Fernsehdebatte: Palin rettet sich, Biden punktet

Aus St. Louis berichtet

Das Duell war respektvoll, fast freundlich, die Katastrophe blieb aus: Die Republikanerin Sarah Palin überstand die Debatte mit dem kühl-beherrschten Demokraten Joe Biden weitgehend fehlerfrei. Gereicht hat das aber wohl kaum, um Barack Obamas Vorsprung vor John McCain zu schmälern.

St. Louis - Es sind die allerersten Worte, die den Ton dieses Abends prägen. Worte, die außer Hörweite des Saalpublikums fallen, noch bevor das Streitgespräch eröffnet ist. Sarah Palin und Joe Biden treten aus der Kulisse, gehen aufeinander zu, geben sich die Hand. "Schön, Sie kennenzulernen", zwitschert Palin ihrem Rivalen ins Ohr. "Hey, kann ich Sie Joe nennen?" Der guckt etwas irritiert, gibt dann aber perfekt-charmant zurück: "Sie können."

Und so beginnt die wichtigste TV-Debatte, die sich zwei US-Vizepräsidentschaftskandidaten wohl je geliefert haben: volkstümelnd, jovial, respektvoll, fast freundschaftlich - und doch mit einem unterschwelligen Gefühl der Bedrohung. Das zeigt sich wenig später, als Palin offenbart, wofür sie den Duz-Gruß wirklich braucht: als Messer gegen Biden.

Als Biden erneut über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain herzieht, schüttelt Palin missbilligend den Kopf wie eine maßregelnde Mutter: "Sag bloß, Joe. Nicht schon wieder!" Es ist eine Anlehnung an einen altbekannten Debatten-Knüller Ronald Reagans, der mit einem solchen "Nicht schon wieder!" 1980 Jimmy Carter ins Schwimmen gebracht hatte. Palin hat den Satz hörbar einstudiert, und für einen Moment zeigt sie so ihr wahres Gesicht: Lächelnd - doch eiskalt.

Für beide stand enorm viel auf dem Spiel. Die Republikanerin Palin, 44, musste den Eindruck von ein paar elenden Wochen überwinden, bei denen sie dank mehrerer missratener TV-Interviews vom Phänomen zur Lachnummer abgestürzt war. Würde die Gouverneurin von Alaska diese Debatte ebenso in den Sand setzen wie ihr Gespräch mit CBS, bei dem sie ihre außenpolitische Kompetenz mit der Nähe ihres Staates zu Russland begründet hatte? Das wäre das Ende der Ambitionen McCains.

Oder würde der Demokrat Biden, 65, seinem Ruf als "Fauxpas-Maschine" gerecht werden, etwas Dämliches sagen oder, noch schlimmer, seine Rivalin mit einer unvorsichtig-abfälligen Bemerkung abkanzeln - und mit ihr Millionen Amerikanerinnen, die damit, so die Furcht, endgültig zu McCain abwandern würden?

Die Spannung war spürbar. Der ganze Campus der Washington University von St. Louis, dem "Tor zum Westen" am Zusammenfluss von Mississippi und Missouri, wimmelte vor aufgekratzten Vertretern beider Lager. Studenten umringten zwei selbstgebastelte Blechfiguren, eine rote (für den Republikaner John McCain), eine blaue (für den Demokraten Barack Obama). Mit Drähten bewegten sie die Figuren und ließen sie wie Boxer aufeinander eindreschen. Einen Sieger gab es dabei nicht.

Ähnlich lautete das Fazit der echten Debatte, nach eineinhalb Stunden, die weniger dadurch in Erinnerung blieben, was passierte, sondern dadurch, was nicht passierte. Beide Kandidaten schlugen sich wacker, beide hielten es mit der Wahrheit nicht so genau, keiner "verlor", keiner stürzte katastrophal ab - und jede Seite erklärte ihren Kandidaten zum klaren Sieger.

Womit das Reizthema Palin, nach all dem Hype der letzten Tage, vorerst zu den Akten gelegt sein dürfte: Diese Debatte markierte das Ende der zirzensischen Episode Sarah Palin. Fortan wird es wieder um die echten Themen gehen - und das ist keine gute Nachricht für McCain.

Palin vermied es, über die enorm niedrigen Erwartungshürden zu stolpern, die ihr Camp in den letzten Tagen immer tiefer gelegt hatte. Sie schaffte es, alle populistischen "talking points", die man ihr eingebläut hatte, wie ein Wasserfall herunterzurasseln, direkt in die Kamera, von Augenzwinkern begleitet - und konnte sich so retten, ohne dabei wirklich Substantielles (oder Peinliches) zu sagen.

Biden verstieg sich derweil zu keiner dummen Bemerkung, war ganz Kavalier, brillierte mit Fachkenntnis und wurde einmal sogar emotional. Ansonsten blieb er so unterkühlt, dass die "Begeisterungskurven" einer Gruppe unentschiedener Wähler in Ohio, die CNN in Realzeit ins TV-Bild einblendete, zeitweise einer EKG-Maschine bei Herzstillstand glichen.

Am Ende hatte Palin ihr McCain-Team an der befürchteten Katastrophe vorbeigesteuert. "Sie hat die Blutung gestoppt", räumte selbst Bill Richardson ein, der demokratische Gouverneur von New Mexico, der Obama unterstützt und bärtig durch die Gänge stapfte.

Ob das letztlich reicht, bleibt fraglich - denn der Status quo begünstigt derzeit Obama. Jüngste Umfragen tendieren wieder zu ihm, dank der Wirtschafts- und Finanzkrise. Und im umkämpften Arbeiterstaat Michigan, so war an diesem Abend zu hören, hat McCain jetzt bereits das Handtuch geworfen, hat seine Wahlhelfer abgezogen und Obama das Feld überlassen - eine vorweggenommene Niederlage von hoher Symbolik, die an jedem anderen Tag die Schlagzeile gewesen wäre.

Doch natürlich gierten die 3100 Journalisten hier - mehr als je zuvor bei einer Vize-Debatte - erst mal nach anderen Schlagzeilen. Palin verweigerte sie ihnen, war statt dessen bis zur Halskrause präpariert: Ihre Satzschablonen kamen wie Maschinengewehrsalven, ohne Punkt und Komma - und oft auch ohne Zusammenhang, Syntax oder Logik.

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