Protokoll eines Farc-Guerilleros Mein Leben im Untergrund

Im Dschungel Kolumbiens verstecken sich noch immer Tausende Kämpfer der Farc. Bald sollen die Friedensverhandlungen abgeschlossen sein. Was heißt das für die Guerilleros? Ein Ex-Kompaniechef Lopez berichtet.

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In vier Wochen soll der älteste und blutigste Guerillakrieg Lateinamerikas zu Ende gehen. Seit drei Jahren verhandeln Kolumbiens Regierung und die Anführer der marxistischen Guerilla Farc auf Kuba über ein Friedensabkommen, bis zum 23. März sollen die Gespräche abgeschlossen sein. Dann werden voraussichtlich rund 12.000 Kämpfer aus den Wäldern und Bergen des Landes zu mehreren zentralen Sammelstellen strömen und ihre Waffen niederlegen.

Was für ein Leben lassen sie zurück? Wie sieht der Alltag eines Guerilleros aus? Und wie stellen sie sich die Zukunft vor?

Deheger López, 36, war mehr als zehn Jahre bei der Farc. In seiner "Frente", der Truppenabteilung zu der er abkommandiert wurde, stieg er bis an die dritte Stelle der Befehlshierarchie auf, zeitweise kommandierte er eine Gruppe von 51 Guerilleros. Im Jahr 2008 setzte er sich ab, heute arbeitet er zusammen mit anderen Ex-Guerilleros und ehemaligen Paramilitärs auf einer Ananasfarm im Osten Kolumbiens. Seine Lebensgeschichte ist typisch für viele Kämpfer der größten aktiven Rebellentruppe Lateinamerikas.

Ehemaliger Farc-Kompaniechef López: Früher trug er Waffen, heute baut er Ananas an
Juan Arredondo/ DER SPIEGEL

Ehemaliger Farc-Kompaniechef López: Früher trug er Waffen, heute baut er Ananas an

"Ich war 20, als ich zur Farc in den Untergrund gegangen bin. Meine Eltern sind Bauern, sie hatten ein paar Kühe und pflanzten Maniok und Bohnen an. Wir haben in Casanare gelebt, einer Provinz im Osten Kolumbiens, die von der Farc kontrolliert wurde. Ich bin freiwillig zur Guerilla gegangen, ich wollte als Revolutionär etwas für mein Land tun. Der Besitz in Kolumbien ist sehr ungerecht verteilt. Die Farc behauptete, dass die Bedingungen für eine Revolution gegeben seien, doch das stimmte nicht.

Ich wurde zur Frente 27 in Meta abkommandiert, einer Provinz im Südosten. Dort habe ich an einigen Kämpfen teilgenommen; aber ich habe Glück gehabt, ich wurde nur einmal am Bein verwundet. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich getötet habe, man schießt einfach, wir saßen auf einem Hügel, der Feind auf einem anderen. Wir haben meistens gegen die Armee gekämpft, gelegentlich auch gegen die Paramilitärs. Die haben viele Bauern ermordet, glücklicherweise haben sie meine Familie verschont.

Der Unterschied zwischen Paramilitärs und Guerilleros ist, dass die Paras bezahlt werden, die Rebellen dagegen erhalten keinen Sold. Den Kommandeuren der Farc wird vom Generalsekretariat ein Etat zugeteilt, für den sie verantwortlich sind, von diesem Geld werden Verpflegung, Ausrüstung und Unterkunft bezahlt.

Ich wurde im ganzen Land herumgeschickt, das ist üblich bei der Guerilla. Das Hauptquartier lag in den Ebenen nahe der Grenze zu Venezuela, dort bin ich eineinhalb Jahre geblieben, ich wurde zum Artillerie-Experten ausgebildet. Anschließend habe ich einen Spezialkurs für Führungskräfte absolviert, mein oberster Chef war Mono Jojoy, einer der Farc-Comandantes. Er starb vor sechs Jahren, als das Militär sein Lager bombardierte. Als ich zur Farc ging, dachte ich auch, dass ich im Kampf sterben würde.

Es ist nicht alles schlecht bei der Guerilla, ich habe viel gelernt. Das Leben in der Farc ist hart, wir haben oft bis zur Erschöpfung gearbeitet. Die Kommandeure sehen zu, dass ihre Truppe immer beschäftigt ist, sonst kommt sie auf dumme Gedanken.

Juliana und ihr Freund Alexis kämpfen gemeinsam in der "Frente", der Truppenabteilung 36 der Farc. "Zwischen uns ist nur Liebe", sagt Alexis. Da die Farc alle Kosten von Zigaretten bis Medizin trage, erwarte seine Freundin nicht, dass er sie aushalte, wie das in anderen lateinamerikanischen Ländern üblich sei. "Es gibt keine Abhängigkeit."

Yira Castro gehört zur Führungsmannschaft dieser Farc-Einheit. Nach rund 30 Jahren im Dschungel steht sie noch immer loyal zu der marxistischen Guerilla. Wenn das Friedensabkommen tatsächlich kommt, will sie als erstes mit ihrem Lebensgefährten eine Reise unternehmen. Nur zu zweit.

Guerillero Harrison schleppt ein Wildschwein zur Feuerstelle, um die Borsten abzusengen. Das Fleisch des Tieres wird die 26 Mitglieder der Gruppe viele Tage ernähren.

Das Schwein wird zerlegt, dafür sind viele Helfer nötig.

Das Frühstück bei den Farc-Kämpfern sieht so aus: Reis, Eier, Würstchen, Bohnen

Oscar flickt seine Hose, seine Gefährtin Gisell ruht derweil in einer Hängematte.

Yira Castro bei der Schönheitspflege. Sie übernimmt eine Art Mutterrolle für andere weibliche Kämpferinnen.

Guerillero Alexis verpasst seinem Kumpan Juan Pablo einen neuen Schopf.

Die Guerilleros haben ihre Maschinengewehre stets dabei. Wenn nun tatsächlich ein Friedensabkommen vereinbart wird, werden sie ihre Waffen ablegen, aber nicht abgeben, sagt Juan Pablo.

Gemeinschaftliches duschen gehört zum Alltag. Viele der Männer und Frauen leben als Paare zusammen und teilen sich auch ihre Schlafstätten.

Das ist der Pool der Frente 36, Kämpferin Marcela will ihn nutzen.

Juliana, 20, ist seit vier Jahren bei der Farc. Mit 16 floh sie aus ihrem Elternhaus, nachdem ihr Stiefvater sie missbraucht hatte.

Die Kämpfer ziehen weiter - früher lebten sie in größeren Camps, heute bewegen sich die Einheiten in kleinen Gruppen. Die Frente 36 besteht aus 22 Kämpfern, vier Kommandeuren und zwei Hunden.

Juan Pablo, (M.), ist einer der Kommandanten der Frente 36, eine der aktivsten Kampfeinheiten Kolumbiens. Der 41-Jährige kann Fidel Castros Reden rezitieren. Er hat noch nie ein Kino besucht, ein Auto gefahren oder ein Restaurant besucht.

Im feuchtwarmen Klima des Dschungels hat Cindy ihre Waffe gereinigt. Sie ist Ärztin und seit ihrem 18. Lebensjahr bei der Farc.

Was mich am meisten gestört hat, ist die Korruption. Ich hatte viele Illusionen; ich dachte, die Guerilla würde mit der Korruption aufräumen. Aber dann habe ich gesehen, wie es mit dem Geld läuft: Die Farc hat sich an die Drogenhändler verkauft. Außerdem hat sie reiche Farmer und Geschäftsleute entführt und Lösegelder erpresst.

Ich war immer gegen Entführungen und wurde auch nicht verpflichtet, an Kidnappings teilzunehmen, ich war mehr mit militärischen Aktionen beschäftigt. Aber ich musste auskundschaften, wer die reichsten Farmer in der Region waren, die wurden dann oft entführt.

Dass ich die Farc verlassen habe, war eine spontane Entscheidung. Ich konnte mich frei bewegen, weil ich eine Befehlsstellung innehatte, meine Chefs haben mich nicht kontrolliert. Wir waren in der Nähe eines Dorfes stationiert. Ich ging auf Patrouille, meinen Leuten erzählte ich, dass ich auf ein paar Nachzügler warten würde, so ließen sie mich allein. Ich habe dann mein Gewehr im Wald versteckt und bin ins Dorf gegangen, dort habe ich mich dem Militär gestellt. Die Guerilla hat später meine Waffe gefunden. Wenn sie Deserteure erwischt, werden die oft umgebracht, aber mir haben sie nicht nachgestellt. Ich hatte ihnen wohlweislich nie verraten, wo meine Familie lebt.

Ich habe mich über zwei Jahre in Bogotá und Cali als Hilfselektriker durchgeschlagen. Geschlafen habe ich in einer Herberge für Ex-Guerilleros, die von der Regierung finanziert wird, dort habe ich auch etwas Geld für den Übergang bekommen. Später habe ich dann einen Kurs in Logistik gemacht. Erst vor vier Jahren bin ich zu meiner Familie in Casanare zurückgekehrt, heute bin ich verheiratet und habe einen Sohn. Mit der Farc habe ich nie wieder Kontakt gehabt.

Heute arbeite ich mit ehemaligen Paramilitärs zusammen, die waren früher unsere Todfeinde. Nach Feierabend erzählen wir uns oft unsere Geschichten, sie ähneln sich. Die Paras haben einfach nur auf der anderen Seite gekämpft; sie wurden aufgestellt, um die Guerilla zu bekämpfen.

Wenn man 50 Jahre im Kriegszustand gelebt hat, macht alles Neue Angst. Als ehemalige Kämpfer sind wir in der Gesellschaft nicht gut angesehen, das ist eines der Probleme bei diesem Friedensprozess. Wir dürfen den Frieden nicht allein der Regierung überlassen, er muss eine Politik des gesamten Staates sein. Die Gesellschaft muss in die Pflicht genommen werden, sie muss vor allem den Jungen eine echte Chance geben. Sie dürfen nicht betrogen werden, sonst schaffen wir noch größere Probleme. Viele Ex-Kämpfer schließen sich kriminellen Banden an, weil sie keine Alternative haben. Sie erwarten keine Geschenke, man muss ihnen nur die Werkzeuge geben, damit sie aus ihrem Leben etwas machen können.

Ich bin gegen eine generelle Amnestie für Kriegsverbrechen, damit würde die Barbarei belohnt. Die einfachen Kämpfer sollen spüren, dass ihre Chefs für Verbrechen bezahlen müssen. Unter den ehemaligen Paramilitärs sind Kommandeure, die Massenmorde begangen haben, aber nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Sie sollen ihre Schuld begleichen. Dann können sie die Gesellschaft auch um Vergebung bitten."

Im Video: Wie der Koka-Anbau die Friedensverhandlungen behindert

DER SPIEGEL

Jens Glüsing, Jahrgang 1960, Geburtsort Hamburg, Studium der Politikwissenschaft und Spanisch an der Universität Hamburg, Absolvent der Henri-Nannen-Schule/Hamburger Journalistenschule Gruner + Jahr/DIE ZEIT GmbH 1988-1989 (10. Lehrgang), 1990 bis 1991 Redakteur im Auslandsressort des SPIEGEL, seit 1991 Korrespondent des SPIEGEL für Lateinamerika mit Sitz in Rio de Janeiro.

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