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Unbemannte Flugkörper: Auch Europa droht Drohnen-Debakel

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"Euro Hawk" auf Probeflug: Auch Brüssel investierte in unbrauchbare Drohnentechnologie Zur Großansicht
DPA/ Cassidian

"Euro Hawk" auf Probeflug: Auch Brüssel investierte in unbrauchbare Drohnentechnologie

Mit unbemannten Flugkörpern will Brüssel die EU-Südgrenzen vor illegalen Einwanderern schützen. Doch wie der "Euro Hawk" der Bundeswehr kämpft das Projekt mit Zulassungsproblemen. Hunderte Millionen Euro an Steuergeldern sind in Gefahr - und die EU zahlt trotzdem weiter.

Brüssel - Wer Drohnen in den Himmel über Europa steigen lassen will, muss an Mike Lissone vorbei. 20 Jahre lang hat der Niederländer als Fluglotse für die Luftwaffe gearbeitet. Nun sitzt er in einem weißen Bürokomplex in der Brüsseler Raketenstraße neben dem internationalen Flughafen und prüft Projekte von Rüstungskonzernen, die ihre Produkte in Europas Luftraum testen wollen. Der Mann mit der hohen Stirn ist Chef der Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol für die "Integration unbemannter Flugkörper". Seine Hauptaufgabe: Unfälle zwischen Drohnen und Flugzeugen verhindern.

Lissones Kenntnisse sind gefragt - ob bei der EU-Kommission, der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO oder der Europäischen Agentur für Flugsicherheit, die über die Zulassung aller größeren Drohnen entscheidet. Der Niederländer glaubt: Drohnen von heute sind noch nicht sicher genug für den zivilen Luftraum. Auch er plädierte dafür, "Euro Hawk" den Zutritt zu Europas zivilem Luftraum zu verweigern: dem Drohnenprojekt der Bundeswehr, das Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière mangels Zulassung nun vorzeitig abgebrochen hat. Die deutschen Steuerzahler kostet das missglückte Abenteuer eine hohe dreistellige Millionensumme.

In der Bundesrepublik sorgt das lange absehbare Scheitern für Empörung. Dabei ist "Euro Hawk" in Europa nur ein Projekt unter vielen. Seit Jahren fördert die EU mit Hunderten Millionen Euro die Forschung und Entwicklung unbemannter Fluggeräte. Nun droht auch Brüssel ein Drohnen-Debakel. Denn ob die hoch subventionierten Apparate je außerhalb spezieller militärischer Korridore zum Einsatz kommen werden, ist unklar.

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Aufrüstung: Drohnen für die Bundeswehr
Die Probleme sind dieselben wie bei "Euro Hawk": Zu unausgereift ist die Sicherheitstechnik für den Einsatz im zivilen Luftraum, zu groß das Risiko verheerender Zusammenstöße mit Passagierflugzeugen. "Die Antikollisions- und Steuerungssysteme müssen weiterentwickelt werden", sagt Eurocontrol-Experte Lissone SPIEGEL ONLINE. "Das wird noch ein langer Prozess." Eine echte Integration der Drohnen in Europas Luftverkehr sei erst in 15 Jahren zu erwarten.

Als Brüssel die Subventionsmaschine anwarf, klang das noch anders: Schon 2013 sollten europäische Drohnen am Himmel kreisen und illegale Einwanderer aufspüren, versprachen die Rüstungsfirmen den EU-Politikern. 2005 etwa stellte ein Konsortium von 32 Konzernen - unter ihnen Schwergewichte wie EADS, die britische Waffenschmiede BAE Systems oder Thales aus Frankreich - in einer "Road Map" die Fertigstellung eines EU-Drohnensystems innerhalb von nur sieben Jahren in Aussicht. Die Flugkörper, so lautete die Vision der Industrie, sollten zum Herzstück von Eurosur werden, einem neuen Überwachungssystem für das Mittelmeer, bei dem die EU mit viel Hightech illegale Einwanderer aufspüren will.

Das Werben zahlte sich aus. "Nach unseren Recherchen hat die EU-Kommission Projekte zur Forschung und Entwicklung von Drohnen mit mindestens 300 Millionen Euro subventioniert", sagt Ben Hayes, Gründer der britischen Bürgerrechtsorganisation Statewatch, die im Juni eine Studie über die Drohnen veröffentlichen wird. "Sie hat der Industrie geglaubt."

Zu den von Brüssel geförderten Projekten zählen:

  • Oparus: Die Konzerne Dassault, BAE Systems und Thales entwickeln zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik die System-Architektur für die Überwachung von Land- und Seegrenzen mit Hilfe von Drohnen. Kosten: 14 Millionen Euro, davon 11,9 Millionen an EU-Fördergeldern.
  • Closeye: Die spanische ISDEFE und die Agentia Spazial Italiana entwerfen ein System zur Absicherung der Mittelmeergrenze mittels Drohnen, Satelliten und Radar. Kürzlich wurden über der Straße von Gibraltar mehrere Drohnen wie der "Camcopter" S-100 und der amerikanische UAV "Predator" getestet. Kosten laut Medienberichten: 12,25 Millionen Euro, größtenteils von der EU finanziert.
  • Heliplat: Die solarbetriebene "HALE" (High Altitude Long Endurance)-Drohne, eine Entwicklung der Universität Turin, soll aus der Stratosphäre in 17 bis 20 Kilometer Höhe die EU-Mittelmeergrenze überwachen. Lief bislang nur im Testbetrieb mit einem Demonstrationsflugzeug. Kosten laut Medienberichten: 4,5 Millionen Euro, davon 2,9 Millionen EU-Fördermittel.
  • Seabilla: ein Projekt von Finmeccanica, BAE Systems und Thales - zur "Verbesserung des Aufspürens, Identifizierens und der automatisierten Verhaltensanalyse von Booten sowohl in offenen Gewässern als auch nahe der Küste". Übersetzt: Maschinelle Überwachung des Mittelmeeres mit Satelliten, Drohnen und Radar. Kosten: 15,6 Millionen Euro, davon 9,9 Millionen an EU-Fördermitteln.

Berlin zieht die Reißleine, Brüssel zahlt weiter

Noch 2008 plante die für Rüstungsvorhaben zuständige Europäische Verteidigungsagentur, die Drohnen bis 2012 in den Luftraum einzugliedern. Davon ist keine Rede mehr. Heute setzt sich eine gemeinsame Steuergruppe mit Teilnehmern von EU-Kommission und Eurocontrol zum Ziel, 2016 mit dem Prozess zu beginnen; abgeschlossen sein soll er erst 2028.

Und Eurosur plant jetzt ohne unbemannte Flugzeuge: "Die Drohnen sind im derzeitigen Stadium für die Luftüberwachung unbrauchbar", ärgert sich ein Brüsseler Entscheider. Als Eurosur 2009 auf den Kanaren ein paar Drohnen testen ließ, brauchte allein die Genehmigung ein halbes Jahr Vorlauf. Dann stellte sich heraus: Die Kosten lagen über den Erwartungen - und die Ergebnisse darunter.

Insidern zufolge soll es den Drohnen nur schlecht gelingen, kleine Boote aufzuspüren, wie sie die typischen Mittelmeerflüchtlinge nutzen. "Da werden Hunderte Millionen Euro hinausgeworfen für eine Überwachungstechnologie, die nicht funktioniert", sagt Franziska Keller, Sicherheitsexpertin der Grünen im Europaparlament. "Die EU bedient mit der Drohnenforschung vor allem die Profitinteressen der europäischen Rüstungsindustrie", lautet ihr Vorwurf.

Berlin hat nun die Reißleine gezogen. Brüssel hingegen zahlt weiter. Erst kürzlich pries die EU-Kommission den Mitgliedstaaten in einem Arbeitspapier die Nutzung von Drohnen für zivile Aufgaben als "Quelle für Wachstum und Jobs" an und schlug vor, ihre Integration in den zivilen Luftverkehr voranzutreiben. Intern mehren sich aber auch in der Brüsseler Behörde die Skeptiker. "Erst hieß es, die Drohnen sind 2012 einsatzreif, dann 2015, 2020 und jetzt 2028", sagt ein Beamter. "Ich glaube erst daran, wenn sie tatsächlich fliegen."

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1.
neu_ab 21.05.2013
Ein Debakel mehr oder weniger macht doch gerade bei der "EU" keinen Unterschied mehr.
2.
FrankS. 21.05.2013
Richtig auf Objektfall reduzieren geht so: "Mit unbemannte Flugkörper"
3. Das Fass
fr2712 21.05.2013
ich befuerchte, dass mit dem drohnenthema gerade mal der Deckel eines stinkenden fasses aufgemacht wurde. Sozialleistungen werden gekuerzt, Lehrer nur noch befristet eingestellt, amigo Affäre, diaetenerhoehungen, etc. So hat unser Parteien System keine Zukunft mehr. Das Wohl und der Wille des Volkes spielen keine Rolle mehr
4. Am besten, wir machen gar nichts mehr und legen uns hin zum Sterben!
yael.s 21.05.2013
Es ist alles zu gefährlich! Am besten wir bauen ortsfeste Drohnen aus Beton! Außerdem bin ich für ein Verbot jedweder Zukunftsvisionen und die Bestrafung aller Versuche/Pläne irgendwelche fortschrittlichen Techniken einzuführen. Außerdem bin ich für die sofortige und vollständige Verstaatlichung aller Kinder und für die Verpflichtung zur Arbeit für alle Mütter. Schulnoten müssen abgeschafft werden und das Gymnasium sowieso. Und die Bundesregierung muß sich in Europa unbedingt für Quantenfreie Milch stark machen!
5. Wie schön ...
pflegeroboter 21.05.2013
Wie schön, dass man sich über diese Drecksdinger nicht einigen kann. Sie taugen so gar nicht zu was Gutem, soweit dort nur von Überwachung, Spionage und Killereinsätzen die Rede ist. Schön, wenn sich dieses System jetzt selbst in Schwanz beißt aber mal wieder schade um das Geld.
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Chronik des Drohnen-Debakels
August 2004
In einer sogenannten "funktionalen Forderung" schreibt das Verteidigungsressort fest, dass die Bundeswehr nach der langsamen Verschrottung des älteren Aufklärungsflugzeugs "Breguet Atlantic" neue Technik zur Aufklärung von Funksignalen und Kommunikation am Boden braucht. Als Träger der Aufklärungstechnik entscheiden sich die Experten der Truppe für die erprobte US-Drohne "Global Hawk" der Rüstungsschmiede Northrop Group, die in Europa mit Technik bestückt werden und dann für die Bundeswehr in den Einsatz gehen soll. Erste Gespräche mit der US-Rüstungsindustrie beginnen.
Januar 2007
Mit Zustimmung des Bundestags schließt die Bundeswehr einen Vertrag mit der "Euro Hawk GmbH" in Immenstaad, die ein Demonstrationsobjekt bauen und mit der Sensor-Technik bestücken soll. Hinter der Technikentwicklung steht das Konsortium "Cassidian", die Bundeswehr nennt die zu entwickelnden Sensoren für die Drohne "ein Spitzenprodukt deutscher Wehrtechnik".
Juni 2009
Der Bundestag stimmt dem Beginn des Projekts zu, dazu soll für rund 500 Millionen Euro ein Testmodell des "Euro Hawk" in den USA erworben und dann in Europa mit der Sensortechnik ausgestattet werden. Etwa die Hälfte des Budgets ist für den Kauf der Drohne selber veranschlagt, die andere Hälfte für die Technik. Grundsätzlich beabsichtigt die Bundeswehr den Kauf von fünf "Euro Hawk"-Drohnen für ein Gesamtbudget von rund 1,2 Milliarden Euro.
Juli 2011
Die Drohne für die Bundeswehr ist in den USA hergestellt und getestet, allerdings treten die ersten Probleme mit der Zulassung für die verschiedenen Lufträume weltweit auf. Als die Drohne von den USA nach Deutschland fliegen soll, hat sie nur eine vorläufige Zulassung für den deutschen Luftraum und muss in den USA große Umwege fliegen, um für sie gesperrte Lufträume zu überfliegen. Im Wehrressort erkennt man intern das "fundamentale Problem" mit der Zulassung für den europäischen Luftraum.
Juni 2012
Die Bundeswehr muss nach Presseberichten einräumen, dass es beim Projekt "Euro Hawk" Probleme gibt und die Einsatzbereitschaft der Mega-Drohne mindestens um ein Jahr verschoben werden muss.
11. Januar 2012
Das Testmodell der Drohne geht in Deutschland erstmals auf Probeflug, damals nur mit einer vorläufigen Zulassung. Für den Start und den Spiralflug auf die Flughöhe von 15.000 Metern muss der gesamte Luftraum kurzzeitig gesperrt werden.
Ende März 2013
Erstmals erfährt der Bundestag von ernsten Problemen bei dem deutschen Drohnen-Projekt. Nach konkreter Nachfrage des SPD-Abgeordneten Hans-Peter Bartels räumt das Ministerium ein, dass man mit "nicht unerheblichen Mehrkosten" für die luftverkehrsrechtliche Zulassung der Drohne rechne. Schon damals heißt es, die Mehrkosten könnten sich auf mehr als 500 Millionen Euro belaufen, zudem würde die Zulassung Jahre in Anspruch nehmen.
21. April 2013
Das Ministerium gesteht ein, dass das Projekt vor dem Aus steht. Staatssekretär Thomas Kossendey schreibt erstmals, die Beschaffung der Drohnen werde "kritisch geprüft". Insider rechnen schon zu diesem Zeitpunkt damit, dass die Bundeswehr die Entwicklung des Daten-Staubsaugers bald einstellen wird.
24. April 2013
In vertraulicher Sitzung des Verteidigungsausschusses berichtet die Bundeswehr von massiven Problemen bei der Zulassung und beschuldigt die US-Industrie, die im Kaufvertrag zugesicherte Dokumentation der Drohnentechnik für die Zertifizierung in Deutschland nicht geliefert zu haben. Statt Mehrkosten von 500 Millionen Euro ist nun sogar von möglicherweise 800 Millionen für eine nachträgliche Zulassung die Rede.
10. Mai 2013
Im Ministerium von Thomas de Maizière entscheidet man sich zum endgültigen Stopp des Projekts, der Bundestag wird aber zunächst nicht informiert.
13. Mai 2013
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" widmet sich dem Debakel um die "Euro Hawk"-Drohne an prominenter Stelle. Das Blatt spekuliert, das Ministerium könnte das Projekt schon bald einstellen und zitiert die bekannten Probleme bei der Zulassung für den deutschen und europäischen Luftraum.
14. Mai 2013
Aus Regierungskreisen verlautet nach dem Erscheinen des "FAZ"-Artikels, dass das "Euro Hawk"-Projekt auf Eis gelegt worden sei. Demnach seien aber nur rund 270 Millionen des Gesamtbudgets verloren, diese seien für das Testmodell bezahlt worden. Die für rund 250 Millionen Euro entwickelte Sensortechnik sei aber trotzdem noch für die Bundeswehr nutzbar.
15. Mai 2013
Staatssekretär Beemelmanns informiert den Bundestag über die Beendigung des "Euro Hawk"-Projekts.

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