Warschau - Polen steckt in einem Dilemma: Wie soll sich der Co-EM-Gastgeber angesichts der immer stärker werdenden Rufe nach einem Boykott des Mitausrichters Ukraine verhalten? Der polnische Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski preschte nun am Donnerstag vor: Das Vorgehen der ukrainischen Führung gegen die Opposition, vor allem gegen die inhaftierte ehemalige Regierungschefin Julija Timoschenko, erfordere eine harte Haltung auch der polnischen Politiker. "Auch die polnische Regierung sollte mit dem Boykott des ukrainischen Teils der EM drohen", forderte Kaczynski.
Seine Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) begrüße die bisherigen Boykottforderungen westlicher Politiker. Allerdings kritisierte der Europaabgeordnete der PiS, Ryszard Czarnecki, diese Aufrufe, wie die Zeitung "Gazeta Wyborcza" berichtete.
Wenig später reagierte Polens Ministerpräsident Donald Tusk von der Bürgerplattform (PO) auf die Äußerungen Kazcynskis : Der Premier kritisierte die Boykottaufrufe, er werde diese nicht unterstützen. Er wolle nicht, dass viele Jahre der Vorbereitung auf dieses Großereignis ruiniert würden.
Gleichzeitig warnte Tusk die Kiewer Führung: Der Ruf der Ukraine werde "gewaltigen Schaden nehmen", sollte sich die Lage der inhaftierten und schwererkrankten Oppositionellen Julija Timoschenko nicht bessern. Warschau sei wegen der Behandlung Timoschenkos irritiert und fordere die Regierung in der Ukraine auf, die Menschenrechte zu achten.
Nach Angaben der Tochter Timoschenkos verschlechtert sich der Gesundheitszustand der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin von Tag zu Tag. "Sie wird weiter die Nahrungsaufnahme verweigern, obwohl sich ihr gesundheitlicher Zustand sehr verschlechtert hat. Sie ist schwach und sehr blass. Es tut mir weh, sie so zu sehen", sagte Jewgenija Timoschenko vor der Strafanstalt in Charkow zu Journalisten. Die Welt solle nicht aufhören, Druck auf die ukrainische Regierung auszuüben, habe ihre Mutter gesagt.
"Unangemessene Reaktion"
Bereits am Abend zuvor hatte der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski in einem Fernsehinterview einen EM-Boykott der Ukraine als "unangemessene Reaktion" bezeichnet. Er warnte davor, dass eine Isolation des Landes die Westintegration der Ukraine gefährde.
"Die EM ist nicht das Eigentum von diesem oder jenem Politiker", sagte Komorowski dem polnischen Fernsehsender TVP1. "Sie ist eine Chance für die Ukraine, sich selbst von ihrer besten Seite zu zeigen." In Polen verstehe man das sehr gut. "Wir fühlen, dass sich die Ukraine irgendwo zwischen der Wahl einer Integration in die westliche Welt oder der Chance zur Teilhabe an einer von Russland angebotenen Zollunion befindet."
EU erhöht Druck
Auch Außenminister Guido Westerwelle warnte Kiew am Donnerstag: "Mit unseren Partnern in der Europäischen Union sind wir uns einig, dass das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine nicht ratifiziert werden kann, solange sich die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine nicht in die richtige Richtung entwickelt."
Er sei in großer Sorge um die inhaftierte, erkrankte und in einen Hungerstreik getretene Ex-Regierungschefin. Sie brauche "unverzüglich angemessene medizinische Behandlung". Deshalb habe er gegenüber der Ukraine das Angebot erneuert, dass Timoschenko auch in Deutschland ärztliche Behandlung bekommen könne.
Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu sagte am Donnerstag seine Reise ins ukrainische Jalta am 11. und 12. Mai ab. Beim Treffen der mittel- und südosteuropäischen Staatschefs werde Rumänien nur von Diplomaten vertreten werden. Bundespräsident Joachim Gauck hatte seine Teilnahme bereits am 25. April zurückgezogen.
Einige deutsche Politiker wollen aus Protest gegen den Umgang mit Timoschenko auf Reisen zu EM-Spielen in der Ukraine verzichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel will erst kurz vor Turnierbeginn über ihre Teilnahme entscheiden.
heb/dpa/Reuters/AP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Ukraine | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH