Kämpfe im Irak Falludscha im Dreifronten-Krieg

In Falludscha liefern sich Qaida-Krieger und Stammesmilizen einen erbitterten Kampf, Einwohner ergreifen die Flucht. Nun hat die irakische Armee die Stadt umzingelt. Doch die Stammeskrieger wollen die Hilfe der Regierung gar nicht.

AP

Bagdad/Falludscha - Knapp eine Stunde nur dauerte die Fahrt von Bagdad, dann bezogen die gepanzerten Fahrzeuge der irakischen Armee Stellung rund um die Stadt Falludscha, die seit fast einer Woche zum Teil in der Gewalt der Qaida-Miliz "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) ist.

Hin und wieder nähern sich Busse und Autos vollbepackt mit Habseligkeiten der Armee-Absperrung - Familien, die vor der Gewalt in ihrer Heimatstadt fliehen.

Die irakischen Soldaten stehen bereit, die Stadt unter Beschuss zu nehmen, so wie es die Amerikaner 2004 getan haben. Es war eine der erbittertsten Schlachten, die US-Soldaten seit dem Vietnamkrieg ausgetragen hatten. Am Ende lagen viele Straßenzüge in Trümmern, und die Radikalislamisten waren besiegt, vorerst. Noch zögert Iraks Premierminister Nuri al-Maliki, den Befehl zum Angriff zu geben.

Maliki will nichts ohne die Unterstützung der örtlichen Stämme tun. Am Dienstag forderte er die Einwohner von Falludscha auf, die schwer bewaffneten Qaida-Kämpfer selbst zu vertreiben. "Wir wollen nicht, dass die Stadt leidet. Wir werden keine Gewalt anwenden, so lange die Stämme bereit sind, al-Qaida selbst zu vertreiben", wiederholte er in einer Fernsehansprache am Mittwoch.

Zugleich gab er sich siegessicher, Bagdad sei auf dem richtigen Weg und werde den Kampf gegen al-Qaida gewinnen. Die von seiner Armee belagerten Kämpfer in Falludscha forderte er auf, ihre Waffen niederzulegen, und versprach einen Neuanfang im Verhältnis zwischen Bagdad und Anbar.

Maliki hat Anbar längst verloren

Bagdads Sicherheitskräfte sind in Anbar nicht willkommen, das weiß Maliki. Die vernachlässigte Unruheprovinz im Westen des Iraks ist mehrheitlich sunnitisch, anders als die schiitisch dominierte Zentralregierung. Man fühlt sich von Bagdad gegängelt, von der irakischen Armee bedroht.

Maliki hat Anbar längst verloren. Seit 2012 toben Proteste, die zuletzt in einen regelrechten Aufstand mündeten. Die Stammesführer von Anbar erzwangen am 30. Dezember den Abzug der irakischen Sicherheitskräfte aus Ramadi und Falludscha. Das entstehende Machtvakuum haben die Qaida-Krieger genutzt, um am 1. Januar ihrerseits anzugreifen.

Drei Fronten haben sich in Anbar aufgetan:

Radikalislamisten: ISIS und andere Extremisten haben die Gunst der Stunde für einen Angriff auf Ramadi und Falludscha genutzt. Sie wollen in Syrien und im Irak einen radikalislamistischen Gottesstaat errichten. Nun stoßen sie in beiden Ländern auf Widerstand. Rebellen in Syrien haben zum Krieg gegen ISIS aufgerufen und bringen die Miliz dort in Bedrängnis.

Irakische Armee: Sie war aus den beiden Städten abgerückt. Nun ist sie vor Falludscha aufgezogen und wartet auf weitere Befehle Malikis. Ihre Offensive in Ramadi zur Unterstützung örtlicher Stammesmilizen läuft bereits. Bei Raketenangriffen am Rande Ramadis sollen nach Angaben der irakischen Regierung 25 Dschihadisten getötet worden sein. Die USA wollen der irakischen Regierung nun im Eiltempo neue Waffen schicken, unter anderem Überwachungsdrohnen und "Hellfire"-Raketen.

Stammesmilizen: Die irakische Regierung versucht mit Gewehren und Geld die Unterstützung der Stämme Anbars gegen die Radikalislamisten zu erkaufen. Manche kämpfen gemeinsam mit der irakischen Armee in Ramadi. Doch viele lehnen sowohl Bagdad als auch al-Qaida ab. Sie kämpfen gegen beide und wollen ihre Autonomie konsolidieren.

Für die Menschen in Ramadi und Falludscha ist die Situation verheerend. Seit einem Jahrzehnt erschüttern brutale, lang andauernde Kämpfe ihre Stadt. Schon wieder stehen viele vor einer schwierigen Entscheidung: Flüchten oder Bleiben, was ist gefährlicher?

Die humanitäre Lage in Falludscha verschlechtere sich, twitterte am Mittwoch die Uno-Mission im Irak. "Die Vorräte an Lebensmitteln, Wasser und lebensrettenden Medikamenten gehen langsam aus", hieß es. Über 5000 Familien aus der Unruheprovinz Anbar seien bereits nach Kerbala und Bagdad geflüchtet.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
PublicTender 08.01.2014
1.
Zitat von sysopAPIn Falludscha liefern sich Qaida-Krieger und Stammesmilizen einen erbitterten Kampf, Einwohner ergreifen die Flucht. Nun hat die irakische Armee die Stadt umzingelt. Doch die Stammeskrieger wollen die Hilfe der Regierung gar nicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/falludscha-in-anbar-im-irak-tobt-ein-dreifronten-krieg-a-942373.html
Was ich sehr befremdlich finde; seit wann ist al-Qaida eine kriegsführende Partei? Kann aus einer Terrorgruppe mal so eben in wenigen Jahren eine Armee werden? Ist es nicht eher so dass heutzutage alle bewaffneten Islamisten unter al-Qaida einsortiert werden?
peterdom8 08.01.2014
2. Na Bitte !
Dann hat doch der Angriffskrieg der USA gegen den Irak doch noch zu etwas geführt - außer der zerstörung des Landes + der >Sicherung der irkaischen Ölquellen für die USA - herzlichen Glücckwunsch !
Beat Adler 08.01.2014
3. Zerstoerung des Landes?
Zitat von peterdom8Dann hat doch der Angriffskrieg der USA gegen den Irak doch noch zu etwas geführt - außer der zerstörung des Landes + der >Sicherung der irkaischen Ölquellen für die USA - herzlichen Glücckwunsch !
Zerstoerung des Landes? An was machen Sie eine solche Zerstoerung fest? Wer verdient am irakischen Erdoel? Die neue Regierung hat 500 Millionen Dollar in die Verschoenerung Bagdadhs investiert. Das laesst sich sehen. Ausserdem war der sunnitisch-shiitische Konflikt schon im Jahre 1776 virulent. mfG Beat
lebenslang 08.01.2014
4. fakten
Zitat von peterdom8Dann hat doch der Angriffskrieg der USA gegen den Irak doch noch zu etwas geführt - außer der zerstörung des Landes + der >Sicherung der irkaischen Ölquellen für die USA - herzlichen Glücckwunsch !
gut, ich habe ein gewisses verständnis dafür, dass man einmal müheselig erarbeitete positionen so schnell nicht wieder aufgeben will, aber ein dauerndes routieren im eigenen anti-amerikanischen sud kann auch zu einer vernachläßgung von realitäten führen und den foristen als ahnungslosen schwätzer outen. bezüglich der öl-konzessionen : der artikel ist schon von 2009, solange sollte interessierten die fakten bereits bekannt sein. http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Irak/china.html
fritzyoski 08.01.2014
5. Exportschlager Demokratie
Und wie schaut es jetzt mit der Demokratie in Aegypten, Lybien oder Irak aus? Tja, dumm gelaufen.
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