Günter Verheugen zum Fall Skripal Ehemaliger EU-Kommissar nimmt Russland in Schutz

Günter Verheugen hat die Sanktionen mehrerer europäischer Staaten gegen Russland im Fall Skripal kritisiert. Strafmaßnahmen sollten nicht auf Vermutungen, sondern auf Fakten basieren, sagte der frühere EU-Kommissar.

Günter Verheugen (Archivaufnahme)
DPA

Günter Verheugen (Archivaufnahme)


Deutschland, die Nato, die USA, Frankreich und mehrere EU-Staaten haben als Reaktion auf den Fall Skripal Dutzende russische Diplomaten ausgewiesen, Moskau hat inzwischen Gegenmaßnahmen angekündigt. Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen hat das Vorgehen gegen Russland jetzt kritisiert.

"Generell sollten Sanktionen faktenbasiert sein und nicht auf Vermutungen aufbauen", sagte Verheugen der "Augsburger Allgemeinen". "Die Argumentation im Fall Skripal erinnert mich ein bisschen an eine Urteilsverkündung nach dem Motto 'Die Tat war dem Beschuldigten nicht nachzuweisen, aber es war ihm zuzutrauen'", kritisierte der SPD-Politiker.

Verheugen war von 1999 bis 2010 EU-Kommissar, zunächst für die Erweiterung der Europäischen Union, später für Industrie. "Die Haltung, dass Putin und die Russen im Zweifel für alles verantwortlich sind, ist eine Vergiftung des Denkens, die aufhören muss", sagte er.

Die Ausweisungen stehen in Zusammenhang mit dem Giftanschlag auf den im britischen Exil lebenden russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julija. Die beiden ringen in einem britischen Krankenhaus um ihr Leben.

Die britischen Behörden sind überzeugt, dass die beiden mit einem hochwirksamen Nervengift in Berührung gekommen waren, das aus Russland stamme. Bei keinem anderen Land gebe es die Kombination aus Fähigkeit, Absicht und Motiv für eine Tat wie in Salisbury, sagte Premierministerin Theresa May am Montag. Es gebe Beweise, dass Russland den Einsatz chemischer Kampfstoffe für Attentate erforschen ließ.

Auch Trittin kritisiert Ausweisung

Das Gift gegen Skripal soll mit Wissen der russischen Staatsführung eingesetzt worden sein. Er und seine Tochter waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der britischen Kleinstadt Salisbury gefunden worden. Die Zahl der Menschen, die mit dem Gift in Kontakt gekommen sein könnten, bezifferte May auf mehr als 130.

Auch der Grünen-Außenexperte Jürgen Trittin kritisierte die Ausweisung russischer Diplomaten aus Deutschland und anderen EU-Staaten. Es sei "leichtfertig, ohne belastbare Beweise und nur aufgrund von Indizien so gegen Russland vorzugehen und in einen neuen Kalten Krieg zu stolpern", sagte Trittin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Im Ergebnis wird der Westen durch die Ausweisungen nichts gewinnen: Russland weist wahrscheinlich seinerseits europäische Diplomaten aus und weitere Gesprächskanäle nach Moskau werden verschüttet", sagte der Bundestagsabgeordnete, der amtierender Vorsitzender der deutsch-russischen Parlamentariergruppe ist.

Dagegen sagte der Grünen-Osteuropa-Experte Manuel Sarrazin, mit der Ausweisung der vier Diplomaten tue die Bundesregierung das Mindeste: "Sie stärkt damit den europäischen Geleitschutz für Großbritannien, das sich angegriffen sieht", sagte Sarrazin.

als/dpa



insgesamt 216 Beiträge
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bs2509 27.03.2018
1. Günter Verheugen
bringt es auf den Punkt . . . der letztendliche Beweis fehlt, dass Putin und Russland direkt mit dem Anschlag in Verbindung gebracht werden können. Auch hier gilt die Unschuldsvermutung. Aber wer sich durch die Presse der "Transatlantik-Brücke" benebeln lässt, ist selber Schuld. Und zu meinen, das Böse sitze nur in Moskau oder Ankara, der irrt. Auch in Washington beginnt die "Achse des Bösen!" Nur darüber wird hierzulande gern wenig berichtet.
Havel Pavel 27.03.2018
2. Ein Politiker alter Schule, heutzutage total out!
Mittlerweile gibt es doch alternative Fakten und diese kann man sich zum Glück stets passend zum gewünschten Ziel stets passend zurechtlegen. Hinzu kommt, dass man sie nur oft genug wiederholen muss bis auch der Letzte daran fest glaubt und Zweifler in den Bereich der Verschwörungstheoretiker gesteckt werden. So geht moderne Politik! Und das willfährige Volk spielt voll mit! Erinnert mich irgendwie an dunklere Zeiten in denen es mal ähnlich abgelaufen ist. Am Ende wollte natürlich keiner was davon gewusst haben und stets auf der Seite der "Guten" gestanden haben!
Frittenbude 27.03.2018
3. Blind
"nur Vermutungen" gäbe es also bezüglich der Verwicklung Russlands lt. Verheugen? Dann muss er ja in das laufende Ermittlungsverfahren involviert sein. Hoppla, Ist er aber gar nicht? Nach Kubicki der nächste alte Mann, der sich um Kopf und Kragen reden möchte?
pons243 27.03.2018
4. Ein Mann mit Verstand
ist Günter Verheugen, der wenigstens nicht sofort ohne nachzudenken, die gleiche Keule schwingt wie sonst so viele andere Politiker, welche nur aufgrund Vermutungen und jegliche Beweise nur einen einzigen Schuldigen sehen wollen oder vielleicht auch sollen müssen? Solche Politiker verdienen den Respekt und Hochachtung, welche sich nicht einfach dem Mainstream-Journalismus anschließen!
In Kognito 27.03.2018
5. M&M Absurdistan (Merkel & May)
Dass NULL Fakten vorliegen, zeigt das Ausscheren eines großen Teils der EU-Länder, außer den "Transatlantikern". Und die Formulierungen Mays werden immer nebulöser. In verschiedenen Printmedien wurde sie zitiert mit: Chemieangriff mit xx möglichen (über hundert) Vergifteten, in anderen mit "xx potentiell Vergifteten" usw. Was denn nun - vergiftet oder nicht?! Wenn das so eine tödliche Massenvernichtungswaffe ist, warum denn "nur" 3 und die "noch nicht mal" tot? Amateure am Werk? Oder nicht das, was propagiert wird.
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