Attentat auf Ex-Agent Skripal Moskaus Mauern

"Quatsch", "Unsinn", "Märchen": Moskau weist jede Schuld an der Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal von sich. Die Taktik ist altbewährt - doch die Briten haben Druckmittel.

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Von , Moskau


Die Reaktion kam prompt: Eine "Zirkusshow" sei der Auftritt von Theresa May im Parlament gewesen, sagte Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa am Montagabend. Es handele sich um eine weitere politische Kampagne gegen Russland, "basierend auf Provokationen". Was bei Vorwürfen des Dopings oder der Wahleinmischung bisher Stunden oder gar Tage dauerte, erledigte Sacharowa dieses Mal sofort: Sie stritt alles ab, spottete über "neue Märchen im Königreich".

Premierministerin May hatte zuvor Moskau für das Attentat auf den einstigen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia verantwortlich gemacht. Entweder habe der russische Staat die Attacke ausgeführt, was "höchstwahrscheinlich" sei. Oder Moskau habe die Kontrolle über das Nervengift verloren und dadurch ermöglicht, dass es in fremde Hände geraten sei. US-Außenminister Rex Tillerson schloss sich wenig später der Einschätzung der Briten an.

Wladimir Putin
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Wladimir Putin

Skripal und seine Tochter waren am 4. März im südenglischen Salisbury mit einer Substanz vergiftet worden, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion hergestellt wurde: einem Nervengift aus der Serie Nowitschok, auf Deutsch Neuling. Rund 100 Varianten gibt es von dem Nervengift, das fünf bis acht Mal wirksamer sein soll als der berüchtigte Nervenkampfstoff VX. Es wurde dafür konzipiert, auch Schutzausrüstungen der Nato-Streitkräfte durchdringen zu können. Nowitschok besteht aus zwei Komponenten, die erst dann tödlich werden, wenn sie miteinander vermischt sind.

Noch immer ist der Zustand des ehemaligen Spions Skripal und seiner Tochter kritisch. Bis Dienstagabend hat Russland nun Zeit, sich gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu erklären. Das ist das Ultimatum, das May Moskau gestellt hat. Und bisher sieht es nicht danach aus, als ob man in Russland trotz der angespannten Beziehungen zu Großbritannien gewillt ist, auf diese Frist irgendwie einzugehen.

Präsident Wladimir Putin hatte es bei einem Besuch eines landwirtschaftlichen Betriebs am Montag im südrussischen Krasnodar vorgemacht. Von einem BBC-Reporter gefragt, ob Russland hinter der Attacke auf Skripal stecke, sagte er: "Klären Sie die Angelegenheit erst einmal bei sich, dann werden wir das mit Ihnen besprechen."

Moskau agiert nach dem bewährten Muster, man versucht die Vorwürfe auszusitzen, indem man abwiegelt, darüber spottet oder andere beschuldigt. Das war schon bei den Hackerangriffen so oder bei den Einmischungen in den US-Wahlkampf, zuletzt waren 13 Russen von US-Sonderermittler Robert Mueller angeklagt worden.

Alles Teil einer antirussischen Kampagne, heißt es in Moskau. Das Außenministerium sieht sogar einen Zusammenhang zum Fußball. Die Briten könnten Russland nicht verzeihen, "dass gerade unser Land im fairen Wettbewerb das Recht erhalten hat, die Fußball-WM 2018 auszurichten", teilt die Behörde nach Mays Rede mit.

"Londons Position spiegelt die jüngsten westlichen Trends: keine Beweise, aber für alles ist Russland verantwortlich", sagt Leonid Sluzki, Vorsitzender des Komitees für internationale Angelegenheiten in der Duma. Er sieht gar die Möglichkeit einer Beeinflussung der Präsidentschaftswahl am Sonntag in Russland. "Natürlich werden diese neuen Anschuldigungen mit der Präsidentschaftswahlkampagne verbunden werden." Er sprach ebenfalls von einer "Provokation" und "absolutem Unsinn", mit dem Moskau nichts zu tun habe.

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Dimitrij Kisseljow, der Chef des weltweit tätigen staatlichen Propagandaunternehmens Rossija Sewodnja, hatte bereits am Sonntag vor Millionen Zuschauern den Ton vorgegeben. "Wenn man genau nachdenkt, dann gibt es nur eine Seite, der die Vergiftung gelegen kommt - das sind die Briten", sagte er in seiner Sendung "Westi Nedeli" (Nachrichten der Woche). Als Quelle hätten die Briten den Doppelagenten Skripal abgeschöpft (lesen Sie hier mehr über die Hintergründe), auch als "Giftopfer ist er sehr nützlich", behauptete Kisseljow, denn so könne in Großbritannien Russenfeindlichkeit geschürt werden.

Die aktuellste in der langen Liste der Zurückweisungen kommt von Außenminister Sergej Lawrow. "Wir haben schon eine Erklärung abgegeben, dass das alles Quatsch ist. Wir haben damit nichts zu tun", sagte er am Dienstag . Lawrow forderte einen kompletten Zugang zu den Ermittlungen und Giftproben, um eine eigene Analyse der verdächtigen Substanz vorzunehmen. Immerhin deutete der Minister eine Bereitschaft seines Landes zur "Zusammenarbeit" an. Wie genau diese aussehen könnte, bleibt offen. Unabhängig von diesem Angebot bestellte Russland den britischen Botschafter Laurie Bristow ein.

Die Frage ist nun, wie London auf Moskaus Abwiegeln reagieren wird - verschiedene Maßnahmen werden diskutiert:

  • Der Boykott der Fußball-WM: Offizielle könnten dem Turnier in Russland fernbleiben, was Moskau sicher nicht passen dürfte, schließlich ist die WM die Prestigeveranstaltung des Kreml;
  • Cyberattacken: Nach Informationen der "Times" könnte London russische Regierungsseiten oder Einrichtungen, die mit der berüchtigten "Troll"-Fabrik verbunden sind, angreifen;
  • Ausweisung von russischen Diplomaten: 2007 hatte Großbritannien bereits Vertreter Russlands des Landes verwiesen, nachdem Moskau sich weigerte, Andrej Lugowoj auszuliefern. Er wird von der britischen Justiz des Mordes von Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko im Jahr 2006 beschuldigt und sitzt im russischen Parlament. Skripal bezeichnete der ehemalige FSB-Mann als "Verräter". Litwinenko war qualvoll an einer Polonium-Vergiftung gestorben. Es ist davon auszugehen, dass Russland auf eine Ausweisung mit Gegenmaßnahmen reagieren wird.
  • Maßnahmen gegen RT, ehemals Russia Today: Die Arbeit des russischen Auslandssenders könnte in Großbritannien eingeschränkt werden, das aber würde sicher Folgen für britische Medien wie die BBC in Russland haben.
  • Neue Sanktionen: London erwägt in Zusammenarbeit mit anderen westlichen Staaten weitere Strafmaßnahmen gegen Russland. Die Frage ist aber, wen sie genau treffen sollen und wer sich an so einem Schritt zusammen mit Großbritannien gegen Moskau beteiligt. Der Oppositionelle Alexej Nawalny schlug bereits mögliche Ziele vor, unter anderem die Oligarchen Alischer Usmanow und Roman Abramowitsch, die Fußballclubs auf der Insel besitzen. Auch Sanktionen wird der Kreml nicht unbeantwortet lassen.

Für Putin kommt das alles vor der Abstimmung am 18. März nicht ungelegen: Kann der Präsident doch einmal mehr zeigen, wie sehr Russland vom Westen bedrängt wird und wie wichtig der Zusammenhalt im Land ist, das er hinter sich vereint sehen will.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es im Teaser aufgrund eines Redigierfehlers, dass Skripal tot sei. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 271 Beiträge
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SlackNSlooth 13.03.2018
1. So wie man es von Russland kennt
...dementieren und lügen. Wenn man dann zweifelsfrei überführt ist: weiter dementieren und noch mehr lügen
reznikoff2 13.03.2018
2. Ja, gut
Denen glaubt doch eh keiner. Das wird auch nicht mehr. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Wer immer lügt, hat nichts mehr zu sagen. Lawrow am allerwenigsten.
dr.schnabel 13.03.2018
3. bin
ich denn der einzige, der das alles übermäßig hysterisch findet?
Moshpit 13.03.2018
4. natürlich leugnet Russland
Immer wieder das gleiche Muster: Russland wird für irgendwas verantwortlich gemacht. Beweise gibt es nicht, nur Anschuldigungen. Dann wird die Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt und Russland soll beweisen, dass es nicht verantwortlich ist. Warum muss der Beschuldigte beweisen, dass er unschuldig ist? Normalerweise läuft es doch so, dass der Ankläger die Schuld beweisen muss. Ich behaupte und werte hier gar nichts. Ich schließe mich auch keiner Vermutung an, weder für die eine noch die andere Seite. Selbst wenn Putin persönlich den Anschlag angeordnet hat: erwartet etwa jemand ernsthaft, er würde es zugeben nur weil die Briten ihn ohne handfeste Beweise anschuldigen? Kein Politiker würde das machen. Wir wissen doch, dass alle Politiker aus allen Nationen immer nur das zugeben, was man ihnen ohnehin zweifelsfrei nachweisen kann.
hausfeen 13.03.2018
5. Oder, weit effektiver, UK nimmt den Brexit zurück. Denn ...
... mit großer Sicherheit hatte Russland auch die Brexitetten moralisch, logistisch und finanziell unterstützt. Die Einigkeit der EU und des ganzen Westens zu zerstören ist nun mal das Hauptziel des asymetrischen Kremlkriegers.
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