Fall Khashoggi Nervenkrieg zwischen Erdogan und dem Prinzen

Recep Tayyip Erdogan stellt sich im Fall des getöteten Journalisten Jamal Khashoggi direkt gegen die saudische Führung. Will der türkische Präsident den Kronprinzen Mohammed bin Salman schwächen?

Recep Tayyip Erdogan
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Recep Tayyip Erdogan

Von , Istanbul


Recep Tayyip Erdogans Auftritte vor den Abgeordneten seiner Partei, der AKP, sind in der Regel Routine: Der türkische Präsident berichtet von seinen Leistungen, erzählt von seinen Reisen, manchmal attackiert er politische Gegner. Selbst AKP-Anhänger interessieren sich nur mäßig für den wöchentlichen Termin.

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Heft 43/2018
Wie ein grausiges Verbrechen die Weltpolitik erschüttert

An diesem Dienstagvormittag war das anders: Millionen Türken verfolgten Erdogans Rede im Fernsehen. CNN und BBC berichteten live aus Ankara. Erdogan hatte in den Tagen zuvor angekündigt, die "nackte Wahrheit" über den mutmaßlichen Mord an dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi enthüllen zu wollen.

Khashoggi ist verschwunden, seit er am 2. Oktober das saudi-arabische Konsulat betreten hat, um Dokumente zu holen. Saudi-Arabien hatte wochenlang behauptet, nichts über den Verbleib des Journalisten zu wissen. Erst als der Druck aus dem Ausland zu groß wurde, schwenkte das Regime am Wochenende um. Nun heißt es aus Riad, Khashoggi sei bei einer Schlägerei im Konsulat ums Leben gekommen.

Die türkische Polizei ist sich dagegen sicher, dass der Regimekritiker von einem saudi-arabischen Mordkommando gezielt ermordet wurde. Die Männer hätten Khashoggi unter Drogen gesetzt und verprügelt. Dann hätten sie ihm die Finger abgehackt und ihn schließlich geköpft. Laut Medienberichten soll der Regierung ein Tonband vorliegen, das den Mord dokumentiert.

Der türkische Präsident stellt sich offen gegen die Führung in Riad

Erdogan selbst lässt seine Vertrauten regelmäßig Informationen an die Medien durchstechen. Er selbst hatte sich jedoch weder umfassend zu den Ermittlungen geäußert, noch hat er das Tonband öffentlich gemacht, möglicherweise auch deshalb, weil seine Erkenntnisse auf Abhörmaßnahmen im Konsulat beruhen. Seine Rede im Parlament war deshalb mit umso größerer Spannung erwartet worden.

Zwar blieb die große Enthüllung, die manche Beobachter erwartet hatten, aus, Erdogans Auftritt war trotzdem bemerkenswert. Er bestätigte Detail für Detail die Erkenntnis der Ermittler. "Der Mord an Khashoggi war keine Kurzschlussreaktion. Er war geplant", sagt er. Erdogan stellt sich damit direkt gegen die saudi-arabische Führung, die den Tod Khashoggis als Versehen darstellt. Als das Ergebnis eines Verhörs, das außer Kontrolle geriet.

Die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und der Türkei waren bereits vor dem Verschwinden des Journalisten angespannt. Beide Staaten ringen um Einfluss im Nahen Osten. Ankara unterstützt die Muslimbrüder, die von Riad als Terrororganisation eingestuft werden. Im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar schlug sich Erdogan auf die Seite des Emirats.

Geht es Erdogan noch um mehr?

Erdogan scheint entschlossen, den Fall Khashoggi im Machtkampf mit Riad für sich zu nutzen. Beobachter vermuten, die türkische Regierung wolle von Riad Wirtschaftshilfen oder Zugeständnisse im Katar-Konflikt erzwingen. Erdogans Auftritt am Dienstag deutete darauf hin, dass es ihm noch um mehr gehen könnte.

Der türkische Präsident sagte, er habe "keine Zweifel an der Aufrichtigkeit" von Saudi-Arabiens König Salman, äußerte sich jedoch bewusst nicht zu dessen Sohn und designiertem Nachfolger, Mohammed bin Salman.

Im Video: Ein Doppelgänger für Khashoggi?

Der Kronprinz ist der neue starke Mann in Saudi-Arabien und für den Krieg im Jemen ebenso verantwortlich wie für die Repressionen gegen Kritiker in Saudi-Arabien. Kenner des Königshauses hegen wenig Zweifel, dass er den mutmaßlichen Mord an Khashoggi befohlen hat.

König Salman ist bemüht, die Verantwortung auf untergeordnete Beamte abzuwälzen, um seinen Sohn aus der Schusslinie zu nehmen. Der Vizegeheimdienstchef wurde entlassen, 18 Beamte wurden festgenommen. Erdogan machte in seiner Rede deutlich, dass ihm das nicht genug ist. "Wenn (Saudi-Arabien) einigen Geheimagenten die Schuld zuschiebt, stellt das weder die Türkei noch die internationale Gemeinschaft zufrieden", sagte er.

Erdogans Verhältnis zu Mohammed bin Salman ist außergewöhnlich schlecht. Der Kronprinz bezeichnete die Türkei als Teil eines "Dreiecks des Bösen". Erdogan, so sagen Vertraute, sehe in dem Fall Khashoggi eine Chance, Mohammed bin Salman zu schwächen - mindestens.

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