Von Horand Knaup, Nairobi
Die gepanzerten Lastwagen hängen im aufgeweichten Boden fest, Geländewagen rutschen von der Piste, und schwere Tankfahrzeuge für den Nachschub fahren erst gar nicht mehr los: Fünf Wochen nach ihrem Einmarsch in Somalia steckt die kenianische Armee hoffnungslos fest - auf halber Strecke zur Hafenstadt Kismaju und wenige Kilometer vor der strategisch wichtigen Stadt Afmadou.
Von den ursprünglich angepeilten Zielen - die Zerschlagung der Qaida-nahen Islamisten der Schabab-Milizen, die Errichtung einer Pufferzone im kenianisch-somalischen Grenzgebiet sowie die Eroberung Kismajus - ist noch kein einziges erreicht.
Dabei war das Getöse zu Beginn der Operation Mitte Oktober beträchtlich. "In zwei Wochen sind wir am Meer", tönten hochrangige Militärs. Und selbst Anfang November ließ Präsident Mwai Kibaki noch wissen: "Wir werden kämpfen bis zum Sieg."
Doch der liegt in weiter Ferne. Stattdessen ist der "failed state" Somalia nun vollends zum Tummelplatz für Akteure der unterschiedlichsten Art mit den unterschiedlichsten Interessen geworden. Denn am vergangenen Samstag ist nun auch die äthiopische Armee - zum zweiten Mal - im Nachbarland einmarschiert. Schon einmal, 2006, hatten die Äthiopier, damals mit Unterstützung der Amerikaner, die Grenze überschritten, um den Vormarsch der Islamisten zu stoppen. 2009 zogen sie sich zurück, nachdem sie hohe Verluste erlitten und wenig Fortschritte erzielt hatten.
Jetzt sind sie wieder da.
Ein weiterer Akteur auf dem Schlachtfeld
Mit den Äthiopiern hat sich ein weiterer regionaler Akteur auf den Kampfplatz Somalia begeben. Schon seit 2007 stellen Uganda und Burundi das mittlerweile 9000 Mann starke Amisom-Kontingent der Afrikanischen Union, das die Übergangsregierung in Mogadischu unterstützt. Der einzige militärische Erfolg, den die Amisom-Truppe bisher vorweisen kann: Sie hat die Schabab aus der Hauptstadt Mogadischu vertrieben.
Doch niemand hat sich so blamiert wie die Kenianer. Lange hatten sie dem Treiben der mörderischen Milizen im Nachbarland tatenlos zugeschaut. Hatten geduldet, dass al-Schabab in den kenianischen Metropolen Nairobi und Mombasa Nachwuchs rekrutiert, dass die Islamisten im Grenzgebiet kenianische Soldaten beschießen und entführen und Kenia seit Jahren als Aufmarschgebiet und Regenerationsbasis nutzen.
Doch dann waren im September eine französische und eine britische Touristin entführt und der Ehemann der Britin erschossen worden. Als dann auch noch zwei Mitarbeiter von " Ärzte ohne Grenzen" aus dem Flüchtlingslager Dadaab verschleppt worden waren, war die Geduld in Nairobi erschöpft. Der Tourismus schien gefährdet, einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. Wenige Tage später marschierte die Armee los.
Schon bevor der eigentliche Feldzug begann, ging schief, was nur schiefgehen konnte. Als die Französin vor der Insel Lamu entführt wurde, waren für die Verfolgung der Kidnapper keine Boote, kein Benzin und keine Funkgeräte vorhanden. Privatleute in Kleinflugzeugen verfolgten die Entführer stundenlang, die Armee fühlte sich nicht zuständig. Am Ende ertranken auch noch drei Küstenwächter, als sie bei einem Scharmützel mit Islamisten über Bord gingen.
US-Militärs dementieren offiziell jedes Engagement
Das ging an die Ehre, und seither kennt die kenianische Marine kein Pardon. Im Grenzgebiet zu Somalia versenkte sie im Eifer des Gefechts ein kenianisches Fischerboot, sieben Fischer gelten seither als vermisst. Nicht weit entfernt schoss sie ein weiteres Kleinboot in Brand. An Bord sollen präzise gezählte 18 Schabab-Kämpfer gewesen sein. Keiner von ihnen überlebte.
Gleich am ersten Tag des Feldzugs stürzte ein Helikopter ab, fünf Soldaten starben. Ein paar Tage später bombardierte die Luftwaffe ein Lager mit somalischen Flüchtlingen: Fünf Menschen kamen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Sonst hört man wenig über die eigenen Verluste.
Auch die wenigen kenianischen Journalisten an der Front helfen kaum weiter. Sie sind umfassend "eingebettet", bekommen wenig zu hören und sehen und berichten noch weniger nach Hause. Weder über Truppenstärken noch über Gründe des schwerfälligen Fortgangs, und auch die amerikanische oder französische Unterstützung werden nicht thematisiert.
Denn dass die USA, insbesondere mit Drohnen, entscheidend an diesem Krieg mitwirken, gilt als unbestritten. Sie haben vor allem ein Ziel: hochrangige Schabab-Kader mit Beziehungen zu al-Qaida auszuschalten. Vor gut einer Woche bombardierten sie ein Treffen hochrangiger Islamisten-Führer unweit von Mogadischu. Doch die hatten sich rechtzeitig abgesetzt. Offiziell dementieren die US-Militärs jedes Engagement, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass ihre Aufklärungsdrohnen den Kenianern wichtige Informationen liefern.
Balkanisierung Somalias schreitet fort
Gesicherte Erkenntnisse gibt es wenige, Gerüchte viele. Eines davon besagt, dass auch die Franzosen - trotz aller Dementis - kräftig mitmischen. Sie sollen von See aus ein Schabab-Camp beschossen haben, und sie rüsten nach verlässlichen Informationen somalische Regierungstruppen mit Material aus. Dem französischen Ölkonzern Total, einer der aktivsten auf dem afrikanischen Kontinent, wird erhöhtes Interesse an Erkundungsbohrungen im kenianisch-somalischen Grenzgebiet nachgesagt.
Mit von der Partie sind lokale Milizen wie Ras Kamboni oder Ahl al-Sunna wal-Dschamaa, die mal mit, mal gegen Schabab-Islamisten kämpfen; mit von der Partie sind die Clans mit ihren unterschiedlichen Interessen, und eine Rolle spielen schließlich auch Provinzen, die sich halbautonom nennen wie Jubaland oder Galmudug.
So geht die Balkanisierung Somalias munter weiter, ein zusammenhängendes Staatsgebilde ist kaum mehr vorstellbar.
Gewiss ist auch: Die kriegsunerfahrenen Kenianer haben sich hoffnungslos übernommen. Sie attackierten zu einer Zeit, in der Regen das Gelände unpassierbar macht. Es fehlt ihnen an Kenntnis des Terrains, es fehlt ihnen an Training und Erfahrung im Kampf gegen Guerillas, es fehlt ihnen an Ausrüstung - und es fehlt ihnen nicht zuletzt an Geld.
Auch eine Exit-Strategie ist bis heute nicht erkennbar. Wie soll es weiter gehen, wenn Kismaju eingenommen ist? Wie loyal sind die lokalen Milizen wirklich, die im Moment noch an ihrer Seite kämpfen? Und wie sieht aus kenianischer Sicht eine langfristige Lösung für das Nachbarland aus?
Kampf um die Vorherrschaft am Horn von Afrika
Antworten gibt es bislang keine, stattdessen startete die politische Spitze eine internationale Betteltour. Der Außenminister sprach bei der Arabischen Liga in Marokko vor, der Vizepräsident bei der Europäischen Union auf Zypern, der Premierminister in Israel, und Präsident Kibaki höchstselbst flog am Sonntag in die Arabischen Emirate, um weitere Unterstützung einzuwerben.
Bei einem Treffen Kibakis in der vergangenen Woche mit den Präsidenten von Uganda und Somalia wurden die wahren Kräfteverhältnisse deutlich: Die Kenianer wollen weitere Bataillone ins Feld schicken, die aber den von Uganda geführten Amisom-Truppen unterstellt werden.
Es war der beste Beleg für den Umstand, dass auf dem Schlachtfeld Somalia nebenbei der Kampf um die Vorherrschaft am Horn von Afrika ausgetragen wird. Stillschweigend hatten Uganda und Äthiopien den anfänglichen Hurra-Stil der Kenianer bei ihrem Vormarsch begleitet. Und mit stiller Genugtuung hatten sie erst das Steckenbleiben des Nachbarn im Feindesland beobachtet. Um dann - wie Uganda - kenianische Bataillone unter das eigene Kommando zu stellen oder - wie Äthiopien - selbst wieder einzumarschieren.
Derweil pflegen die Kenianer ihren naiv-unverdorbenen Optimismus ungehindert weiter. "Wir haben die Köpfe und die Herzen der lokalen Dorfgemeinschaften gewonnen", frohlockte ein Armeesprecher am Wochenende.
Fragt sich nur, wie lange.
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