Fatah-Spitze auf der Flucht Gazas Most Wanted

Ein Luxushotel in Ramallah ist zur skurillen Flüchtlingsherberge für Gazas Fatah-Elite geworden. Ihren Reichtum, der sie bei der Hamas so verhasst gemacht hat, trägt sie noch immer demonstrativ: D&G-Handtaschen, Rolex-Uhren, schweren Goldschmuck.

Von Ulrike Putz, Ramallah


Ramallah - Sie kann nicht still sitzen, aber stehen kann sie auch nicht mehr: Die Erlebnisse der vergangenen Tage haben Samira al-Tajih die letzte Kraft gekostet. Ihr Rücken schmerzt. Es war Freitag früh um halb vier, als die Männer die Tür ihres Edelapartments in Gazas bester Wohnlage aufbrachen. Sieben Vermummte, vermutlich Hamas-Anhänger, stürmten die Wohnung der 40-Jährigen. Mit Maschinenpistolen feuerten sie auf die Fotos ihres verstorbenen Mannes, verlangten die Schlüssel zu ihrem Auto. Bevor sie gingen, sackten sie ein paar Wertsachen ein und versprachen: "Wir kommen wieder."

Wenige Stunden später stand Samira am einzigen Grenzübergang zwischen Gaza und Israel und wartete Stunden, bis sie schließlich aus dem Gaza-Streifen fliehen durfte.

Samira al-Tajih: "Ich habe eh nichts zu verlieren"
Ulrike Putz

Samira al-Tajih: "Ich habe eh nichts zu verlieren"

Seit zwei Tagen lebt Samira al-Tajih im Grand Park Hotel in Ramallah, dem besten Haus am Platz. Die Rechnung geht direkt an den Präsidentenpalast Mahmud Abbas: Samira gehört zum alten Adel von Abbas Fatah. Als Tochter eines PLO-Helden, der im Kampf gegen Israel starb, in die Fatah-Elite hineingeboren, heiratete sie mit Jad al-Tajih einen der aufgehenden Sterne am Fatah-Himmel. Tajih wurde zu einem der einflussreichsten Offiziere im Zentral-Geheimdienst der Palästinensischen Autonomiebehörde in Gaza und koordinierte deren internationale Beziehungen. Am 15. September vergangenen Jahres starben er und vier Begleiter, als ihr Fahrzeug im Gaza-Streifen von Vermummten unter Feuer genommen wurde. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas machte die Hamas für die Morde verantwortlich.

"Ich kann noch gar nicht begreifen, was in Gaza passiert ist", sagt Samira al-Tajih. Sie ist nervös, muss ihre Erzählung in der Lobby des Vier-Sterne-Hotels häufig unterbrechen: Immer neue Ankömmlinge aus Gaza begrüßen die Witwe voller Respekt, setzen sich dazu, mischen sich ein. Auf den Sofagruppen versammelt sich nach und nach, was man die Hautevolee der Fatah Gazas nennen könnte. Moaz Abu Amra, Chef der militanten Al-Aksa-Brigaden trinkt einen Kaffee, nebenan sitzt Baha Baluscha, seit Jahren Kopf des Geheimdienstes der von der Fatah kontrollierten Palästinensischen Autonomiebehörde in Gaza. "Gazas Most Wanted", sagt Samira sarkastisch. Seit die islamistische Hamas die Macht im Gaza-Streifen übernommen hat, ist kein Platz mehr für den alten Kader. Dass seine Mitglieder fliehen konnten, verdanken sie nur ihrer einflussreichen Stellung: Nur wenige hochgestellte Mitglieder der Fatah-Partei haben die begehrten Passierscheine, die zum Grenzübertritt berechtigen. Das Fußvolk ist zurückgeblieben, sich selbst überlassen. "Die zahlen jetzt den Preis", sagt Samira.

Die Witwe lebt in einem Luxushotel

Wofür die einfachen Fatah-Anhänger nun womöglich büßen müssen, ist auch der extravagante Lebensstil der geflohenen Führungsriege. "Ich habe nichts retten können außer meiner Handtasche", sagt Samira. Neben ihr auf dem Sofa liegt eins der neuesten Dolce-&-Gabbana-Modelle. Das Handgelenk der Witwe wird von einer mit Brillanten besetzen Rolex umschlossen, an den Fingern blitzen Bulgari-Ringe. Das Bild ihres Mannes, das sie an einer Kette trägt, ist in eine schwere Goldmünze graviert. Es ist auch diese Zurschaustellung von persönlichem Reichtum von Fatah-Angehörigen, der dazu geführt hat, dass die Hamas vor über eineinhalb Jahren einen erdrutschartigen Wahlsieg in Gaza einheimsen konnte.

Es war der zum überwältigenden Großteil bitter armen Bevölkerung Gazas nicht zu vermitteln, warum die Ehefrauen hoher Beamter mehrere Jahreseinkommen am Körper tragen. Eine große Mehrheit der Hamas-Wähler gab an, die Fatah sei im Laufe der Jahre in einem Sumpf der Korruption versackt. Die islamistische Hamas mit ihren demonstrativ bescheiden lebenden Führern war für sie eine glaubwürdige Alternative. Ismail Hanija blieb auch nach seiner Wahl zum Premierminister 2006 in seiner engen Wohnung in einem Flüchtlingslager. Samira lebte bis vor kurzem in einem Apartmentblock der Luxusklasse.

Sie kann sich nicht erklären, warum ihre Landsleute das Chaos der vergangenen Tage nutzen, um Supermärkte und Büros zu plündern. "Das hat die Hamas angezettelt", sagt sie. Dass in Gaza die Lebensmittel knapp werden und die Uno zwischenzeitlich ihre Hilfe, von der ein Großteil der Menschen lebt, auf Grund der Kämpfe einstellen musste, ist für sie kein Argument für die Selbstbedienungsmentalität. "Hanija hat dazu aufgerufen, nicht zu plündern, das war doch verlogen." Für ähnlich doppelzüngig hält sie den Umgang Israels mit der Hamas. Wieso haben sie deren Anführer nicht einfach umgebracht, wieso haben sie die Tötungen auf die Leute aus der zweiten und dritten Reihe beschränkt, fragt sie. Israel habe die Machtübernahme in Gaza herbeigeführt, um die Palästinenser zu spalten, sagt sie.

Die Hamas-Anhänger seien Marsmenschen, schlimmer als die Israelis, sagt Samira. Und wenn man sie, von den versammelten Männern unwidersprochen, reden hört, wird eines klar: Eine Versöhnung zwischen den beiden großen Palästinenser-Parteien ist in weite Ferne gerückt. Zu tief sitzt der Hass, zu groß sind die gegenseitigen Vorwürfe. Dabei sind es nicht nur die Toten, die beide Seiten zu beklagen hatten, die Gespräche vorerst unmöglich machen.

Der Riss, der schon vorher durch die palästinensische Gesellschaft ging, ist in diesen Tagen ein tiefer Graben geworden. Das sieht auch Samira so. "Die Teilung ist Realität." Trotzdem will sie zurück nach Gaza, sobald es irgend geht. "Ich habe keine Angst vor der Hamas", sagt sie. "Sie haben meinen Mann umgebracht, ich habe eh nichts mehr zu verlieren."



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