EM 2012: Gastgeber Polen streitet über Ukraine-Boykott

Die Rufe nach einem Boykott der Ukraine während der Fußball-Europameisterschaft werden immer lauter. Selbst Jaroslaw Kaczynski, Oppositionsführer im Co-EM-Land Polen, spricht sich jetzt dafür aus. Premier Tusk widerspricht.

Jaroslaw Kaczynski: "Harte Haltung auch der polnischen Politiker" erfordert Zur Großansicht
AFP

Jaroslaw Kaczynski: "Harte Haltung auch der polnischen Politiker" erfordert

Warschau - Polen steckt in einem Dilemma: Wie soll sich der Co-EM-Gastgeber angesichts der immer stärker werdenden Rufe nach einem Boykott des Mitausrichters Ukraine verhalten? Der polnische Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski preschte nun am Donnerstag vor: Das Vorgehen der ukrainischen Führung gegen die Opposition, vor allem gegen die inhaftierte ehemalige Regierungschefin Julija Timoschenko, erfordere eine harte Haltung auch der polnischen Politiker. "Auch die polnische Regierung sollte mit dem Boykott des ukrainischen Teils der EM drohen", forderte Kaczynski.

Seine Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) begrüße die bisherigen Boykottforderungen westlicher Politiker. Allerdings kritisierte der Europaabgeordnete der PiS, Ryszard Czarnecki, diese Aufrufe, wie die Zeitung "Gazeta Wyborcza" berichtete.

Wenig später reagierte Polens Ministerpräsident Donald Tusk von der Bürgerplattform (PO) auf die Äußerungen Kazcynskis : Der Premier kritisierte die Boykottaufrufe, er werde diese nicht unterstützen. Er wolle nicht, dass viele Jahre der Vorbereitung auf dieses Großereignis ruiniert würden.

Gleichzeitig warnte Tusk die Kiewer Führung: Der Ruf der Ukraine werde "gewaltigen Schaden nehmen", sollte sich die Lage der inhaftierten und schwererkrankten Oppositionellen Julija Timoschenko nicht bessern. Warschau sei wegen der Behandlung Timoschenkos irritiert und fordere die Regierung in der Ukraine auf, die Menschenrechte zu achten.

Nach Angaben der Tochter Timoschenkos verschlechtert sich der Gesundheitszustand der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin von Tag zu Tag. "Sie wird weiter die Nahrungsaufnahme verweigern, obwohl sich ihr gesundheitlicher Zustand sehr verschlechtert hat. Sie ist schwach und sehr blass. Es tut mir weh, sie so zu sehen", sagte Jewgenija Timoschenko vor der Strafanstalt in Charkow zu Journalisten. Die Welt solle nicht aufhören, Druck auf die ukrainische Regierung auszuüben, habe ihre Mutter gesagt.

"Unangemessene Reaktion"

Bereits am Abend zuvor hatte der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski in einem Fernsehinterview einen EM-Boykott der Ukraine als "unangemessene Reaktion" bezeichnet. Er warnte davor, dass eine Isolation des Landes die Westintegration der Ukraine gefährde.

"Die EM ist nicht das Eigentum von diesem oder jenem Politiker", sagte Komorowski dem polnischen Fernsehsender TVP1. "Sie ist eine Chance für die Ukraine, sich selbst von ihrer besten Seite zu zeigen." In Polen verstehe man das sehr gut. "Wir fühlen, dass sich die Ukraine irgendwo zwischen der Wahl einer Integration in die westliche Welt oder der Chance zur Teilhabe an einer von Russland angebotenen Zollunion befindet."

EU erhöht Druck

Auch Außenminister Guido Westerwelle warnte Kiew am Donnerstag: "Mit unseren Partnern in der Europäischen Union sind wir uns einig, dass das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine nicht ratifiziert werden kann, solange sich die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine nicht in die richtige Richtung entwickelt."

Er sei in großer Sorge um die inhaftierte, erkrankte und in einen Hungerstreik getretene Ex-Regierungschefin. Sie brauche "unverzüglich angemessene medizinische Behandlung". Deshalb habe er gegenüber der Ukraine das Angebot erneuert, dass Timoschenko auch in Deutschland ärztliche Behandlung bekommen könne.

Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu sagte am Donnerstag seine Reise ins ukrainische Jalta am 11. und 12. Mai ab. Beim Treffen der mittel- und südosteuropäischen Staatschefs werde Rumänien nur von Diplomaten vertreten werden. Bundespräsident Joachim Gauck hatte seine Teilnahme bereits am 25. April zurückgezogen.

Einige deutsche Politiker wollen aus Protest gegen den Umgang mit Timoschenko auf Reisen zu EM-Spielen in der Ukraine verzichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel will erst kurz vor Turnierbeginn über ihre Teilnahme entscheiden.

heb/dpa/Reuters/AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
king_pakal 03.05.2012
Zitat von sysopDie Rufe nach einem Boykott der Ukraine während der Fußball-Europameisterschaft werden immer lauter. Selbst Jaroslaw Kaczynski, Oppositionsführer im Co-EM-Land Polen, spricht sich jetzt dafür aus. Premier Tusk widerspricht. Fall Timoschenko: Gastgeber Polen streitet über Ukraine-Boykott - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831172,00.html)
"Auch Außenminister Guido Westerwelle warnte Kiew am Donnerstag: "Mit unseren Partnern in der Europäischen Union sind wir uns einig, dass das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine nicht ratifiziert werden kann, solange sich die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine nicht in die richtige Richtung entwickelt." Die Empörung beim F1-Rennen in Bahrain war hiergegen relativ schwach. Wo war Westerwelle zu der Zeit? Vom Gauck hat man auch nichts gehört. Was bedeutet "..solange sich die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine nicht in die richtige Richtung entwickelt."? Heisst es Verbrecher müssen freigelassen werden, wenn es die "europäischen Partner" fordern? Ich denke die ukrainische Justiz wäre gut beraten diesen Prozess neu zu verhandeln, damit die Pseudovorzeigemoralisten aus der EU endlich Ruhe geben.
2. Nichts vorher gewußt?
Fritz Motzki 03.05.2012
Zitat von sysopDie Rufe nach einem Boykott der Ukraine während der Fußball-Europameisterschaft werden immer lauter. Selbst Jaroslaw Kaczynski, Oppositionsführer im Co-EM-Land Polen, spricht sich jetzt dafür aus. Premier Tusk widerspricht. Fall Timoschenko: Gastgeber Polen streitet über Ukraine-Boykott - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831172,00.html)
Warum schreien unsere Politiker jetzt erst rum und nicht schon bei der Bewerbung der Ukraine zur EM? Doch bestimmt nicht wegen der korrupten, inhaftierten Dame. Vll. sind alle ja nur zu feige, sich dort blicken lassen zu müssen, weil sie um ihre Gesundheit fürchten. Aber, Hauptsache die TV-Übertragungen werden nicht gestört. Wenn ich Fußball gucken will, haben die Quatschköpfe aus der Politik für mich Sendepause!
3. Von Tusk lernen!
MiniDragon 03.05.2012
Tusk hat den Karlspreis zu recht erhalten: Auszeichnung für Polens Ministerpräsidenten: Karlspreis geht an Donald Tusk - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,672401,00.html) Er scheint der auch in diesem Fall sehr vernünftig zu agieren, indem er sich nicht vor der Wagen der scheinheiligen Julija Timoschenko spannen lässt .
4. Lieber spiegel
distel79 03.05.2012
Warum beschäftigt sich angeblich unabhängiger Vertreter von Mass Media so vehement mit diesem Fall? Vor allem möchte ich verstehen, warum Spiegel so stur irgendwelche „Informationen“ verbreitet? Das ist doch schlimmer als sogenannte Gelbe Presse. Wenn man die Foren zu diesem Thema liest, sieht man, dass die meisten Leser ganz andere Meinung haben. Für wen sind denn diese Artikel gedacht? Für AMerkel & Co? Deutsche Politik macht sich gerade peinlich und weist Heuchelei auf. Oder soll dieser nun wirklich schräger Aufstand von realen Themen und Problemen in Deutschland ablenken?
5. Es ist sicherlich..
javaan 03.05.2012
.. ein Problem was angegangen werden muss, allerdings sind die Reaktionen ein wenig scheinheilig. Massen an Politiker und sonstige Vertreter waren in 2008 zu Zeiten der Olympischen Spielen in Beijing. Ich wage die These Mal, dass wenn es um Menschenrechte geht, es in der Ukraine ein weniger besser Leben lässt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Ukraine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 15 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Fußball-EM in der Ukraine: Hoeneß kritisiert ukrainische Regierung

Fläche: 603.700 km²

Bevölkerung: 45,553 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt: Wiktor Janukowitsch (abgesetzt); Alexander Turtschinow (interimistisch)

Regierungschef einer Übergangsregierung: Arsenij Jazenjuk

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite