aus Paris berichtet

Wurde bei der Erstürmung des Supermarkts getötet: Geiselnehmer Amedy Coulibaly Zur Großansicht
AP

Wurde bei der Erstürmung des Supermarkts getötet: Geiselnehmer Amedy Coulibaly

War es das gemeinsame Werk einer Terrorzelle? Die französische Polizei glaubt, dass sich der Supermarkt-Geiselnehmer Amedy Coulibaly und die Charlie-Hebdo-Attentäter kannten. Journalisten sagte Coulibaly, sie hätten sich abgesprochen.

Um 17.13 Uhr griff die Polizei zu: Eine Spezialeinheit stürmte den Supermarkt im Osten von Paris, in dem sich seit dem Morgen der 32-jährige Amedy Coulibaly verschanzt hatte und tötet den Geiselnehmer. Wer war der Mann? Die Polizei geht davon aus, dass er die Charlie-Hebdo-Attentäter, die Brüder Kouachi, kannte - und dass er es war, der am Donnerstag im Süden von Paris das Feuer auf eine Gruppe von Polizisten eröffnet hatte. Dabei wurde eine Polizistin tödlich verletzt. Da konnte Coulibaly zunächst entkommen.

Im Fall der tödlichen Schüsse auf die Polizistin sucht Frankreich seit Freitag auch nach einer vierten Person. Die 26-jährige Hayat Boumeddine soll an dem Mord der Polizistin beteiligt gewesen sein. Nach unterschiedlichen Berichten handelt es sich bei ihr entweder um die Ex-Freundin oder die Freundin von Coulibaly. Zur Stunde ist unklar, wo sie sich befindet.

Coulibaly wird in Haft vom Dealer zum Islamisten

Strenggläubige Islamisten halten eigentlich nicht viel von wilder Ehe. Coulibaly sei ein später Konvertit, schreibt die Zeitschrift "L'Obs" .

Dort heißt es, Coulibaly habe seit 2001 immer wieder bewaffnete Raubüberfälle begangen. 2004 wurde er dafür zu sechs Jahren Haft verurteilt. Als er aus dem Gefängnis kam, fing er als Dealer an. Es folgten noch einmal eineinhalb Jahre Haft.

Für eine kurze Zeit schien es, als bekäme Coulibaly sein Leben in den Griff. Der damals 24-Jährige begann eine Ausbildung bei Coca-Cola. Dabei hat er sogar dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy die Hand schütteln dürfen, als dieser beim Unternehmen vorbeischaute, berichtete damals, 2009, die Zeitung "Le Parisien". In dem Artikel heißt es über Coulibaly, er stamme aus Grigny, einem Vorort südlich von Paris. Er sei eines von zehn Kindern, der einzige Junge.

Als er Sarkozy die Hand schüttelte, habe Coulibaly allerdings bereits angefangen, sich dem Islamismus zuzuwenden, schreibt "L'Obs". Während seines letzten Gefängnisaufenthalts sei er zum Islam übergetreten. Anfang 2010 fährt er einmal im Monat nach Südfrankreich, um Djamel Beghal zu besuchen, einen Qaida-Veteranen, der dort unter erweitertem Hausarrest steht: Er darf die Region nicht verlassen. Europas Geheimdienste vermuten, Beghal sei einer von Al-Qaidas Anschlagsplanern in Europa.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis mit den Brüdern Kouachi. Denn auch Cherif Kouachi besucht Djamel Beghal im April 2010 in Südfrankreich. Zusammen gehen sie Fußball spielen.

Im Mai 2010 plante der Qaida-Mann Beghal, einen zu lebenslanger Haft verurteilten Terroristen aus der Haft zu befreien. Die Planung der Radikalen flog auf: Coulibaly wurde als Mittäter verhaftet. Als seine Wohnung untersucht wurde, fanden sich 240 Kugeln Munition. Er wurde zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Erst vor wenigen Monaten kam er frei. Auch Chérif Kouachi gerät damals in das Visier der Ermittler. Doch er wird wieder freigelassen. Zu unsicher scheint es den Ermittlern, dass sie Kouachis Beteiligung an dem Plan hieb- und stichfest beweisen können.

Geiselnehmer sprachen mit Journalisten

Dem französischen Fernsehsender BFMTV war es am Freitag gelungen, mit den Terroristen zu sprechen. Nach dem Zugriff der Sicherheitskräfte hat der Sender die Aufnahmen veröffentlicht.

Er sei von al-Qaida beauftragt worden, sagte Said Kouachi dem BFMTV-Journalisten. Dieser hatte um 10 Uhr morgens auf dem Festnetz der Druckerei angerufen und den Terroristen am Apparat. "Ich wurde von al-Qaida im Jemen ausgebildet, als Anwar al-Awlaki noch am Leben war." Awlaki, ein bekannter amerikanischer Extremist, wurde im September 2011 durch eine US-Drohne getötet. Kouachi soll nach Erkenntnissen von US-Beamten Anfang 2011 im Jemen gewesen sein.

Am Freitagnachmittag rief dann plötzlich Coulibaly bei BFMTV an, der Geiselnehmer im jüdischen Supermarkt. Er sagte dem Sender, die Brüder Kouachi und er hätten ihre Attacken "synchronisiert": "Sie haben mit Charlie Hebdo angefangen und ich mit den Polizisten."

Doch anders als Said Kouachi bekannte Coulibaly sich nicht zu al-Qaida. Er halte es mit dem Kalifat, sagte er dem Journalisten - gemeint ist der "Islamische Staat". Coulibaly hat nach bisherigen Erkenntnissen kein Traininslager besucht und sich auch noch nie im Irak oder in Syrien aufgehalten.

Die jüngsten Entwicklungen könnten bedeuten, dass der Anschlag auf "Charlie Hebdo" die Tat einer ganzen Zelle war: den Anhängern des Qaida-Manns Djamel Beghals.

Sicher lässt sich dies bisher jedoch noch nicht sagen. Vieles spricht dafür. Doch eine andere Möglichkeit lässt sich bisher noch nicht ausschließen: Theoretisch möglich ist auch, dass es sich nicht um eine konzertierte Aktion handelte, sondern dass Boumeddine und Coulibaly von sich aus handelten, als sie erfuhren, was ihre Freunde taten.

Bei der Klärung dieser Frage könnte möglicherweise Hayat Boumeddine helfen. Der Fahndungsaufruf der französischen Polizei beschreibt sie als schwer bewaffnet und gefährlich.

Noch ist sie auf freiem Fuß.

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insgesamt 33 Beiträge
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    Seite 1    
1. Mörder
karend 09.01.2015
Der dritte Mörder wäre passender. Ich bin wirklich froh, dass dieses jetzt vorbei ist. Zu Ende wird es noch lange nicht sein.
2. So was lese ich...
Max Murks 09.01.2015
...ständig: "Der 32-Jährige stand seit langem in Verbindung mit Extremisten." Wer illegal Filme aus dem Internet lädt kann mit einer Haftstrafe von bis zu 4 Jahren rechnen, wer Kontakt zu Extremisten hat wird ein bisserl überwacht und das sogar so gut das man sich Kalaschnikows und Panzerfäuste beschaffen kann.
3. An Nutzer 93160
marcorius 09.01.2015
Bei der Erschießung der Geiselnehmer handelt es sich in keinster Weise um einen Mord. Das wäre es nur gewesen, wenn sie sich ergeben hätten und die Polizei sie danach erschossen hätte. Dieser Mann hatte Geiseln, von denen er ja wohl auch offensichtlich einige getötet hat. Wenn sie karend hier attackieren, meinen sie damit, dass sie nicht froh sind, dass die übrigen Geiseln gerettet wurden oder was soll ihr Kommentar sonst ausdrücken.
4. Au weia 93160
arrache-coeur 09.01.2015
Natürlich haben die Mörder das Recht auf ein faires Verfahren. Diese drei Mörder, die zusammen mehr als 15 Menschen kaltlütig umbrachten, was z.T. auch per Video dokumentiert wurde, hatten aber offensichtlich keinerlei Interesse an einem Verfahren. ansonsten hätten sie sich in der definitiv ausweglosen Situation schlicht ergeben. Stattdessen haben sie noch mehr Menschen mit dem Tode bedroht. .. Und die Einsatzkräfte nun Mörder zu nennen, weil sie die drei offenbar Geisteskranken stoppten, halte ich für sehr unangebracht.
5.
msix 09.01.2015
Bei einem Schusswechsel können Menschen sterben, die Terroristen wollten sich nicht lebend fassen lassen sondern als Märtyrer sterben. In einem solchen Fall hat das Leben der Geiseln 100% Priorität.
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