Fall Timoschenko: Westerwelle warnt Ukraine vor Bruch mit der EU
Die Warnung von Guido Westerwelle an die Ukraine ist deutlich: Mit seinem Vorgehen gegen Ex-Regierungschefin Timoschenko verbaut sich das Land eine Annäherung an die EU. Abkommen könnten in der aktuellen Situation nicht unterzeichnet werden.
Berlin - Mit einem dringenden Appell hat sich Außenminister Guido Westerwelle an die Ukraine gewandt. Durch das Verhalten gegenüber der früheren Regierungschefin Julija Timoschenko gefährde das Land vorerst eine Annäherung an die EU, so der Politiker.
"Mit unseren Partnern in der Europäischen Union sind wir uns einig, dass das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine nicht ratifiziert werden kann, solange sich die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine nicht in die richtige Richtung entwickelt", sagte Westerwelle der "Rheinischen Post".
Er sei in großer Sorge um die inhaftierte, erkrankte und in einen Hungerstreik getretene Ex-Regierungschefin. Sie brauche "unverzüglich angemessene medizinische Behandlung". Deshalb habe er gegenüber der Ukraine das Angebot erneuert, dass Timoschenko auch in Deutschland ärztliche Behandlung bekommen könne.
Zugleich warnte Westerwelle vor Debatten über eine Verlegung der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. "Ich rate davon ab, den Gesprächsfaden zu durchschneiden", sagte er. Er geht jedoch davon aus, dass es während des Großereignisses zu massiven Protesten kommen könnte. "Politiker, Sportler, Medien und Fans werden es sich nicht nehmen lassen, während der EM gegen die Verletzung der Menschenrechte in der Ukraine ein Zeichen zu setzen", sagte der FDP-Politiker der "Bild"-Zeitung.
Diskussion um EM-Boykott: "Kein Mittel ausschließen"
Der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit (Grünen) sprach sich im Fall Timoschenko für ein gemeinsames Vorgehen von Europäischer Union und europäischem Fußballverband Uefa aus. "EU und Uefa müssen jetzt gemeinsam handeln, etwa durch eine gemeinsame Reise der EU-Außenbeauftragten (Catherine) Ashton und von Uefa-Präsident Michel Platini", sagte er der "Berliner Zeitung". Sie sollten den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch treffen und auch Timoschenko in der Haft besuchen.
"Man muss nun die verbleibenden sechs Wochen bis zum EM-Start nutzen und Präsident Janukowitsch klarmachen, dass er sich in Sachen Rechtsstaat unmittelbar bewegen muss", sagte Cohn-Bendit. Einen vorschnellen Boykott der EM in der Ukraine lehnte auch er ab. Man dürfe jedoch "derzeit kein Mittel ausschließen".
Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski warnte dagegen vor einem Boykott der EM in der Ukraine wegen der Behandlung Timoschenkos. "Boykott-Appelle sind angesichts der bestehenden Lage in der Ukraine völlig unangemessen", sagte er am Mittwochabend dem polnischen Fernsehsender TVP. Er verfolge die Boykottdrohungen im Vorfeld der Fußball-EM "mit größter Unruhe". Polen ist zusammen mit der Ukraine Gastgeber der EM, die im Juni beginnt.
jok/dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Donnerstag, 03.05.2012 – 08:46 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 45 Kommentare
Fläche: 603.700 km²
Bevölkerung: 45,448 Mio.
Hauptstadt: Kiew
Staatsoberhaupt: Wiktor Janukowitsch
Regierungschef: Mykola Asarow
Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ukraine-Reiseseite
- Debatte über EM-Boykott: "Das erste Eigentor der Meisterschaft" (02.05.2012)
- Debatte um Ukraine: Das Gespenst von der EM in Deutschland (02.05.2012)
- EM-Gastgeber Ukraine: Klitschko greift Janukowitsch an (28.04.2012)
- Fall Timoschenko: "Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter noch aushält" (01.05.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin

Möchten Sie ein anderes Land erkunden?