Mordfall Nemzow Am Ende kommen die Täter immer aus dem Kaukasus

Die russische Justiz präsentiert im Mordfall Nemzow fünf Verdächtige - alle stammen aus Tschetschenien, einer sogar aus dem Umfeld des Alleinherrschers Kadyrow. Was bezwecken die Ermittler mit der Aktion?

Von , Moskau

DPA

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Maskierte Elitepolizisten schleusen bärtige Männer an Fernsehkameras vorbei ins Gerichtsgebäude, draußen patrouillieren Dutzende Schwerbewaffnete, ein Polizeihubschrauber überfliegt die Szenerie - solche Aufnahmen kennen die Russen seit Jahren aus den Abendnachrichten. Nach Terroranschlägen und spektakulären Mordfällen präsentieren die Strafverfolger schnell Verdächtige - häufig stammen sie aus den Kaukasusrepubliken.

Im Fall Nemzow wiederholt sich das Muster: Der russische Inlandsgeheimdienst FSB ließ fünf Männer aus dem Krisengebiet öffentlichkeitswirksam und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen nach Moskau schaffen. Alle kommen aus Tschetschenien.

Die Verdächtigen verbergen ihre Gesichter, nur einer stellt sich selbstbewusst den Fernsehkameras: Der geständige Saur D., ein ehemaliger Polizist aus Grosny. Drohend erhebt er den Zeigefinger und sagt: "Ich liebe den Propheten Mohammed." Russischen Presseberichten zufolge soll D. den Mord an dem Kritiker von Staatschef Wladimir Putin organisiert haben, nachdem er von angeblichen "negativen Äußerungen" des Oppositionspolitikers über den Islam und den Propheten Mohammed erfuhr.

Nemzow war am 27. Februar in Sichtweite des Kreml erschossen worden. Die Ermordung des 55-jährigen Regierungskritikers löste in Russland und weltweit Bestürzung aus.

Der angebliche religiöse Eiferer D. und seine mutmaßlichen Mittäter werden vermutlich bald im russischen Strafvollzug verschwinden. Der Fall wäre damit für die Moskauer Staatsanwaltschaft bequem gelöst. Mit den fünf Tschetschenen kämen Männer ins Gefängnis, die dem Profil des in Russland verhassten tschetschenischen Gewalttäters entsprechen. Die Frage nach eventuellen Drahtziehern der Ermordung von Nemzow würde sich für die Justiz dann nicht mehr stellen.

Parallelen zum Fall Politkowskaja

Aber sind es wirklich die Täter? Die Verdächtigen könnten zwar aus religiöser Überzeugung gehandelt haben. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Hintermänner sie dabei beeinflussten.

Der Fall Nemzow weist Parallelen zum Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 auf. Beide deckten unerschrocken Korruptionsfälle auf und kritisierten Putin. Auch bei Politkowskaja landete nach jahrelangen Ermittlungen ein geständiger korrupter Polizist aus Moskau im Gefängnis, zusammen mit fünf tschetschenischen Tatbeteiligten.

Das Verfahren ist bis heute umstritten - viele halten Ramsan Kadyrow, das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, für den wahren Auftraggeber. Der erst 38-jährige Hardliner hatte die Unruheprovinz einst für Putin mit brutaler Gewalt befriedet.

Im Mordfall Nemzow gerät Kadyrow allerdings in Bedrängnis. Nach der Festnahme von D. meldete sich der Machthaber Tschetscheniens unerwartet zu Wort: Er habe den früheren Polizisten als einen "wahren Patrioten Russlands" kennengelernt. D. sei ein hochdekorierter "furchtloser Soldat", der bei Anti-Terror-Einsätzen sein Leben riskiert habe.

Sollte ein Gericht D. verurteilen, habe der Tschetschene sich zwar eines schweren Verbrechens schuldig gemacht, sagte der Alleinherrscher. Es stehe aber fest, dass D. "wie alle Muslime" entsetzt sei über die Zeitschrift "Charlie Hebdo" und "ihre Unterstützer". Nemzow hatte die Zeichnungen der Karikaturisten verteidigt.

Der Kreml profitierte von Kadyrows Kurs

Nach den Pariser Attentaten schickte Kadyrow in Grosny Hunderttausende Muslime unter "Allahu Akbar"-Rufen zum Protest gegen Mohammed-Karikaturen auf die Straße. Das Staatsfernsehen übertrug live. Im Februar beorderte Kadyrow dann seine Männer zum Anti-Maidan-Marsch nach Moskau, wo sie gegen "westliche Ideologie" und "Gay-Paraden" demonstrierten. In den vergangenen Monaten rückten russische Staatsmedien Kadyrow wie keinen anderen Regionalpolitiker in den Mittelpunkt, der Kreml nutzte die Aktionen des Diktators im Ukraine-Konflikt für seine antiwestliche Kampagne.

Doch warum bekennt Kadyrow sich jetzt zu den Werten des angeblichen Mörders von Nemzow?

Womöglich wollte der tschetschenische Machthaber dem Ermittlungskomitee zuvorkommen. "Die Verbindung Kadyrows mit einem der angeblichen Einzeltäter macht ihn maximal verwundbar für seine Moskauer Gegner", sagt der russische Investigativjournalist Oleg Kashin. Kadyrows brachiale Regierungsmethoden stören seit langem den liberalen Flügel der Moskauer Machtelite, sie befürchtet eine "Tschetschenisierung" Russlands.

An einer Rolle Kadyrows als charismatischem Oberherrscher aller russischen Kaukasusrepubliken ist in Moskau also niemand interessiert. Mit der Diskreditierung des Tschetschenenführers hätten die Ermittler zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: schnell einen Täter präsentiert, der von unbequemeren Tatmotiven ablenkt - und Kadyrows Ambitionen eingegrenzt.


Zusammengefasst: Im Fall Nemzow präsentieren die Ermittler einen Verdächtigen aus dem Kaukasus. Das könnte dem tschetschenischen Machthaber Kadyrow schaden.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sagitta 09.03.2015
1. könnte es nicht sein ...
... dass er es wirklich gewesen ist ?
Hamid A. 09.03.2015
2. Geheimdienstarbeit
Putin als früherer KGB-Agent weiß natürlich wie er die Agenten ein zu setzen hat, um ein Doppeltreffer zu landen. Womöglich wurde der Mord tatsächlich von diesen Leuten ausgeführt, allerdings höchstwahrscheinlich "sponsored by FSB", damit Russland zum einen einen unliebsamen Politiker los wird und zweitens etwas gegen ein unliebsames Nachbarland in der Tasche hat, um es dann zu passender Zeitpunkt aus zu spielen. Wahrscheinlich kommen sehr bald Töne aus der russischen Regierung, dass Russland in dieses Land einmarschieren muss, da sie ein terroristisches Akt gegen einen russischen Politiker ausgeführt haben. DAS ist Politik, meine Damen und Herren.
Oldfever 09.03.2015
3. Wo blieb beim Mord das
Islamistische Terroristen berufen sich bei ihren Taten auf den Propheten. In diesem Fall ist das unterblieben. Dass Nemzow, der unter ständiger Überwachung stand, ausgerechnet in Sichtweite des Kreml ermordet wurde, ohne dass die Täter sofort gefasst wurden, ist ohne Mitwirkung des russischen Geheimdienstes undenkbar. Putins Märchenstunde wird immer witzloser.
spon-facebook-10000747070 09.03.2015
4. Kann sein - oder auch nicht
Das Putin einer seiner Gegner (den er seit Jahrzehnten kennt) pöltzlich auf offener Strasse von gedungenen Mördern erschiessen lässt - so blöd ist er nicht ! Das lernt man beim KGB viel geräuschloser. Russland ist ein von Oligarchen und Mafia zersetzten Land. Da geht es um Schutzgeld, Macht und Einfluß ! Deshalb für mich unverständlich - warum der Westen glaubt das nach Putin ein lupenreiner Demokrat den Atomkoffer bekommt ?
El pato clavado 09.03.2015
5. Kaukasus
üble Gegend,ist da nicht die Arche gelandet. Klarer Fehler des Lieben Gottes,die Arche hätte auch absaufen müssen, dann gäbe es keine Menschheit und gar keine Probleme
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.