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Fall Omar Khadr: Guantanamo-Video alarmiert Menschenrechtler

Er weint, wimmert, fleht um Hilfe: Heimlich wurde die Befragung eines 16-Jährigen in Guantanamo gefilmt, jetzt haben Anwälte die Bänder veröffentlicht. Sie geben Einblick in das US-Gefangenenlager - Menschenrechtler protestieren, das Pentagon verteidigt die Behandlung der Insassen.

Hamburg/Berlin - Omar Khadr bietet ein Bild des Jammers. Er kauert an einem kargen Tisch in einem schummrig beleuchteten Raum ohne Fenster. Ihm gegenüber sitzen mehrere Personen. Khadr ist zum Zeitpunkt der Befragung 16, er weint viel. "Helft mir", wimmert er immer wieder. Und schließlich: "Tötet mich!"

Szenen aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba.

Die Aufnahmen stammen nach Angaben von Khadrs Anwälten aus dem Jahr 2003, als Mitarbeiter des kanadischen Geheimdienstes den Jugendlichen vier Tage lang befragten. Der gebürtige Kanadier Khadr wurde vor sechs Jahren von US-Truppen in Afghanistan gefangengenommen und nach Guantanamo gebracht. In den nun bekannt gewordenen Szenen berichtet er von Folter und falschen Geständnissen. Immer wieder bricht er in Tränen aus, bittet um Hilfe und ruft mehrfach: "Sie interessieren sich doch gar nicht für mich."

Das sieben Stunden lange Video wurde über vier Tage hinweg aufgenommen und ursprünglich als geheim eingestuft. Gefilmt wurde es offenbar aus einem Lüftungsschlitz heraus - autorisiert von US-Behörden, die es dann wiederum Khadrs Anwälten zur Verfügung stellten. Es ist die bisher erste Videoaufzeichnung, die von der Befragung eines Guantanamo-Häftlings an die Öffentlichkeit gelangte - die Aufzeichnung der sieben Stunden enthält bewegende Passagen (siehe Kasten).

Der Fall des jungen Kanadiers Omar Khadrs ist einer der umstrittensten in Guantanamo Bay. Die Schuld des zum Zeitpunkt seiner Festnahme erst 15-jährigen Jungen steht nicht so sehr in Zweifel - dafür aber die Rechtmäßigkeit seiner Behandlung. Menschenrechtler fordern, Khadr als Kindersoldat und nicht als feindlichen Kämpfer einzustufen.

Sprössling der "Terror-Familie Nr. 1"

Die Geschichte Khadrs führt zurück in den Juli 2002, in die Region Khost in Ostafghanistan, gleich an der Grenze zu Pakistan. Gedrillt in Trainingslagern der Qaida auf der anderen Seite der Grenze, soll Khadr damals mit einer Handgranate den 28-jährigen US-Soldaten Christopher J. Speer bei einem Gefecht nahe einer US-Basis getötet und einen weiteren Soldaten der Special Forces schwer verletzt haben.

Er selbst wurde beim Kampf schwer verletzt und ist von den Explosionen fast blind. Blutüberströmt und mit mehreren Einschüssen im Rücken sammelten ihn US-Soldaten später auf und brachten ihn direkt nach Guantanamo.

Seitdem ist sein Fall dort eines der meistbeachteten Verfahren. Nicht nur, weil Khadr Kanadier ist - sondern weil er einer der jüngsten Gefangenen im Anti-Terror-Gefängnis der USA ist. Khadrs Familiengeschichte ist einzigartig. Der jetzt 21-Jährige zog Ende der neunziger Jahre mit seiner Familie aus Ottawa nach Pakistan. Dort brachte sein Vater, ein bekannter Islamist, den Jungen schnell in die Lager der Qaida und sogar zu mehreren Treffen mit dem Terror-Fürsten Osama Bin Laden. So eng sollen die Kontakte der Familie, so groß die Bereitschaft zum Märtyrertum gewesen sein, dass die Familie als "Terror-Familie Nr. 1" in Kanada Schlagzeilen machte.

Neue Vorwürfe gegen die kanadische Regierung

An Khadr ging das Treiben in den Trainingslagern offenbar nicht spurlos vorbei. "Alle Kinder wurden indoktriniert mit dem Denken von al-Qaida", sagte Oberst Morris Davis, oberster Militärankläger in Guantanamo bei der Eröffnung des Verfahrens. Nach dem 11. September 2001 habe Omar dann beschlossen, als Qaida-Aktivist zu kämpfen. Sein Vater starb 2003, fast ein Jahr nach der Festnahme seines Sohns, bei einem Gefecht mit pakistanischen Sicherheitskräften.

Für die kanadische Regierung ist der Fall heikel - vor allem die jetzt veröffentlichten Bilder erhöhen den Druck auf sie. Jahrelang hatten die Behörden behauptet, sie wüssten nichts von Folter oder den im Militärjargon gern als "harsche Techniken" bezeichneten Methoden, die Khadr in dem Video beschreibt. Nun kommt heraus, dass Offizielle aus Kanada den jungen Mann selber befragen konnten - und ein sehr detailliertes Bild über die Vorgehensweise in Guantanamo erhielten.

Aus den Unterlagen geht außerdem hervor, dass ein Mitarbeiter des kanadischen Außenministeriums Khadr 2004 besucht hat. Dabei hat ihn das US-Militär den Akten zufolge informiert, dass der Häftling alle drei Stunden in eine andere Zelle gebracht wurde. Diese Behandlung heißt im Geheimdienstjargon "Frequent Flyer" und ist eine wirkungsvolle Methode zum Schlafentzug. Eine Stellungnahme der kanadischen Regierung zu den Vorwürfen gibt es bislang nicht. Khadrs Anwalt Nathan Whitling geht jedoch davon aus, dass sie trotz des Videos bei ihrer harten Haltung bleiben wird, Khadr nicht auf politischem Weg aus Guantanamo zu holen, sondern ihn der US-Militärjustiz zu überlassen. "Ministerpräsident Harper hat seine alte Position gerade im Prinzip erneuert", sagte Whitling zu SPIEGEL ONLINE. "Wir haben keine große Hoffnung mehr auf sein Rückgrat."

"Man kann sich vorstellen, wie es allen anderen geht"

Das Pentagon dürfte ebenfalls kaum erfreut sein über die Veröffentlichung. Das Video gibt allein schon durch Khadrs Schilderungen weitere Hinweise auf inhumane Verhörmethoden in Guantanamo. Trotzdem bleibt das US-Verteidigungsministerium bei seiner Leitlinie: "Unsere Politik ist es, Häftlinge human zu behandeln, und auch Khadr wurde human behandelt" - das sagte ein Sprecher in einer Stellungnahme.

Ob Kanadier oder Amerikaner - die Befragung verstößt nach Ansicht von Experten in jedem Fall gegen die Menschenrechte. "Auf dem Video sieht man einen Jugendlichen, der um Hilfe bittet, und eine Befragung, die gegen US-Recht und gegen jedes geltende internationale Recht zum Schutz von Kindern verstößt", sagte Wells Dixon, Anwalt am New Yorker Zentrum für Verfassungsrecht. Er vertritt Dutzende Guantanamo-Häftlinge und sagt: "Wenn Jugendliche in Guantanamo so behandelt werden, kann man sich vorstellen, wie es allen anderen geht."

ffr/mgb/AP

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