Fall Lubanga Der Mann, der unzählige Kinder in den Tod schickte

Thomas Lubanga machte Hunderte Kinder im Kongo zu Killern. Er schickte Zehnjährige als willenlose Soldaten zum Massakrieren los, viele starben im Kampf. Wer sich weigerte, wurde getötet. So lautet die Anklage in Den Haag - Lubanga selbst preist sich als Friedensfürst.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Kinder sind billige Krieger. Und willige - eine Waffe in der Hand gibt ihnen berauschende Macht über die Welt der Erwachsenen. Sie sind leicht zu manipulieren. Und sie haben kaum Hemmungen zu töten. Thomas Lubanga war ein Kriegsherr mit einem solchen Kinderheer - das wird ihm vorgeworfen. Er soll sogar zehnjährige Jungen und Mädchen in Trainingcamps gesteckt haben, um sie das Töten zu lehren; er soll sie vor die Wahl gestellt haben: töten oder getötet werden.

Lubanga: "Brutalster Verbrechen" angeklagt
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Lubanga: "Brutalster Verbrechen" angeklagt

Ekkehard Withopf, Ankläger beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, kann die Machenschaften des 45-jährigen Kongolesen im Detail beschreiben. Vor vier Jahren wurde das Tribunal gegründet, seit gestern muss sich dort Lubanga als erster und bisher einziger Angeklagter für seine Taten verantworten. Zwölf Tage soll die Anhörung in seinem Fall dauern. Falls dann die Beweislage stark genug ist, beginnt ein Prozess - der sich über Monate hinziehen dürfte. An seinem Ende könnte eine lebenslange Haftstrafe für Lubanga stehen.

Withopf wird vor Gericht nicht müde, Lubangas Verbrechen in aller Deutlichkeit zu benennen: "Er hat sie gezwungen, sich zum Töten ausbilden zu lassen. Und er hat sie gezwungen, zu töten. Er schickte sie in den Tod. Viele, viele Kinder."

Wer nicht schießen wollte, wurde mit Cannabis zugedröhnt

Dem Ankläger liegt viel daran, dass Lubanga verurteilt wird. Es würde dem neuen Gerichtshof, der von 104 Nationen anerkannt wird, erstmals Respekt als Autorität in der internationalen Justiz verschaffen - das hofft Withopf. Und es würde den Generälen und Milizenführern in aller Welt klar machen, dass sie nicht länger Kinder in ihre schmutzigen Kriege schicken dürfen, ohne sich strafrechtlich verantworten zu müssen.

Withopfs Stellvertreter Fatou Bensouda sagt: "Kinder anzuwerben, um sie in den Krieg zu schicken, ist eines der brutalsten und moralisch verwerflichsten Verbrechen - gegen eine der verwundbarsten Gruppen in Kriegszeiten." Lubangas "Union kongolesischer Patrioten" (UPC) und deren militärischer Arm, die FPLC, hätten sich Kinder von der Straße geschnappt und sie aus Klassenzimmern gezerrt. Dann seien sie ausgebildet worden, um Menschen aus rivalisierenden Stämmen zu töten. Withopf ergänzt: Wenn sie sich geweigert hätten, habe man ihnen gedroht, sie würden exekutiert. Die Schergen wüssten, "dass Kinder Befehlen von Militärs leicht gehorchen, ohne an die Folgen zu denken. Und sie wussten, dass Kinder sehr schnell mit Waffen umzugehen lernen". Wer sich davor fürchtete, die Waffe auf andere zu richten, sei mit Cannabis zugedröhnt worden.

Ganz anders das Gegenbild der Verteidigung: Lubangas Anwalt Jean Flamme will vor Gericht von all den Vorwürfen nichts wissen. Sein Mandant sei ein Pazifist. Ein friedliebender Politiker, der versucht habe, in die gesetzlose Provinz Ituri im Ost-Kongo Ruhe zu bringen. Er fordert, die Anhörung zu beenden.

Im Kongo hofft man, dass die Anklage noch ausgeweitet wird

Lubanga selbst stellt sich den Richtern als ehemaliger UPC-Präsident vor. Diese Miliz vom Stamme der Hema kontrollierte von August 2002 bis März 2003 die Provinzhauptstadt Bunia, einen Umschlagplatz im illegalen Rohstoffhandel. Die Truppe hatte den Beinamen "die Kinderarmee". Sie wird für mehrere Massaker an Angehörigen der Lendu verantwortlich gemacht. Es gab Fälle, in denen Zivilisten ihre eigenen Gräber ausheben mussten, bevor sie erschossen wurden.

Kommende Woche will die Anklage die Schicksale von sechs Kindern vorstellen, drei Jungen und drei Mädchen. Diese seien nicht die einzigen Kinder, die zu "Opfern Lubangas" wurden. Man werde nachweisen, dass ihre Erfahrungen die Schicksale Hunderter Kinder spiegeln. Manche sprechen von der Zwangsrekrutierung zehntausender Kindersoldaten. Die Richter und die Weltöffentlichkeit dürften grausame Berichte zu hören bekommen.

In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa verfolgt Amigo Gonde das Verfahren, der Vorsitzende der Afrikanischen Gemeinschaft zur Verteidigung der Menschenrechte. Er hält einen Prozess gegen Lubanga für nötig. Aber er kritisiert das Vorgehen. "Das kongolesische Volk wird enttäuscht sein über die Anklagepunkte gegen Lubanga", sagt Gonde. Die jetzt erhobenen Vorwürfe seien minimal - verglichen mit Lubangas sonstigen Verbrechen während des Krieges. Gonde hofft, dass der Internationale Strafgerichtshof die Anklage ausdehnt. Die Vergewaltigung von Frauen und Mädchen durch Lubangas Horden, die Massaker, die Brandschatzungen ganzer Dörfer - für all dies müsse er auch zur Rechenschaft gezogen werden.

Lubanga zeigt sich im Gerichtssaal ungerührt. Er trägt ein traditionelles afrikanisches Hemd, dazu passende blaue Hosen, und als der Vorsitzende Richter Claude Jorda nach den Haftbedingungen fragt, antwortet er: "Offensichtlich sind sie ein Grund von Frustration und Demütigung. Doch ich versuche, mir meine Moral zu erhalten."



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