Fall Trayvon Martin: Das Schweigen des Barack Obama

Von Urs Spindler, Washington

Obama: "Hätte ich einen Sohn, er würde aussehen wie Trayvon Martin" Zur Großansicht
AFP

Obama: "Hätte ich einen Sohn, er würde aussehen wie Trayvon Martin"

Fünf Tage sind nach dem umstrittenen Freispruch für den Weißen George Zimmerman vergangen, der den Schwarzen Trayvon Martin erschoss - und Barack Obama schweigt. Bürgerrechtler fordern vergeblich deutliche Worte vom ersten schwarzen US-Präsidenten. Dessen Schweigen hat Kalkül.

Alles, was Barack Obama bisher zum schwierigen Verhältnis von Schwarzen und Weißen in Amerika gesagt hat, hat er vor Beginn seiner Präsidentschaft gesagt. Zumindest das Entscheidende.

In seiner Autobiographie hat er den Kampf um die Identität als Schwarzer beschrieben. Auf dem Demokraten-Parteitag von 2004 rief er aus, es gebe kein schwarzes, kein weißes, kein hispanisches und kein asiatisches Amerika, "es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika". Und im Wahlkampf 2008 hielt er eine Grundsatzrede, die unter anderem die fortdauernde Diskriminierung der Schwarzen thematisierte.

Doch seit dem Einzug ins Weiße Haus herrscht bei dem Thema meist Funkstille.

Die Zurückhaltung des Präsidenten ist besonders jetzt auffällig: Am vergangenen Samstag ist der weiße Nachbarschaftswächter George Zimmerman von einer Jury in Florida für "nicht schuldig" befunden worden, obwohl er Trayvon Martin erschossen hatte, einen unbewaffneten 17-jährigen Schwarzen.

"Tragödie" - oder doch "racial profiling"?

Natürlich, da ist die Erklärung, die der Präsident am Sonntag verbreiten ließ: Dass der Tod Martins eine "Tragödie" sei für ganz Amerika; dass aber die USA ein Rechtsstaat seien und eine Jury geurteilt habe. Kein Wort zu Martins Hautfarbe findet sich in diesem Statement. Beim amerikanischen Tabu-Thema schweigt sogar der Präsident.

Fotostrecke

11  Bilder
Urteil im Fall Trayvon Martin: Bürgerrechtler verdammen Zimmerman-Freispruch
Zimmerman habe sich nur selbst verteidigt, das ist die Schlussfolgerung der Jury. Obwohl doch er es war, der Martin folgte. Welche Rolle spielte dabei Martins Hautfarbe? Die Richterin ließ die Frage nach dem "racial profiling" nicht zu.

Könnte Obama sie jetzt stellen? Doch der Präsident sagt nur: "Wir sollten uns alle fragen, ob wir genug gegen die Waffengewalt tun, die tagtäglich zu viele Opfer fordert in unserem Land." Vielen schwarzen Bürgerrechtlern reicht das nicht. Sie fordern eine neuerliche Anklage Zimmermans, diesmal nach Bundesrecht. Denn dort gibt es den Straftatbestand des Hassdelikts. Das Justizministerium prüft den Sachverhalt, allerdings sind die Chancen auf ein Gerichtsverfahren gering.

Die Aktivistin Janet Langhart Cohen fordert in einem Gastbeitrag für die "Washington Post" generell mehr Einsatz von Obama für die Rechte der Schwarzen: "Wir haben gewartet und gesehen, wie sich der Präsident wichtiger Belange von Frauen, Homosexuellen, Latinos angenommen hat." Nun erwarte man, dass sich Obama auch der Sache der Afroamerikaner annehme: "Die Schwarzen sollten nicht auf einen weißen Präsidenten warten müssen, bevor sie energisch von ihrer Regierung verlangen dürfen, die Missstände zu beseitigen." Schnellstmöglich müsse Obama jetzt "mutig über Rasse und Rassismus" reden.

Der Ärger ist verständlich, denn es ist ja nicht allein der Fall Zimmerman. Ende Juni etwa schliff der Oberste Gerichtshof mit dem "Voting Rights Act" von 1965 eine der größten Errungenschaften der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Warum also schweigt Obama?

Klar ist: Der Präsident will in der gegenwärtigen Situation die Stimmung nicht noch anheizen. Deshalb der Aufruf, das Zimmerman-Urteil zu respektieren. Es steckt aber mehr dahinter. Obama spricht zwar stets mit Hochachtung von der alten Generation der Bürgerrechtler, ist aber selbst nie im eigentlichen Sinne ein Vorkämpfer der Schwarzen gewesen. Bei Obama geht es ums Versöhnen, nicht ums Erkämpfen. Kritikern an seinem Kurs hat er stets entgegen gehalten, er sei nicht Präsident des schwarzen, sondern des ganzen Amerika.

Proteste gegen das Urteil:  Obama will die Stimmung nicht noch anheizen  Zur Großansicht
REUTERS

Proteste gegen das Urteil: Obama will die Stimmung nicht noch anheizen

Für Obama ist Gleichberechtigung vor allem auch eine ökonomische Kategorie: Integration der schwarzen Bevölkerung durch Bildung, durch wirtschaftliche Teilhabe. Kaum ein Anlass, an dem Obama nicht von der "Stärkung der Mittelklasse" zu sprechen wüsste. Er meint damit immer auch Aufstiegsmöglichkeiten für benachteiligte Schwarze, ohne dabei das Tabu Hautfarbe zu benennen. Seinen Niederschlag findet diese Stärkung etwa in der Gesundheitsreform, die Millionen Amerikanern erstmals Versicherungsschutz und damit wirtschaftliche Stabilität garantieren wird - darunter vielen Afroamerikanern.

Fraglich also, ob von Obama in nächster Zeit eine Grundsatzrede über Vorurteile zwischen Schwarz und Weiß zu erwarten ist. Eher wird man weiter zwischen den Zeilen lesen müssen. So sprach der Präsident nach dem Tod Martins im vergangenen Jahr zwar nicht von Hautfarbe - aber er stellte fest: "Hätte ich einen Sohn, er würde aussehen wie Trayvon Martin."

Allein Justizminister Eric Holder hat Obama derzeit offenbar mit den deutlichen Worten betraut: In einer Rede vor der Schwarzen-Organisation NAACP kritisierte Holder die Notwehrgesetze, die es unter anderem in Florida gibt. Nach der "Stand-your-ground"-Regelung müssen von einem Verbrechen bedrohte Bürger der Gefahr nicht aus dem Weg gehen, sondern dürfen den vermeintlichen Angreifer sogar töten. Damit werde das Konzept der Selbstverteidigung "sinnlos ausgeweitet", kritisierte Holder. Im Fall Zimmerman allerdings berief sich die Verteidigung letztlich nicht auf dieses spezielle Notwehrrecht.

Holder, der erste schwarze Generalstaatsanwalt Amerikas, zeigte seine Verärgerung über das Urteil in persönlichen Passagen. So berichtete er von einem Gespräch mit seinem 15-jährigen Sohn. Den bereitete er nach dem Tod Trayvon Martins auf Besonderheiten im Leben eines Afroamerikaners vor: So habe er ihn gemahnt, sich stets vorsichtig zu verhalten, wenn er in eine Polizeikontrolle gerate. Dies habe ihn auch schon sein eigener Vater gelehrt, so Holder.

Traurige Tradition in Amerika.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
Stewie.119 18.07.2013
Was soll er denn groß machen? Auch in den USA gibt es Gewaltenteilung. Wenn muss der Justizminister was machen. Es war nunmal das Urteil und es kann doch nicht durch den Präsidenten aufgehoben werden o.Ä.
2. Chef der Exekutive...
beschwingt 18.07.2013
Auch wenn sich die Staaten offenbar z.zt. keine besondere Mühe mehr geben wenigstens als ein Rechtsstaat zu erscheinen, wäre es dennoch schon ziemlich verwegen vom Chef der Exekutive in die Entscheidungen der Judikative einzugreifen. Das mit der Gewaltenteilung ist halt so ein Ding.....
3. Das war's mit dem zweiten schwarzen Präsidenten
kork22 18.07.2013
Der Erste hat es so dermaßen verbockt, dass es der nächste schwer haben wird, nochmal die Wähler zu aktivieren.
4.
CaptainSubtext 18.07.2013
Zitat von sysopFünf Tage sind nach dem umstrittenen Freispruch für den *Weißen *George Zimmermann vergangen,
Ich habe den Fall nicht sonderlich intensiv verfolgt, das ganze kommt mir aber doch stark wie eine Stellvertreterdebatte vor. Um festzustellen, dass Zimmermann, trotz seines deutschen Namens, *kein Weisser ist*, braucht es keinen DNA-Test. Manchmal scheint mir, dass man Zimmermann zum Weissen erklaert hat, weil man einen Latino einfacher verurteilen kann. Und das dann im Namen der Rassismusbekaempfung. An diesem Fall ist einiges nicht koscher.
5. Politik hat die Judikative nicht zu beeinflussen
synde 18.07.2013
Würde Obama jetzt seine Meinung dazu äußern, dann gelte das als Beeinflussung, eventuell gar als Bevormundung der Judikative. Das wäre voll schädlich für eventuelle weitere rechtliche Prüfung des Falles. Die Presse sollte statt stimmungsmachend Öl ins Feuer zu gießen, vielleicht auch mal aufklären über die demokratischen Strukturen der Gewaltenteilung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Barack Obama
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 115 Kommentare