Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Festgenommene Qaida-Verdächtige: Norwegisches Terror-Puzzle

Von Yassin Musharbash

Sie wurden über Monate observiert, jetzt erfolgte der Zugriff: In Norwegen und Deutschland wurden am Donnerstag drei Terrorverdächtige festgenommen. Die Männer haben offenbar Verbindungen zu Militanten in Waziristan - und möglicherweise zu Extremisten in England und den USA.

Norwegens Geheimdienstchefin Janne Kristiansen: Terrorplot mit unbekanntem Ziel Zur Großansicht
AFP

Norwegens Geheimdienstchefin Janne Kristiansen: Terrorplot mit unbekanntem Ziel

Berlin - Ihr Ziel war es offenbar, Bomben zu bauen. Tragbar sollten die Sprengsätze sein, aber zugleich groß genug, um massenhaften Tod zu bringen. Als Basis sollte Wasserstoffperoxid dienen, derselbe Grundstoff, mit dem schon die Sauerland-Zelle in Deutschland experimentiert hatte.

Wo die drei in Norwegen lebenden Männer mutmaßlich zuschlagen wollten, ist unbekannt. Jedenfalls wurde die Absicht, die norwegische und US-amerikanische Ermittler ihnen unterstellen, vereitelt: Am Donnerstag wurden die drei Verdächtigen festgenommen, zwei in Norwegen und ein dritter, unter Mithilfe der deutschen Polizei, in Duisburg, wo er sich bei Verwandten aufgehalten hatte. Es handelt sich bei den Männern um einen Uiguren mit norwegischer Staatsangehörigkeit sowie einen Usbeken und einen kurdischen Iraker, die beide in Norwegen aufenthaltsberechtigt sind.

Noch sind erst wenige Details des Falles bekannt, der aber schon jetzt als der bislang ernsthafteste in Skandinavien aufgedeckte Terrorplot gilt. Die norwegischen Behörden sind wenig auskunftsfreudig, was vor allem an den noch unklaren internationalen Dimensionen des Falles liegt. Es gilt als denkbar, dass die Männer nicht in Norwegen selbst zuschlagen wollten, sondern im Ausland.

Verbindungen nach New York?

Fahnder waren der mutmaßlichen Zelle seit einem Jahr auf den Fersen; bereits im vergangenen Sommer war nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bekannt, dass sich die Drei für Bombenbau interessierten. Eigentlich sollten sie noch weiter observiert werden, um möglichst ihr gesamtes Netzwerk zu enttarnen, heißt es in Norwegen. Ein Faktor für die frühzeitige Festnahme war, dass die Nachrichtenagentur AP Kenntnis von den Ermittlungen hatte.

Der 39 Jahre alte Uigure gilt den Sicherheitsbehörden derzeit als zentrale Figur. Es heißt, er habe bis in das Jahr 2001 oder 2002 zurückreichende Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida. Im Winter 2008/2009 soll er sich in der pakistanischen Unruheprovinz Waziristan nahe der afghanischen Grenze aufgehalten habe, vermutlich habe er dort ein Trainingslager einer militanten Gruppe besucht. Die noch unbestätigte Hypothese lautet derzeit, dass der Uigure seine beiden mutmaßlichen Mitverschwörer rekrutierte; entsprechende Reisen der beiden anderen Männer sind bisher anscheinend nicht bekannt.

Der Fall hat möglicherweise weiter reichende internationale Aspekte. Laut der Nachrichtenagentur AP soll es Verbindungen zwischen dem norwegischen Anschlagsplan und anderen Plots in den USA und in Großbritannien geben. So etwa zu dem bereits eingestandenen Vorhaben von Nadschibullah Zazi, die New Yorker U-Bahn mit Sprengsätzen anzugreifen. Aber auch zu jüngst bekannt gewordenen mutmaßlichen Planungen von Radikalen in Großbritannien, ein Einkaufszentrum anzugreifen, wird AP zufolge von US-Beamten eine Verbindung gezogen. Auf welcher Grundlage diese Vermutung beruht, ist noch unklar.

Al-Somali gilt als möglicher Drahtzieher

Sie ist aber nicht völlig unplausibel. Zumindest Zazi hielt sich bisher bekannt gewordenen Informationen zufolge ebenfalls im Winter 2008/2009 in Waziristan auf, wo er Kontakt zu den pakistanischen Taliban gesucht haben soll, dann aber von al-Qaida rekrutiert worden sei. Sein Anschlagsplan soll auf die Initiative des im vergangenen Jahr durch eine US-Drohne getöteten Qaida-Kaders Saleh al-Somali zurückgegangen sein, der einigen Analysten als Operations-Chef für Anschläge im Westen galt.

Allerdings ist al-Qaida nicht die einzige militante Organisation, zu der es möglicherweise Querverbindungen gibt. Auch zur Turkestan Islamic Party (TIP), einer in China und in Waziristan operierende Gruppe, habe es möglicherweise Kontakt gegeben, heißt es in Sicherheitskreisen. Die TIP ist eine obskure Gruppe, bei der nicht gänzlich klar ist, ob sie identisch ist mit dem East Turkestan Islamic Movement (ETIM). ETIM hatte 2008 vor Anschlägen während der Olympischen Spiele in Peking gewarnt, die TIP bekannte sich vor kurzem zu einem Anschlag in China.

Es ist wahrscheinlich, dass die norwegischen, britischen und US-amerikanischen Ermittler über mehr Informationen verfügen, als sie derzeit offenlegen. Die Aufklärung der internationalen Verbindungen hat für sie Vorrang. Wie gerichtsfest die gesammelten Belege über den mutmaßlichen Plot der drei Verhafteten sind, wird vermutlich ein Prozess klären.

Die Terrorgefahr in Norwegen sei weiterhin gering, erklärte Norwegens Geheimdienstchefin Janne Kristiansen in Oslo, die Bevölkerung sei nicht in Gefahr gewesen. Das könnte eine weiterer Hinweis darauf sein, dass der mutmaßliche Anschlag in einem anderen Land stattfinden sollte. Norwegische Terrorexperten sehen zwar die Präsenz norwegischer Truppen und der Veröffentlichung dänischer Mohammed-Karikaturen in norwegischen Zeitungen als mögliche Begründungen für Terroranschläge. Aber Dänemark beispielsweise steht seit Jahren wesentlich mehr im Fokus dschihadistischer Propaganda. Dafür, dass Deutschland ein Ziel gewesen sein könnte, gibt es keinerlei Hinweise.

Mit Material von Reuters, dpa und AP

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das Sommerloch muß ja wieder sehr groß sein
CStonre 08.07.2010
Derselbe Sprengstoff, denn schon die "Sauerland-Attentäter" benutzen wollten? Der, wie Experten berichten, den Terroristen unterm Hintern explodiert, sobald sie ihn herzustellen versuchen? Na dann müssen wir uns ja keine Sorgen machen. Und der Chef der norwegischen "Terroristen" ist nicht zufällig auch CIA-Mann, wie bei den Sauerländern? "Wer auch immer, unseren täglichen Terroristen gib uns heute."
2. Chef ? Wo und wann ???
Michael O., 08.07.2010
Zitat von CStonreDerselbe Sprengstoff, denn schon die "Sauerland-Attentäter" benutzen wollten? Der, wie Experten berichten, den Terroristen unterm Hintern explodiert, sobald sie ihn herzustellen versuchen? Na dann müssen wir uns ja keine Sorgen machen. Und der Chef der norwegischen "Terroristen" ist nicht zufällig auch CIA-Mann, wie bei den Sauerländern? "Wer auch immer, unseren täglichen Terroristen gib uns heute."
Bei den Sauerländern war der weder "Chef", noch war er "CIA-Mann" ! Sie sollten vielleicht mal ein bisschen mehr lesen, als nur sensationsheischende Überschriften...(denn der Artikel, in dem das drüberstand, gab das komischerweise gar nicht her...)
3. ..
CStonre 08.07.2010
Zitat von Michael O.Bei den Sauerländern war der weder "Chef", noch war er "CIA-Mann" ! Sie sollten vielleicht mal ein bisschen mehr lesen, als nur sensationsheischende Überschriften...(denn der Artikel, in dem das drüberstand, gab das komischerweise gar nicht her...)
Wir meinen sicher unterschiedliche Artikel... Er spielte eine wichtige Rolle beim Bombenbau und war Geheimdienst-Kontaktmann. Was das eigentlich Wichtige ist: mit solchen Nachrichten sollte man immer sehr vorsichtig sein.
4. Nennt sich das sorgfältig recherchiert?
stanis laus 08.07.2010
"Allerdings ist al-Qaida nicht die einzige militante Organisation, zu der es möglicherweise Querverbindungen gibt. Auch zur "Turkestan Islamic Party" (TIP), einer in China und in Waziristan operierende Gruppe, habe es möglicherweise Kontakt gegeben, heißt es in Sicherheitskreisen. Die TIP ist eine obskure Gruppe, bei der nicht gänzlich klar ist, ob sie identisch ist mit dem "East Turkestan Islamic Movement" (ETIM)." Möglicherweise, obskure Gruppe, nicht klar. Aber eines ist ganz sicher. Die al Quida steckt dahinter. Eine terroristische Gruppe, die bereits im Winter 2001 in Tora Bora völlig aufgerieben wurde, möglicherweise aber auch bereits bei der Bombardierung der Lager. Man weiss aber nicht genau, ob sie nicht in Wirklichkeit identisch ist mit der TRC-Gruppe und ob die sich sich heute "Pakistanic Union for Freedom" (Puff) nennt. Alles klar? Ja. Wieder so eine von der CIA lancierte Nachricht, um sich wichtig zu tun und die Pöstchen zu halten.
5. Der Chef ???
Michael O., 08.07.2010
Zitat von CStonreWir meinen sicher unterschiedliche Artikel... Er spielte eine wichtige Rolle beim Bombenbau und war Geheimdienst-Kontaktmann. Was das eigentlich Wichtige ist: mit solchen Nachrichten sollte man immer sehr vorsichtig sein.
Er besorgte die Zünder...mehr nicht. "Chef" war er deshalb noch lange nicht ! Ein zeitweiliger Informant ist etwas völlig anderes, als "ein CIA-Mann". Meinen Sie nicht ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Interaktive Grafik
Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001

Fotostrecke
Drohnenkrieg der CIA: Prominente Opfer
Interaktive Karte
SPIEGEL ONLINE
Interaktive Grafik: al-Qaidas wichtigste Kader


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: