Präsidentschaftskandidatin Kufi: Diese Frau will Afghanistan retten

Von , Kabul

Weil sie ein Mädchen war, sollte Fausia Kufi als Säugling sterben. Später überlebte sie mehrere Anschläge der Taliban. Unbeirrt verfolgte sie ihren Traum, dass eine Frau es weit bringen kann in Afghanistan. Jetzt greift die 37-Jährige nach der Macht: Sie will Präsidentin werden.

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Hasnain Kazim

Präsidentschaftskandidatin Kufi: "Eine Frau mit breiten Schultern kann das packen"

Sie sieht sich auf einer Mission. "Was ich erreiche, habe ich Gott zu verdanken", sagt Fausia Kufi und zieht sich das grüne Tuch über den Kopf, das ihr auf die Schultern gerutscht ist. "Ich weiß nicht, was er mit mir vorhat, aber Gott will, dass ich für ein größeres Ziel lebe." Sie ist 37 Jahre alt, es ist ein Wunder, dass sie noch lebt.

Fausia Kufi kam in Badachschan zur Welt, einer schwer zugänglichen, ärmlichen Provinz im Nordosten Afghanistans. Ihr Vater, ein einflussreicher Politiker, hatte sieben Frauen. Von ihrer Mutter wurde erwartet, einen Jungen zu gebären. "Als ich zur Welt kam, sollte ich sterben", sagt sie. Die Geburtshelferinnen legten den Säugling in ein Tuch und brachten das Bündel nach draußen, in die gleißende Sonne. Fast einen ganzen Tag lag sie da und schrie. Die Familie erwartete, dass sie irgendwann sterben würde. Doch Kufi überlebte.

"Mein winziges Gesicht war von der Sonne so verbrannt, dass ich noch als Jugendliche Narben auf den Wangen trug", schreibt sie in ihrer im vergangenen Herbst erschienenen Autobiografie "Nur eine Tochter". Als das Kind nicht aufhörte zu schreien, besann sich die Mutter und holte es herein. "Ich wurde dann doch noch zu ihrem Lieblingskind." Das Mädchen kämpfte, forderte von ihrem Vater und den Brüdern ihre Rechte ein und durfte schließlich als erste und einzige Frau der Familie studieren und ihren Weg gehen.

Auf Anhieb Vizepräsidentin des Parlaments

Sie hat es weit gebracht, auch dank des Einflusses ihrer Familie. Ihr Vater, einst von politischen Gegnern umgebracht, hat noch heute in Badachschan und in Kabul einen guten Ruf. Kufi gilt heute als die bekannteste Politikerin des Landes. Nun strebt sie nach dem höchsten Amt in der islamischen Republik: 2014 will Fausia Kufi für das Präsidentenamt in Afghanistan kandidieren und damit Hamid Karzai nachfolgen.

Fragt man die Afghanen nach ihren Chancen, sagen die meisten, das Land sei noch nicht so weit. Außerdem, sagen ihre Kritiker, verstehe sie nichts von Sicherheitspolitik und Wirtschaft.

Kufi sieht ihre Chancen zuversichtlicher. Immerhin zog sie 2005 in das erste demokratisch gewählte Parlament Afghanistans ein. Bei der Wahl zum Posten des Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses setzte sie sich gegen damals viel bekanntere und einflussreichere Politiker durch. Es war das erste Mal in der afghanischen Geschichte, dass eine junge Frau in ein so hohes politisches Amt gewählt wurde. "Damals haben auch alle gesagt: 'Du schaffst das nicht.' Warum sollte es also jetzt nicht auch klappen?"

Sie sagt, sie wisse keine Zirkel hinter sich, hoffe aber, dass sie mit ihren Worten überzeugen könne. Außerdem, das klingt zwischen den Zeilen durch, setzt sie auch darauf, dass sie vom Ruf ihrer Familie profitiert, die sich für die Armen von Badachschan einsetzte und gegen sowjetische Besatzer und gegen Taliban kämpfte.

Die Politikerin redet atemlos, sie hat viel zu sagen. Zwischen den schnellen Sätzen auf Englisch befiehlt sie auf Dari zwei jungen Männern, ihren Hausangestellten, grünen Tee, Mandeln und Pistazien zu servieren. Vorher haben die Männer Taschen, Handy und Kamera kontrolliert - sie sind auch für die Sicherheit ihrer Chefin zuständig.

Kufi lehnt sich in dem goldbezogenen Sofa in ihrem Wohnzimmer zurück und lächelt. Sie trägt eine weiße Bluse mit Puffärmeln. Sie liebt Puffärmel, ihr Hochzeitskleid sollte welche haben, aber dann heiratete sie ausgerechnet während der Talibanherrschaft, und da waren Kleider mit solchen Ärmeln verboten.

"Mein größter Fehler ist offensichtlich, dass ich eine Frau bin"

Mehrmals haben Extremisten versucht, die Politikerin umzubringen. Mal wurde auf sie geschossen, mal fanden ihre Sicherheitsleute eine Bombe unter dem Auto. Genüsslich verbreiten ihre Gegner Gerüchte: Zum Beispiel, dass Fausia Kufi in Wahrheit die Politik nur nutze, um sich zu bereichern, oder dass sie, die Witwe, deren Mann vor neun Jahren nach mehreren Gefängnisaufenthalten unter den Taliban an Tuberkulose starb, Verhältnisse mit ihren Bodyguards habe.

"Mein größter Fehler ist offensichtlich, dass ich eine Frau bin", sagt Kufi. "Es gibt Menschen in Afghanistan, die nicht gerne sehen, dass eine Afghanin sich politisch engagiert." Doch wer, wenn nicht eine Frau, sei für das Präsidentenamt geeignet? "Wir Frauen waren nicht am Krieg in Afghanistan beteiligt, wir haben nicht an der Zerstörung des Landes teilgenommen. Wir haben nicht getötet. Warum kann also nicht eine Frau glaubhaft ein neues, ein anderes Gesicht Afghanistans repräsentieren?" Eine Frau "mit breiten Schultern" könne das packen, findet sie. Sie meint damit sich selbst.

Es bleibe den Frauen in Afghanistan nichts anderes übrig, als Tabus zu brechen, um das Land voranzubringen. "Viel zu lange wurde Politik mit vorgehaltener Waffe betrieben. Sie hatte mehr damit zu tun, wer die meisten Soldaten oder die besten Panzer hatte, als mit politischen Inhalten, Plänen oder Reformen für die Zukunft. Das muss sich ändern."

Erst vor wenigen Wochen hat Präsident Karzai den mächtigen Religionsrat gegen Kritik verteidigt. Der hatte Richtlinien veröffentlicht, in denen es heißt: "Männer sind von fundamentaler Bedeutung, Frauen sind nachrangig." Außerdem sollten Frauen nicht zusammen mit Männern arbeiten und nicht ohne männliche Begleitung unterwegs sein. Männern sei das Schlagen ihrer Frau erlaubt, solange es im Einklang mit den religiösen Bestimmungen stehe.

Deutliche Kritik an Taliban und am Westen

Karzai sei zwar "ein freundlicher Mann", so Kufi, aber er biedere sich den Taliban an. Er versuche, alle hinter sich zu scharen, und stehe am Ende alleine da. "Unsere Demokratie fängt bei null an. Da erwarten wir mehr Führung."

Das sind mutige Worte in einem von Männern dominierten Land. In Gefahr bringt Fausia Kufi aber auch, dass sie das Religionsverständnis der Extremisten offen kritisiert und lobende Worte für den Westen findet. "Die Taliban haben den Islam beschädigt", sagt sie. "Sie haben ihn an sich gerissen, ihn korrumpiert und in ein Instrument verwandelt, mit dem sie ihre egoistischen Ziele verfolgen."

Der Einmarsch der Nato-Truppen in Afghanistan war daher "richtig und gut" - eine Meinung, die nur noch wenige afghanische Politiker so teilen. "Hätte der Westen 2001 nicht militärisch eingegriffen, wäre Afghanistan noch rückständiger als damals. Aus meiner Sicht als Frau kann ich das nicht anders sagen. Unsere Lage ist viel besser als vor zehn Jahren."

Kufi findet aber auch kritische Worte für die internationale Gemeinschaft. Die habe zu schnell zu viel erwartet in Afghanistan. Der größte Fehler sei gewesen, in Irak einzumarschieren und Afghanistan zu früh zu vernachlässigen. Das sei die Chance der Taliban gewesen, wieder zu erstarken - ein Fehler, für den Afghanistan und der Westen jetzt büßen müssen.

Vor allem die westlichen Soldaten hätten die afghanische Kultur missachtet, hätten Männer und Frauen bei Razzien gedemütigt. "Außerdem gab es zu viele zivile Opfer, und zwar nicht nur bei Gefechten mit Extremisten. Wenn ein einzelner Soldat in ein Dorf geht und wahllos Menschen erschießt, lässt sich das durch nichts rechtfertigen. Der Westen verliert dann an Glaubwürdigkeit. Welcher Afghane hört noch hin, wenn jetzt von den USA die Einhaltung von Menschenrechten gefordert wird?"

Kufi wünscht sich ein "stolzes Afghanistan"

Kufi möchte als Präsidentin dafür kämpfen, dass Afghanistan wieder "ein stolzes Land" sein kann. Sie möchte Frauenrechte stärken, die Armut bekämpfen, Bildung fördern. "Meine Vision ist ein Afghanistan, in dem jeder Mensch unabhängig von seiner Ethnie, seiner Religion, seines Geschlechtes, seiner Herkunft respektiert wird."

Dafür will sie die Risiken in Kauf nehmen. "Als Mutter zweier Töchter, die keinen Vater mehr haben, frage ich mich schon, ob es richtig ist, dass ich politisch aktiv bin. Manchmal, wenn ich angegriffen werde oder wenn ich sehe, wie stark der Widerstand gegen Frauen ist, wie verbreitet die Korruption und wie groß die Ungerechtigkeiten, denke ich, dass das meine Energie und meine Zeit nicht wert ist. Dann bereue ich, Politikerin zu sein, weil ich es für sinnlos halte."

Doch der Zuspruch ihrer Anhänger und ihrer Familie, aber auch ihr bisheriger Erfolg lasse sie weitermachen. Denn letztlich sei es nicht der Westen, der für Afghanistan verantwortlich sei, sondern Afghanistan müsse sich selbst helfen. "Wir haben eine Menge Hausaufgaben zu machen. Wir brauchen eine starke, demokratisch gewählte Regierung. Eine Justiz, die Recht durchsetzt, wie brauchen ein soziales System, natürlich auch einen Sicherheitsapparat, der uns vor Gewalt schützt."

Noch aber sei Afghanistan nicht so weit. Die Präsidentschaftswahl findet in zwei Jahren statt und wird einige Monate in Anspruch nehmen. Der Abzug der Isaf-Truppen, sagt Kufi, kommt deshalb viel zu früh. Ansonsten aber sei sie optimistisch, dass in Afghanistan am Ende alles gut wird.

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Afghanistan: Geschichte des Landes

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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