Von Benjamin Bidder, Moskau
New York - US-Medien jubeln über die vom FBI veröffentlichten Aufnahmen: "Die Agenten konnten offenbar nicht einen Schritt unternehmen, ohne beobachtet, abgehört und gefilmt zu werden", heißt es zum Beispiel in der "New York Daily News". Die Videos und Fotos belegten, wie sorgfältig die amerikanische Bundespolizei die russischen Amateurspione beobachtet habe.
Im Sommer 2010 waren elf von ihnen gegen mutmaßliche CIA-Zuträger in Russland ausgetauscht worden. Sechs russische Spione nutzten offenbar Namen und Identitäten von Toten. Deshalb taufte das FBI die Observierungsoperation "Ghost Stories".
Die Gruppe sei "sehr nahe dran gewesen, in die Kreise politischer Entscheidungsträger einzudringen", behauptet FBI-Mann C. Frank Figliuzzi. Bei den Russen handele es sich um eine "neue Rasse" von Undercover-Agenten, berichten die US-Ermittler. Vor allem von Anna Chapman zeichnet Figliuzzi das Bild einer Superagentin der nächsten Generation. Die rothaarige Russin, die als "Agentin 00Sex" und "Spionin 90-60-90" berühmt wurde, sei "technisch beschlagen, sehr intellektuell und aufgeweckt".
Über den Hintergrund der Überwachungsaktion schweigt das FBI. Angeblich trug Chapman einen kleinen Sender in der Handtasche. Das Gerät sei drahtlos mit einem russischen Agenten verbunden gewesen. Der Mann habe auf der Straße gestanden und so getan, als telefoniere er. Andere Videos zeigen Chapman, leicht nervös, mit großer schwarzer Sonnenbrille bei einem konspirativen Treffen bei Starbucks.
Auch ihre Agentenkollegen gerieten ins Visier der US-Spionageabwehr: So filmten Beamte zwei der Russen bei einem sogenannten brush-pass: Die Männer tauschten im Vorübergehen an einer Zug-Haltestelle identisch aussehende Papiertüten. Michaiel Zottoli alias Michail Kuzik ertappten die Fahnder, als er mit einer kleinen roten Schaufel anrückte, um ein in einem Park oder Wald deponiertes Paket auszugraben.
"Neue Rasse" von Undercover-Agenten
Anna Chapman hat es inzwischen in Russland zu politischer Prominenz und dem Status eines Celebrity Girls gebracht. Die in Wolgograd geborene 29-Jährige stieg nach ihrer Rückkehr aus den USA in die Führungsriege der Jugendorganisation von Einiges Russland auf, der Partei von Premierminister Wladimir Putin.
In Moskau konnte man sie zuletzt auf der Geburtstagsparty der Chefin der russischen Dependance des Axel-Springer-Verlags sehen, in weißen Stiefeln und türkisfarbenem Kleidchen.
Informationsbeschaffung scheint gleichwohl nicht zu den Stärken der "Deep Cover"-Agentin zu gehören: Ende Oktober veröffentlichte Chapman im russischen Boulevardblatt "Komsomolskaja prawda" eine Kolumne über Alexander Puschkin, Russlands Nationaldichter, der 1837 im Alter von 37 Jahren bei einem Duell ums Leben kam. "Hätte Puschkin seine späten Werke vollenden können, dann hätte es vermutlich keine Revolution, keinen Zarenmord gegeben", schrieb Chapman.
In russischen Internetforen sorgte der Artikel für einen Skandal: Chapman hatte ihn plump bei einem anderen Autoren abgeschrieben.
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