Farc Kolumbien meldet Tod von legendärem Rebellenführer

In Kolumbien deutet sich eine Zeitenwende an: Der legendäre Führer der Farc, Manuel Marulanda, ist der Regierung zufolge gestorben - nach 50 Jahren an der Spitze der Rebellen. Seine Nachfolger sind offenbar bereit, Geiseln freizulassen. Auch Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt.


Bogotá - In den kolumbianischen Zeitungen kursierten bereits Gerüchte über den Tod Manuel Marulandas. Jetzt hat die Regierung die Meldungen bestätigt. Verteidigungsminister Juan Manuel Santos erklärte, der legendäre Chef der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), sei bereits vor zwei Monaten gestorben. Eine Todesursache nannte er nicht. Aus dem kolumbianischen Generalstab verlautetet jedoch, er sei einem Herzinfarkt erlegen.

Schon 17-mal für tot erklärt: Manuel Marulanda
REUTERS

Schon 17-mal für tot erklärt: Manuel Marulanda

Marulanda sei bereits am 26. März um 18.30 Uhr gestorben, erklärte der Verteidigungsminister in Bogotá. Dies sei der Regierung von einer Quelle mitgeteilt worden, die "noch nie geirrt hat". Seine Nachfolge an der Spitze der Farc übernehme der bisherige ideologische Anführer der Rebellenorganisation, Alfonso Cano. "Marulanda dürfte sich in der Hölle aufhalten", fügte Santos hinzu.

Präsident Alvaro Uribe, der zu diesem Zeitpunkt auf einer öffentlichen Veranstaltung in Florida im Südwesten Kolumbiens sprach, war deutlich verärgert über das Vorpreschen seines Verteidigungsministers, gab dann aber bekannt, mehrere Chefs der Farc-Guerilla hätten sich zur Freilassung der vor sechs Jahren entführten Politikerin Ingrid Betancourt und anderer Geiseln bereiterklärt.

Rebellenchef Marulanda war unter dem Kampfnamen "Tirofijo" (Sicherer Schuss) bekannt und trat so gut wie nie in der Öffentlichkeit auf. Er hatte die Farc in den fünfziger Jahren gegründet - und wurde seitdem bereits 17-mal für tot erklärt. 1960 wurde sein Schwager und Mitstreiter Pedro Ardila von Einheiten der Regierung getötet. Marulanda sagte damals daraufhin: "Sie haben das Lamm getötet, nicht jedoch den Tiger".

Der bürgerliche Name des nach Angaben seines Vaters am 12. Mai 1928 geborenen Guerilla-Chefs lautete Pedro Antonio Marín. Er selbst sagte in Interviews, dass er vermutlich im Jahr 1930 geboren wurde. Zuletzt hatte sich "Tirofijo" 1982 in der Öffentlichkeit gezeigt.

Die Farc hält in Kolumbien zwischen 700 und 1000 Geiseln fest. Auf Vermittlung des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez ließ sie Mitte Januar die zusammen mit Betancourt verschleppten Geiseln Clara Rojas und Consuelo González frei. In Kolumbien, den USA und der EU steht die Farc auf der Liste der Terrororganisationen.

"Die Regierung hat von der Farc Anrufe erhalten, in denen bestimmte Chefs ihre Entscheidung mitteilten, sie wollten aufgeben und Ingrid Betancourt freilassen, wenn die Regierung ihnen Freiheit garantiert", sagte Uribe in Florida. Die Farc-Chefs sollten dann Frankreich übergeben werden. Dort könnten sie "von ihrer Freiheit Gebrauch machen". Die französisch-kolumbianische Politikerin Betancourt war im Februar 2002 von Farc-Rebellen entführt worden. Uribe bekräftigte sein Angebot, an Guerilla-Kämpfer, die mit den Geiseln desertierten, bis zu hundert Millionen Dollar Prämien auszuzahlen.

Farc-Kontakte zur Linken

Nach-Informationen des SPIEGEL verfügt die Farc auch über beste Kontakte zur linken Szene in Deutschland. Das belegen E-Mails auf den Laptops des vor einigen Wochen getöteten Farc-Kommandeurs Raúl Reyes, die von der kolumbianischen Staatsanwaltschaft sichergestellt wurden – Reyes kam im März bei einem Luftangriff auf sein Lager in Ecuador um. Im Januar 2005 hatte der Chef-Guerillero demnach seinen Sohn Ariel Robespierre Devia (Deckname "Roberto") in geheimer Mission nach Berlin geschickt. Er sollte die Propagandaarbeit der Farc in Deutschland ankurbeln und die Beziehungen zu den Linken wiederbeleben, die weitgehend ruhten – vor allem wegen "der neuen Anti-Terror-Gesetze", wie "Roberto" in seinem Reisebericht an Reyes schrieb. Er traf sich mit PDS-Politiker Wolfgang Gehrcke und Vertretern der DKP. Gehrcke habe ihm vorgeschlagen, dass die PDS sich im Europaparlament dafür einsetzen könnte, die Farc von der Liste der terroristischen Organisationen zu streichen.

Die Farc ist mit zeitweise rund 17.000 Mitgliedern die größte kolumbianische Rebellenorganisation. Besonders stark ist sie in den Dschungelgebieten im Südwesten des südamerikanischen Landes vertreten. Die dortigen Koka-Plantagen sind die Hauptfinanzquellen der Guerilla, die ihren Kampf unter anderem mit Einkünften aus dem Drogenhandel finanziert.

ler/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.