Fall Litwinenko Britische Regierung drückt sich um Aufklärung

Gerüchte, Spekulationen, Verschwörungstheorien - bislang gibt es wenig Fakten, die Licht ins Dunkel der Giftaffäre um den russischen Ex-Spion Litwinenko bringen könnten. Die britische Regierung treibt die Aufklärung nicht gerade mit Nachdruck voran - aus Angst vor diplomatischen Verwerfungen.

Von Sebastian Borger, London


London - Was Innenminister John Reid am Sonntagvormittag dem Nachrichtensender Sky News gesagt hat, passt ins Bild: Die britische Regierung lässt nichts unversucht, um den mutmaßlichen Mord an ihrem Bürger Alexander Litwinenko herunterzuspielen. Die Untersuchung durch Scotland Yard werde sich in den nächsten Tagen "über Großbritannien hinaus ausweiten", orakelte der Minister. Im Klartext: Bis zu neun Beamte der Anti-Terror-Abteilung sollen zu Wochenbeginn nach Moskau fliegen, wo allem Anschein nach der Schlüssel zum qualvollen Gift-Tod des 43-jährigen früheren KGB-Agenten durch eine hohe Dosis radioaktiven Poloniums-210 zu finden ist.

Tony Blair und Wladimir Putin (Archivbild): Sorge vor einem politischen Erdbeben
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Tony Blair und Wladimir Putin (Archivbild): Sorge vor einem politischen Erdbeben

Zwar sind die früher ostentativ freundschaftlichen Beziehungen zwischen Premierminister Tony Blair und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin schon seit einiger Zeit merklich abgekühlt. Wie in vielen anderen westlichen Hauptstädten beobachtet man auch in London seit mindestens zwei Jahren mit Bauchschmerzen, wie der eurasische Rohstoff-Gigant immer stärker in sowjetische Verhaltensmuster zurückfällt. Die britischen Weltkonzerne BP und Shell waren von bürokratischer Gängelei und Willkür-Entscheidungen betroffen. Dass Premier Blair einer neuen Generation von Atomreaktoren das Wort redet, hat er nicht zuletzt damit begründet, Großbritannien solle sich "nicht zu sehr von ausländischen Gas-Lieferanten abhängig" machen.

Im Fall Litwinenko aber üben sich Blair und sein enger Vertrauter Reid in Beschwichtigung. Als Nordirland-Minister Peter Hain von Putins "schlimmen Attacken" auf Freiheit und Demokratie sprach, warnte Blairs Sprecher umgehend vor "voreiligen Schlussfolgerungen". Nur auf Verlangen der Opposition liess sich Chef-Abwiegler Reid dazu herbei, dem Unterhaus zu dem "verdächtigen Todesfall" Rede und Antwort zu geben. Reid vermied den Ausdruck Mord, erwähnte auch mit keinem Wort, dass Litwinenko britischer Staatsbürger gewesen war. Selbst die zur Neutralität verpflichtete BBC nannte Reids Erklärung "eine ungewöhnliche Demonstration britischen Understatements".

Dass Reid im Kabinett berichtet hatte, Litwinenko habe "mit organisierten Verbrechern in Kontakt gestanden", spielten Regierungskreise eilfertig der "Sunday Times" zu. Die Regierungs-nahe Sonntagszeitung "Observer" bestritt ihre Titelgeschichte mit den Enthüllungen einer Doktorandin an der Londoner Westminster University. Julia Swetlitschnaja beschuldigt Litwinenko posthum, er habe hochstehende russische Persönlichkeiten erpressen wollen. Der Rufmord am Vergifteten passt wunderbar ins Beschwichtigungskonzept der Regierung.

Tatsächlich war Litwinenko offenbar eine ebenso schillernde Figur wie viele der zwielichtigen Herren, mit denen er sich am 1. November traf und die jetzt als Tatverdächtige gehandelt werden. Zudem besaß er brisante Dokumente: Swetlitschnaja selbst berichtet von einem geheimen Bericht des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB von 2005, den Litwinenko ihr übergeben hatte. Darin habe die Abteilung für Organisierte Kriminalität detailliert die Verbindungen zwischen Verbrecher-Banden und korrupten Abgeordneten des russischen Parlaments Duma aufgelistet.

Unabhängig voneinander sprachen zwei andere Kontaktleute des Gift-Opfers von einem brisanten Dossier über die Zerschlagung der Ölfirma Jukos, deren Ex-Chef Michail Chodorkowski in einem ostsibirischen Straflager inhaftiert ist. In seinem Asylland Israel berichtete Chodorkowskis früherer enger Mitarbeiter Leonid Newslin der Londoner "Times": "Alexander besaß Informationen über Verbrechen, die mit direkter Beteiligung der russischen Regierung begangen wurden." Das Material könnte von Juri Schwets stammen, einem in den USA lebenden Ex-KGB-Mann, den Fahnder von Scotland Yard als Zeugen befragten.

Hätte Litwinenko die angeblich brisanten Informationen freigebig mit anderen geteilt, wenn er doch, wie Swetlitschnaja behauptet, eine umfangreiche Erpressungs-Kampagne geplant hatte? Möglich bleibt vieles, auch die Variante, dass Litwinenko sich beim Hantieren mit radioaktivem Material versehentlich selbst vergiftete.

Als wahrscheinlich aber muss die Variante gelten, vor der sich die britische Regierung so offenkundig fürchtet: Entweder von oben autorisierte oder selbstständig handelnde Agenten der russischen Geheimdienste haben ihren früheren Genossen ermordet. Dass mitten im Vorweihnachts-Trubel Wissenschaftler-Trupps mit Geigerzählern durch die Londoner Innenstadt ziehen, das neugebaute Stadion von Arsenal London untersucht werden muss und mehrere British-Airways-Flugzeuge radioaktiv kontaminiert wurden, hat auf der Insel Schockwellen ausgelöst.

Bei MI5 nehme man die Entwicklung "sehr ernst", weiß Professor Anthony Glees, Geheimdienst-Fachmann an der Brunel-Universität. Sollte sich aber der Verdacht erhärten, dass Moskau in den Tod seines früheren Geheimdienst-Offiziers verwickelt ist, der erst vor kurzem britischer Staatsbürger geworden war, würden die Schockwellen zum geopolitischen Erdbeben.

Laut "Sunday Times" warnte Blair bereits im Kabinett, dass "das größte Problem" auf lange Sicht sicher das britisch-russische Verhältnis sein werde. Ein nicht namentlich genannter Minister soll ebenfalls Bedenken geäußert haben: Die bilateralen Beziehungen seien zu wichtig, um es sich mit den Russen wegen dieser Sache zu verderben. Da verwundert es nicht, dass der Premier und sein Innenminister Reid in diesen Tagen nicht den Eindruck machen, als sei ihnen an einer raschen Aufklärung des Falles Litwinenko gelegen.

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