Fall Hirsi Ali Verdonks Spießrutenlauf

Innerhalb von nur zwei Tagen ist die Stimmung in Holland gekippt. Eben noch war Ayaan Hirsi Ali eine Schwindlerin, jetzt fallen alle über die Ministerin Rita Verdonk her. Die eigentliche Affäre fängt gerade erst an.

Von Henryk M. Broder


Elf Stunden dauerte die Diskussion, von fünf Uhr nachmittags bis vier Uhr morgens. Am Ende sah die Ministerin nicht nur müde, sondern fertig aus. War sie am Anfang der Sitzung noch bemüht, ihr Verhalten in der Causa Ayaan Hirsi Ali mit rechtlichen Überlegungen zu begründen, musste sie am Ende die Widersprüche wegputzen, in die sie sich im Laufe der Debatte verwickelt hatte.

Die niederländische Innenministerin Rita Verdonk: Vom "Fall Hirsi Ali" zur "Affäre Verdonk"
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Die niederländische Innenministerin Rita Verdonk: Vom "Fall Hirsi Ali" zur "Affäre Verdonk"

Sie habe keine andere Möglichkeit gehabt, als Ayaan Hirsi Ali die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, versicherte Rita Verdonk, da die gebürtige Somalierin bei ihrer Einbürgerung einen falschen Namen angegeben hatte: Ayaan Hirsi Ali anstatt Ayaan Hirsi Magan. "Ayaan war nie Holländerin." Kurz darauf behauptete sie das Gegenteil: "Was mich angeht, ist Ayaan immer noch Holländerin." Von den Abgeordneten um eine Auflösung des Widerspruchs gebeten, redete sie sich weiter ins logische Abseits.

Sie habe den Namen "Magan" nie gehört und ihn zum ersten Mal letzten Donnerstag in der VARA-Dokumentation "The Holy Ayaan" wahrgenommen. Das sei unmöglich, erwiderte die Sprecherin der grünen Fraktion, Femke Halsema, sie wisse, dass Ayaan E-Mails mit der Ministerin gewechselt habe, unter der Adresse magan@tweedekamer.nl. Daran könne sie sich nicht erinnern, verteidigte sich die Ministerin.

Es war ein wenig wie beim Spießrutenlaufen. Rita Verdonk, Ministerin für Einwanderung und Integration, bezog Prügel von allen Seiten. Es muss ihr besonders wehgetan haben, dass sie auch von ihren eigenen Parteifreunden nicht geschont wurde. Im Gegenteil, sie rechneten mit der "eisernen Rita" gnadenlos ab.

Gefragt, wer aus der Diskussion als moralischer Sieger hervorgegangen sei, lächelte Finanzminister Gerrit Zalm kurz und antwortete knapp: "Ayaan". Er hatte die ausgebürgerte Abgeordnete eingeladen, sich die TV-Übertragung der Parlamentsdebatte in seinem Ministerbüro anzusehen. Auch Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende ging auf Distanz. Er sei von dem Geschehen "überrascht" worden; dabei hatte Rita Verdonk eben noch den Abgeordneten versichert, sie habe mit dem Premier über den Vorgang "kommuniziert".

"Unter diesen Umständen ist es seltsam, dass sie noch nicht zurückgetreten ist", wundert sich der Schriftsteller Leon de Winter über den Durchhaltewillen der Ministerin. Denn die Stimmung sei in den letzten Tagen "vollkommen gekippt". Sprach Anfang der Woche eine satte Mehrheit der Holländer der Ministerin das Vertrauen aus, findet die gleiche Mehrheit inzwischen, dass Ayaan Hirsi Ali im Recht ist.

Hirsi Ali strahlend, Verdonk ausgepowert

Sowohl am Dienstag wie am Mittwoch titelten alle großen niederländischen Zeitungen mit dem Fall Ayaan Hirsi Ali. Nur hatte sich der Wind um 180 Grad gedreht. Am Dienstag schrieb das Amsterdamer Blatt "Het Parool": "Ayan muss weg", am Mittwoch: "Verdonk muss Kreide fressen". Am Dienstag befand die christliche "Trouw": "Hirsi Ali keine Niederländerin", am Mittwoch "Das Parlament gegen Verdonk". Am Dienstag las man auf der Titelseite der sozialdemokratischen "Volkskrant": "Hirsi Ali möglicherweise keine Holländerin", am Mittwoch: "Das ganze Parlament fällt über Verdonk her". Das Massenblatt "Telegraaf" brachte es gestern auf den Punkt: "Verdonk auf den Knien". Auch die Auswahl der Bilder war eindeutig: eine strahlende Ayaan Hirsi Ali und eine ausgepowerte Rita Verdonk.

Die hatte sich aber gestern wieder erholt und zeigte gute Laune auf einer Kundgebung der Partei für Freiheit und Demokratie, deren Vorsitz sie übernehmen möchte. Und diese Absicht erklärt vermutlich ihr Verhalten. "Sie wollte Härte und Stärke demonstrieren", sagt Leon de Winter, "allerdings am falschen Objekt."

So mutiert der "Fall Hirsi Ali" zu einer "Affäre Verdonk". Denn langsam wird den Holländern klar, welche rechtlichen Folgen die Ausbürgerung von Ayaan Hirsi Ali haben könnte – nicht für die ehemalige Abgeordnete, die vom American Enterprise Institute nach Washington eingeladen wurde, sondern für das Parlament und die Demokratie in Holland.

Wenn Ayaan Hirsi Ali nie eine Holländerin war, dann durfte sie auch nicht in das Parlament gewählt werden. Wurde sie widerrechtlich in das Parlament gewählt, war die Wahl ungültig. War die Wahl ungültig, dann sind es auch die Gesetze, die im Laufe der Legislaturperiode verabschiedet wurden, dann hat auch die Regierung kein Mandat, dann müssten die Wahlen wiederholt werden und und und...

"Die rechtlichen Folgen sind unabsehbar", sagt der Leidener Rechts-Professor Afshin Ellian, "das hat Rita Verdonk nicht bedacht."

Am einfachsten wäre es, wenn der Widerruf der Staatsangehörigkeit widerrufen wird, aber auch das wäre eine Peinlichkeit, für die niemand die Verantwortung übernehmen möchte.

So ist Ayaan Hirsi Ali die einzige, die ihren Fall aus einer ironischen Distanz betrachtet. 14 Jahre hat sie in Holland gelebt und gearbeitet. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie ihre Wahlheimat bald verlassen und in die USA ziehen wird. "Das Ganze ist wie ein Stück von Shakespeare, nur viel schlechter."



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