Fall Litwinenko Heiße Spur zu kriminellen russischen Agenten

Heute wird der Leichnam von Alexander Litwinenko obduziert. Scotland Yard geht offenbar nicht mehr davon aus, dass russische Regierungskreise in den Todesfall verwickelt sind. Den Ermittlungen zufolge soll eine kriminelle Gruppe von Geheimdienstleuten verdächtig sein.

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Hamburg - Eine Gruppe von gleich drei Pathologen nimmt sich heute des Leichnams von Alexander Litwinenko an: Einen stellt die britische Regierung, einen beauftragte Litwinenkos Witwe Marina und der dritte ist ein unabhängiger Experte. Um sich nicht zu kontaminieren, tragen die Ärzte Schutzkleidung. Die Strahlungsbelastung wird während der Untersuchung permanent gemessen.

Scotland Yard: Die Spur führt zum russischen Geheimdienst
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Scotland Yard: Die Spur führt zum russischen Geheimdienst

Mit der Obduktion im Royal London Hospital soll letztendlich geklärt werden, wie und in welcher Menge das tödliche Polonium-210 in den Körper des Kreml-Kritikers gelangt ist. Erste Ergebnisse soll es möglicherweise schon heute geben. Genaue Analysen können Wochen in Anspruch nehmen.

Die Ermittler konzentrieren sich bei der Spurensuche inzwischen immer mehr auf Verdächtige in Russland. Jüngsten Berichten britischer Zeitungen zufolge steht eine Gruppe jetziger und ehemaliger Mitglieder des russischen Geheimdienstes FSB im Fokus. Scotland Yard hält es demnach für wahrscheinlich, dass der Exilrusse Opfer eines Komplotts wurde. Ein Mordauftrag des Kremls gelte inzwischen als ausgeschlossen.

Laut BBC liegt inzwischen bei der US-Bundespolizei FBI eine Anfrage um Unterstützung aus London vor. Die amerikanischen Experten für Massenvernichtungswaffen sollen demnach bei den Ermittlungen und wissenschaftlichen Analysen helfen.

Im "Guardian" heißt es, Litwinenko könne von "Schurkenelementen" aus dem russischen Staatsapparat getötet worden seien. Ermittler hätten der Zeitung gegenüber ihren Verdacht damit begründet, dass nur Profis in Russland Zugang zu staatlichen Nuklearlabors hätten und einen solchen Plan austüfteln könnten.

Behörden in Moskau stützen diese These. Polonium-210 könne in Russland nicht illegal beschafft werden. "Alle Atom- und Forschungsreaktoren sind Staatseigentum und stehen unter strenger Kontrolle der Regierung", sagte der Chef der Atomenergie-Behörde, Sergei Kirijenko, der Regierungszeitung "Rossiiskaja Gazeta". Im Land würden pro Monat nur acht Gramm der Substanz hergestellt, die über die einzig autorisierte Handelsfirma Tekhsnabexport in die USA ausgeführt würden. Zur Herstellung der Substanz seien bestimmte Reaktoren nötig, die nur in Russland und Kanada gebaut würden.


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Wie es im "Guardian" weiter heißt, haben die Ermittler eine Gruppe von fünf Russen ausgemacht, die mit vielen anderen Fußball-Fans aus Moskau in die britische Hauptstadt gereist war, um sich das Champions-League-Spiel ZSKA Moskau gegen Arsenal London am 1. November anzusehen - der Tag, an dem der mutmaßliche Giftanschlag auf Alexander Litwinenko stattfand. Danach begann das qualvolle dreiwöchige Sterben des Mannes. Schon kurz nach dem Spiel reisten die fünf wieder ab. Dem Bericht zufolge sucht die Polizei die Gruppe lediglich als Zeugen. Doch glaubten die Ermittler, ihre Anwesenheit in London könne der Schlüssel zur Lösung des Falles sein.

Bis jetzt hat Scotland Yard an 24 Stellen in London radioaktive Spuren entdeckt - 12 davon stammen von Polonium-210. Das Innenministerium spricht zwar von einem hohen Grad von Kontamination, aber von einem geringen Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung.

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Der "Daily Telegraph" meldet heute, dass die Täter eine regelrechte Spur hinter sich hergezogen hätten. Anhand der gefundenen radioaktiven Rückstände in London ließe sich der Weg nachvollziehen. Unter Berufung auf Regierungskreise heißt es weiter, dass die Täter offenbar recht sorglos mit dem strahlenden Gift umgegangen sind. Vermutlich aus Versehen hätten sie Polonium auf den Boden ihres Londoner Hotelzimmers fallen lassen. Zudem seien auf Sitzen und in Gepäckfächern einer British-Airways-Maschine, die am 25. Oktober London angeflogen hatte, radioaktive Verunreinigungen festgestellt worden.

mit dpa/Reuters



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