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Fatah-Hamas-Doppelleben: Abu Khaled - am Feierabend in den Heiligen Krieg

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz

Er ist 23, studiert, arbeitet tagsüber für die palästinensischen Sicherheitskräfte der Fatah – und wird nachts zum Heiligen Krieger der Hamas. Ein Treffen mit Abu Khaled, der ein Doppelleben zwischen allen Fronten führt und notfalls sogar seine Freunde töten würde.

Gaza-Stadt - Es ist beschwerlich, Abu Khaled zu treffen. Zuerst geht es in einem Privatwagen von Gaza-Stadt aus nach Norden. Aus den Seitenstraßen ist das Tak-tak-tak von Maschinengewehren zu hören. Der Waffenstillstand der beiden verfeindeten Palästinensermilizen ist äußerst brüchig.

Abu Khaled, 23: Tagsüber bei den Fatah-Truppen – nachts bei den Hamas-Milizen
Ulrike Putz

Abu Khaled, 23: Tagsüber bei den Fatah-Truppen – nachts bei den Hamas-Milizen

Fahrer und Führer sind hochnervös am Telefon, werden umgeleitet, bekommen Anweisungen, bis der Wagen in einer menschenleeren Straße neben einer der Gaza-typischen gelben Taxi-Limousinen mit zwei Rückbänken hält. Bei laufenden Motoren werden hastig die schusssicheren Westen umgeladen. In der Mercedes-Limousine geht es weiter, bis am Ende der Asphaltpiste die Mauer zu sehen ist, die den Gazastreifen von Israel trennt.

Die Sonne verschwindet schon fast im Mittelmeer, es ist kalt. Trotzdem rinnt Abu Khaled der Schweiß durch den Vollbart, als er ins Taxi springt. Vermutlich vor Angst: Wüssten die anderen Soldaten, die mit ihm am Tor der verlassenen Militärbasis Wache schieben, was er zu erzählen hat - das Leben aller Taxi-Insassen wäre in Gefahr.

Denn der 23-Jährige dient nur tagsüber bei den palästinensischen Sicherheitskräften, die von der Fatah kontrolliert werden. Nach Dienstschluss geht er nach Hause, wechselt die Uniform, holt seine eigene Waffe hervor und verwandelt sich in einen Kämpfer der Qasam-Brigaden - des militanten Arms der Hamas. Wenn seine Kollegen, die misstrauisch herüberäugen, das wüssten, "würden sie in diesem Moment das Feuer auf uns eröffnen", sagt er.

Kein Wunder, dass die Lage in Gaza so unübersichtlich ist

"Wir sind nicht wenige", sagt der Kämpfer, der sich Abu Khaled nennt. Etwa 30 Prozent der Männer, die offiziell im Dienst der Palästinensischen Sicherheitskräfte stünden, seien insgeheim bei Hamas-nahen Milizen aktiv, schätzt er. Bewaffnete, die je nach Tageszeit die Seiten wechseln: Es ist kein Wunder, dass die Lage in Gaza so unübersichtlich ist. Wer wann warum auf wen geschossen hat, war bei den meisten Feuergefechten der vergangenen Tage kaum nachvollziehbar. Die rituellen gegenseitigen Beschuldigungen nach jedem Scharmützel gaben jeweils Anlass zur nächsten Schießerei. Eine Spirale der Gewalt, die schwer zu stoppen sein wird.

Seine Geschichte, die Abu Khaled erzählt, während das Taxi im Schrittempo durch verlassene Straßen schleicht, ist die eines jungen Mannes, der keine andere Wahl sieht, als den Feind mit allen Mitteln zu bekämpfen. "Die offiziellen Kräfte sind schlecht ausgebildet und bewaffnet, die konnten den Israelis nie etwas anhaben." Tatsächlich hatte ein Besuch bei einem Ausbildungszentrum der Fatah am Vormittag ein nicht sonderlich professionelles Bild des Sicherheitsapparats gezeichnet: Nach drei Monaten Training intonierten die 50 Rekruten zwar die diversen Slogans der Fatah fehlerfrei, landeten aber beim Hechtsprung vorwärts meist unsanft auf dem Hintern.

Schon als Teenager habe er begriffen, dass die Fatah-nahen Organisationen "viel zu weich sind", um gegen die Israelis zu bestehen, sagt Abu Khaled. Die Palästineser seien Gefangene in ihrem eigenen Land. "Die israelischen Verbrechen haben meine Gefühle und meine Leidenschaft entfacht." Mit 15 habe er sich deshalb den Qasam-Brigaden angeschlossen. Früh, so wie viele der "Konvertiten", wie er sie nennt. "Die islamische Ideologie ist meinem Herzen und meinem Verstand nahe."

"Panzer angriffen, Raketen abgeschossen, Minen gelegt"

Er gibt dem Fahrer Anweisungen, ein paar Straßen weiter auf und nieder zu fahren. Die Kameras an weißen Fesselballons, mit denen die Isralies die Grenze zu Gaza überwachen, könnten das Taxi für einen Raketenwerfer halten. "Wir rechnen jederzeit mit einem Angriff von den Israelis, sie haben schon oft einen Waffenstillstand gebrochen."

Fünf Nächte die Woche ist Abu Khaled normalerweise für die Qasam-Brigaden an der Grenze mit Israel postiert. "In den vergangenen Jahren habe ich israelische Panzer angriffen, Raketen und Granaten abgeschossen, Minen gelegt", zählt er auf. Die Waffen seien hausgemacht, Landminen, Granatwerfer, sogar Kalaschnikows nebst Munition würden inzwischen in den geheimen Qasam-Werkstätten im Gazastreifen hergestellt. Das Material komme durch Tunnel aus Ägypten "oder von der israelischen Mafia".

Viermal sei er den Raketenangriffen israelischer Drohnen nur knapp entkommen, einmal sei er dabei am Kopf, einmal am Bein verletzt worden, erzählt Abu Khaled. Seit der Waffenstillstand mit Israel in Kraft ist, ist sein Einsatz auf zwei Nächte die Woche reduziert worden: Endlich Zeit, um seine Hausaufgaben für die Uni zu machen. Zu Beginn des Jahres hat sich Abu Khaled an der Islamischen Universität zum Studium eingeschrieben, er will Journalist werden. "Am liebsten würde ich in der Pressestelle der Hamas arbeiten."

Wegen der Mutter hat er nachts immer ein Handy dabei

Obwohl er schon 23 ist, hat Abu Khaled keine eigene Familie. "Ich habe den bewaffneten Weg gewählt, ich kann jeden Tag getötet werden. Es reicht, wenn dann meine Eltern und meine Geschwister leiden." Seine Mutter sei jetzt schon außer sich aus Angst um ihn. Sein zweites Handy, ein Nokia-Design-Modell, hat er nur ihretwegen. "Damit sich mich nachts, wenn ich in Dschihad, in den Heiligen Krieg ziehe, anrufen kann."

Die sieben Geschwister sind stolz auf den Ältesten, der eine Kampfgruppe von sechs Mann anführt: "Die Kleinen wollen auch endlich Qasam-Kämpfer werden, ich bin der Star in der Familie", sagt Abu Khaled und grinst. Dass er nicht heiratet, hat auch finanzielle Gründe: Vor neun Monaten hat er den letzten Sold bekommen. Seitdem gab es ab und an eine Abschlagzahlung, von der er auch die Mitgliedschaft in den Qasam-Brigaden bestreiten muss. "Es ist eine Ehre für uns, für die Hamas kämpfen dürfen. Wir geben einen Teil unseres Geldes, damit der Kampf weitergeht. "

Früher war der Feind Israel allein. Die Gefechte zwischen Palästinensern, die man in der Ferne hört, stellen Abu Khaled vor neue Probleme. Mit seinen 15 Fatah-Kollegen sitzt er tagsüber im Niemandsland zwischen der israelischen Grenze und den letzten Häusern von Beit Hanoun auf dem Präsentierteller. Die kleine Einheit ist ein ideales Ziel, sollten feindliche Milizen auf die Jagd nach Fatah-Anhängern gehen.

"Es würde mir schwer fallen, auf sie zu schießen"

Zwar verneint Abu Khaled vehement, dass seine Einheit von den Qasam-Brigaden angegriffen werden könnte: "Die Qasam-Brigaden greifen ihre Brüder nie an, wir verteidigen uns nur." Aber nachgedacht hat er darüber doch. "Wenn wir von den Qasam-Brigaden angegriffen werden, werde ich mich zu erkennen geben und auf ihre Seite wechseln."

Ein moralisches Dilemma, immerhin fühlt er sich seinen Fatah-Kollegen verbunden, "als wären sie meine Familie". "Wir kochen zusammen und reden den ganzen Tag. Es würde mir schwer fallen, auf sie zu schießen."

Und was würde er machen, sollten seine Kollegen heute, nach seinem seltsamen Ausflug mit den Journalisten, herausfinden, dass er ein doppeltes Spiel treibt? "Ich würde versuchen zu entkommen."

Sollte das nicht klappen, würde er seine Freunde notfalls auch töten. "So weit sind wir schon gekommen in Palästina."

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