Feiern für Freigelassene Kuntar will Kampf gegen Israel fortsetzen

Während Israel das Schicksal der beiden getöteten Soldaten betrauert, bejubelt der Libanon den Gefangenenaustausch: Die Regierung rief einen Feiertag aus, die Hisbollah genießt den Triumph über Israel - und der begnadigte Mörder Kuntar kündigt an, weiter gegen das Nachbarland kämpfen zu wollen.


Beirut/Nakura - Vor tausenden Anhängern ließen sich die fünf Ex-Häftlinge am Abend von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah feiern. "Dieses Volk wird niemals besiegt werden", rief Nasrallah der Menge zu. Im Mittelpunkt des Jubels: Der begnadigte Top-Terrorist Samir Kuntar. Kuntar dankte dem Hisbollah-Chef für die Freilassung und kündigte an, den Kampf gegen Israel fortsetzen zu wollen. Zuvor waren die freigelassenen Libanesen bereits am Flughafen von Präsident Michel Suleiman begrüßt worden. "Eure Rückkehr ist ein neuer Sieg", sagte Suleiman. An der Zeremonie nahmen auch Regierungschef Fuad Siniora und weitere ranghohe libanesische Politiker teil.

Zum Empfang der fünf ausgetauschten Hisbollah-Kämpfer warteten hunderte Anhänger der schiitischen Miliz an der Grenze zu Israel. Überall im Süden des Landes waren gelbe Flaggen und Symbole der Organisation zu sehen. Auch die Küstenautobahn nach Beirut war beflaggt. Als die fünf Freigelassenen am Nachmittag libanesischen Boden betraten, salutierte eine Ehrengarde der Hisbollah. Der nach rund drei Jahrzehnten Haft in Israel freigelassene Top-Terrorist Kuntar rief der wartenden Menge in der Küstenstadt Nakura zu: "Ich bin glücklich, wieder zu Hause zu sein".

Angehörige und Kämpfer der Miliz umarmten Kuntar, der Jeans und ein graues Sweat-Shirt trug. Die vier anderen Männer küssten hochrangige Hisbollah-Führer. Tausende Hisbollah-Mitglieder säumten zu beiden Seiten einen roten Teppich und schwenkten Fahnen. Ein großes Foto zeigte eine weinende Israelin: "Israel vergießt Tränen des Schmerzes, der Libanon vergießt Freudentränen", stand auf einem Schild daneben. Dies sei Israels "offenes Eingeständnis der Niederlage", triumphierte der Kommandeur im Südlibanon, Scheich Nabil Kaouk.

Siniora hatte eigens einen Feiertag angeordnet: Schulen und Behörden blieben wegender der bevorstehenden Rückkehr der Hisbollah-Kämpfer geschlossen. Da am selben Tag auch die neue libanesische Regierung zum ersten Mal zusammentrat, schrieb die Zeitung "An Nahar": "Die Regierung und die Rückkehr der Gefangenen vereinen den Libanon heute." Die Oppositionszeitschrift "As Safir" sprach von einem "nationalen Feiertag".

Israel verurteilt Jubelfeiern als "Schande"

Auf der anderen Seite der Grenze herrschte tiefe Trauer: Vor den Häusern der Familien von Ehud Goldwasser und Eldad Regev in den nordisraelischen Orten Naharija und Kiriat weinten zahlreiche Menschen, als sie im Fernsehen die Särge sahen. Am Abend fand für die beiden Soldaten eine Trauerfeier auf einem Militärstützpunkt im Norden Israels statt, an der neben Ministerpräsident Ehud Olmert und Verteidigungsminister Ehud Barak auch die Familien der Toten teilnahmen. Am Donnerstag sollten die Soldaten mit militärischen Ehren beigesetzt werden.

Olmert, der die fünf Häftlinge in der Nacht zum Mittwoch begnadigt hatte, nannte das Verhalten der libanesischen Regierung eine "Schande". Während Israel den Tod von Soldaten beweine, werde im Libanon die Rückkehr eines Mörders offiziell gefeiert.

Der israelische Regierungssprecher Mark Regev kritisierte die Feierlichkeiten im Nachbarland Libanon scharf. "Samir Kuntar ist ein brutaler Kindermörder und wer ihn als Helden feiert, tritt die grundlegenden Werte des menschlichen Anstands mit Füßen", sagte Regev. Kuntar ist für den Tod von fünf Israelis, darunter zwei kleinen Mädchen im Alter von zwei und vier Jahren, verantwortlich.

"Großer Tag für die arabische Nation"

Die Hisbollah hatte Israel bis zuletzt über den Tod der Soldaten bewusst im Unklaren gelassen, um ihre Verhandlungsposition zu verbessern, wie Nasrallah bei dem Auftritt mit den fünf freigelassenen Libanesen sagte. "Wäre ihr Schicksal bekannt geworden, hätten die Verhandlungen einen anderen Weg genommen."

Auch bei der Hamas im Gaza-Streifen wurde gejubelt. Dutzende Palästinenser verteilten aus Freude über die Freilassung der Hisbollah-Mitglieder Süßigkeiten und schwenkten die gelben Flaggen der Organisation.

Dies sei "ein großer Tag für die arabische Nation", sagte der Chef der palästinensischen Organisation im Gaza-Streifen, Ismail Hanija. Kuntar sei ein "Held". Auch die Hamas werde nun auf einen Austausch setzen. "Wir sind entschlossen, einen Austausch für unsere eigenen Gefangenen durchzusetzen", kündigte Hanija an. Die radikal-islamische Organisation hat seit zwei Jahren den israelischen Soldaten Gilad Schalit in ihrer Gewalt und will ihn als Faustpfand für die Freilassung von mehreren hundert Gefangenen nutzen.

Die deutsche Bundesregierung bezeichnete den Gefangenenaustausch zwischen Israel und Libanon als "politisch, aber auch humanitär wichtigen Erfolg". Der BND-Agent Gerhard Conrad hatte den Austausch im Auftrag der Uno vermittelt. Zuvor waren 1996 und 2004 Austauschaktionen mit deutscher Hilfe zustandegekommen.

amz/als/AP/Reuters

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