Fall Litwinenko "Ich bin mir bewusst, dass ich jetzt meinen Mann repräsentiere"

Sie hat ihren Mann durch einen spektakulären Mord verloren - und kämpft gegen die Mühlen der Diplomatie. Marina Litwinenko, Witwe des mit Polonium vergifteten Ex-KGB-Mannes, spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Täter, die Rolle Putins und das Leben mit der Trauer.


SPIEGEL ONLINE: Frau Litwinenko, die britische Regierung zögerte lange, bis sie Ende Mai endlich Anklage gegen Andrej Lugowoi wegen des Mordes an Ihrem Mann erhob und von Russland seine Auslieferung verlangte. Waren Sie darüber enttäuscht?

Litwinenko: Das hat mich sehr beschäftigt. Ich wusste ja nicht, was kommen würde. Unser Kontakt beschränkte sich auf die sehr netten und kompetenten Beamten von Scotland Yard. Die haben aber mit der Politik nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie an der Entschlossenheit der Regierung gezweifelt?

Litwinenko: Naja, ich machte mir schon so meine Gedanken. In der Presse war immer wieder davon die Rede, dass vor allem das Außenministerium gegen den Auslieferungsantrag argumentiert hatte. Sie können sich vorstellen, wie erleichtert ich war, als die Entscheidung der Anklage-Behörde veröffentlicht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Die Anklage richtet sich nur gegen eine Person. Dabei traf sich Ihr Mann am 1. November, als ihm das Gift verabreicht wurde, mit drei Männern.

Litwinenko: Das hat mich auch gewundert. Ich weiß aber keine Einzelheiten. Ich weiß nur, was Scotland Yard mir gesagt hat: "Wir wissen genau, wer es getan hat, warum und wie die Tat verübt wurde." Aus meiner Sicht zählen auch die beiden anderen Männer …

SPIEGEL ONLINE: … Dimitri Kowtun und Wladislaw Sokolenko …

Litwinenko: …zu den Tatverdächtigen. Gegen Kowtun ermittelt ja auch die Hamburger Staatsanwaltschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie bringen auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Zusammenhang mit der Tat. Beweise aber legen Sie nicht vor.

Litwinenko: Wir behaupten ja nicht, dass er Saschas Ermordung angeordnet hat. Aber aus welchem Holz der Präsident geschnitzt ist, hat er doch erst kürzlich durch seine Drohungen gegen den Westen deutlich gemacht. Ich dachte: Danke, Herr Putin, für die wunderbare Bestätigung alles dessen, was Sascha immer über Sie gesagt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wilde Rhetorik macht noch keinen Mörder.

Litwinenko: Woher soll das Polonium denn sonst gekommen sein, wenn nicht aus Russland? Es hat einen Terroranschlag gegeben. Sascha und ich und viele andere Menschen waren Opfer eines Terroranschlags auf britischem Boden, mitten in London. Sascha ist tot. Ich habe meinen Mann, mein Sohn hat seinen Vater verloren. Mein Krebsrisiko ist erhöht, und anderen geht es genauso. Dafür ist nicht nur Andrej Lugowoi verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Erst in der Todesnacht Ihres Mannes stand fest, dass er mit der radioaktiven Substanz Polonium-210 vergiftet worden war. Was bedeutete das für Sie?

Litwinenko: Als erstes erlitt ich den Schock, nicht in unser Haus zurückkehren zu können. Erst war davon die Rede, die Reinigung würde zwei, drei Tage dauern. In Wirklichkeit zog sich das immer länger hin. Dann kam natürlich die Sorge um meine eigene Gesundheit und die unseres Sohnes dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wann erhielten Sie Klarheit?

Litwinenko: Es dauerte vier Tage, bis unsere Test-Resultate fertig waren. Das waren vier sehr lange Tage. Da ist mir vieles durch den Kopf gegangen. Was würde aus meinem Sohn werden, wenn ich selbst krank würde? Sie können sich meine Erleichterung vorstellen, als ich die entspannten Gesichter der Ärzte sah: Anatoli war frei von jeder Kontaminierung. Ich selbst habe ein leicht erhöhtes Krebsrisiko. Damit kann ich leben. Schließlich weiß niemand, wie hoch mein Krebsrisiko vorher war.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte Ihre Umwelt?

Litwinenko: Da gab es merkwürdige Reaktionen. Manche Leute fragten mich, ob ich ansteckend sei. Naja, das kann man noch verstehen, schließlich wusste niemand über Polonium Bescheid. Ich konnte wahrheitsgemäß sagen: Nein. Aber ich hörte dann von Bekannten, die alle Zimmer gründlich reinigten, in denen ich mich aufgehalten hatte. Das empfand ich als ziemlichen Affront.

SPIEGEL ONLINE: Durch den Tod Ihres Mannes sind Sie über Nacht ins Rampenlicht geraten. Dieser Tage erscheint Ihr Buch "Tod eines Dissidenten". Hatten Sie jemals Gelegenheit zur Trauer?

Litwinenko: (langes Schweigen) Das vergangene halbe Jahr war nicht leicht. Ich hatte sehr viel zu tun mit Interviews, mit der Arbeit am Buch. Vor allem wollte ich mich intensiv um unseren Sohn Anatoli kümmern. All das hat mir in meiner Trauer geholfen. Das Leben muss ja weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben von "Saschas Energie", die Sie auch nach seinem Tod weiterhin spüren.

Litwinenko: Das ist für mich sehr wichtig. Ich führe seinen Kampf weiter. Jeden Tag bin ich mir bewusst, dass ich meinen Mann repräsentiere.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Ihr Sohn mit der Situation fertig?

Litwinenko: Das ist bei einem Zwölfjährigen schwer zu sagen. Ich will ihn auch nicht dauernd fragen. Ich spreche viel mit ihm über Sascha. Und Anatoli hat sehr gute Freunde in der Schule, die ihm besonders am Anfang sehr geholfen haben.

SPIEGEL ONLINE: Als Ihr Mann 2000 aus Russland floh, sind Sie ihm Hals über Kopf ins Exil gefolgt. Fühlen Sie sich inzwischen zu Hause in London?

Litwinenko: Das ging bei mir schneller als bei Sascha. Durch meinen Sohn lernte ich rasch nette Leute kennen. Sascha und ich gingen gemeinsam in einen Sprachkurs. Aber während ich rasch Fortschritte machte, verharrte er lieber in der zweiten Anfängergruppe. "Das reicht mir", sagte er.

SPIEGEL ONLINE: Sehnte er sich nach Moskau zurück?

Litwinenko: Er entwickelte eine gewisse Nostalgie für unsere Heimat. Aber er war auch sehr glücklich in London, mochte besonders die Höflichkeit der Leute, ging sehr gern in den Londoner Parks spazieren. Für die Fußball-Weltmeisterschaft kaufte er eine große England-Fahne und hängte sie an unseren Balkon. Da hing sie wochenlang, bis ich ihn fragte, ob er sie nicht bald abnehmen wolle. "Ich bin stolz auf England, das soll man ruhig sehen", war seine Antwort.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Mann schrieb in seinem letzten Lebensjahr unzählige Artikel, meist Polemiken gegen Präsident Putin und die russische Politik in Tschetschenien.

Litwinenko: Das Schreiben hat ihm großen Spaß gemacht, das war ihm sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Aber er erhielt nicht immer Reaktion. Selbst sein Freund, Ihr Co-Autor Alex Goldfarb, berichtete nach dem Tod Ihres Mannes, er habe Hunderte ungelesener E-Mails von Sascha. Das muss ihn doch frustriert haben.

Litwinenko: Sascha hatte eine große Liste von Empfängern, die werden sich nicht für alles gleichermaßen interessiert haben. Aber er erhielt regelmäßig Rückmeldungen, war mit vielen Leuten in Kontakt. Das trug zu seiner Zufriedenheit bei.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Litwinenko: Ich werde weiter dafür kämpfen, dass Sascha Gerechtigkeit widerfährt. Vielleicht kann ich irgendwann auch wieder als Tanzlehrerin arbeiten. Ich hatte letztes Jahr gerade erst wieder damit begonnen. Aber einstweilen konzentriere ich mich auf Anatoli. Er soll in Ruhe seine Schule zu Ende machen. Sascha träumte immer davon, dass unser Sohn auch hier in England studieren würde.

Das Interview führte Sebastian Borger



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