Festnahme in Kenia Berliner Musiker unter Terror-Vorwand verhaftet

Die Polizei des Wahlfälschers Kibaki geht aggressiv gegen Journalisten vor. Wegen eines absurden Terror-Vorwurfs wurden nun drei Berichterstatter verhaftet - unter ihnen der deutsche Musiker Andrej Hermlin, Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin. Er war für die "Super Illu" im Einsatz.

Von , Nairobi


Nairobi - Die Journalisten in Kenias Hauptstadt rätselten in den vergangenen Tagen, wer der gut gekleidete Hüne war, der sich, mit Presseausweis und in Begleitung eines Fotografen, gleichsam durch Tränengasnebel vor dem Uhuru-Park und Menschentrauben auf Pressekonferenzen der Opposition kämpfte und kundtat, für ein "großes deutsches Nachrichtenmagazin" tätig zu sein.

Musiker Andrej Hermlin: In Kenia verhaftet
DDP/ Hanseatische Konzertdirektion

Musiker Andrej Hermlin: In Kenia verhaftet

Den Fremden hatte zuvor niemand gesehen, soviel war sicher. Denn an diesen Mann, der mit roter Krawatte und Nadelstreifenanzug durch den Matsch der Hauptstadt watete, hätte man sich erinnert.

Es handelte sich, das stellte sich dann heraus, um Andrej Hermlin, Sohn des ostdeutschen Schriftstellers Stephan Hermlin, Swing-Musiker, ein Exzentriker, der sich gerne in edle Anzüge, die im Stil der dreißiger Jahre gehalten sind, hüllt. Er wollte für die "Super Illu" berichten.

Der 42-jährige Hermlin sitzt seit gestern Abend im kenianischen Gefängnis. Als er versuchte, gemeinsam mit dem freiberuflichen Berliner Fotografen Uwe Hauth, das Land über den Jomo-Kenyatta-Flughafen zu verlassen, wurden sie verhaftet. Fadenscheinige Begründung: Sie seien "terroristischer Umtriebe" verdächtig, in ihrem Gepäck hätten sich "wichtige Unterlagen" befunden.

Kenia verwandelt sich in einen Polizeistaat übelster Prägung. Seit sein falscher Präsident Mwai Kibaki Ende Dezember die Wahlen fälschen liess, kamen rund 1000 Menschen ums Leben. Immer stärker geraten nun ausländische Journalisten ins Fadenkreuz. Sie werden mit Pferden auseinandergejagt, mit Tränengasgranaten beschossen, offen davor gewarnt, durch ihre Berichte Unruhen anzuheizen. Nun wurden die ersten verhaftet: neben den beiden Deutschen noch die holländische Filmemacherin Fleur van Dissel.

Begegnung am Bahnhof Zoo

Hermlin hat enge Bindungen an Kenia. Er ist seit sechs Jahren mit einer Kenianerin, Joyce, verheiratet. 2006 lief den beiden am Berliner Bahnhof Zoo Kenias Oppositionsführer Raila Odinga über den Weg. Joyce erkannte den in ihrer Heimat berühmten Mann. Odinga, der in Magdeburg studiert hatte, war auf dem Weg zu einem Ehemaligentreffen. Die drei freundeten sich an.

Im vergangenen Herbst half Andrej Hermlin Odinga sogar im Wahlkampf und handelte sich deshalb einen Rüffel des deutschen Botschafters ein. Die Kenianer hatten sich über die politische Tätigkeit Hermlins erregt. Laut Hermlin habe der deutsche Botschafter in Nairobi, Walter Lindner, ihn daraufhin gebeten, sich zurückzuhalten.

Hermlin engagiert sich seit langem in Kenia. Dem Dorf Thumaita am Fuss des Mount Kenya, aus dem seine Frau stammt, hat er für 10.000 Euro aus seiner Privatkasse eine Straßenbeleuchtung spendiert. Am Rande einer Pressekonferenz der Opposition fiel Hermlin seinem politischen Freund Raila Odinga vor einigen Tagen mit den Worten "Herr Präsident" um den Hals.

Der Dandy, der sich "hoffnungslos altmodisch" nennt und als Fan von Benny Goodman outet, hat sich in Kenia einen zweiten Wohnsitz eingerichtet, ein Steinhaus im Art-Deco-Stil.

Der Musiker als Reporter

Der Stellvertretende Chefredakteur der "Super Illu", Stefan Kobus, sagte SPIEGEL ONLINE: "Hermlin war sehr bewegt von dem, was er sah, als er während der Wahlen in Kenia war. Er wollte unbedingt zurück nach Nairobi und eine Reportage über die Ereignisse schreiben." Der Berliner "tageszeitung" sagte er noch kurz vor seiner Abreise: "Diesmal möchte ich aktiv werden und die Menschen auf die schrecklichen Ereignisse aufmerksam machen."

Politisches Engagement und Aufklärung sind aber keine Tugend, die im Kenia Mwai Kibakis besonders geschätzt würde. Kritiker werden mundtot gemacht, die Bevölkerung terrorisiert. Die Aktion gegen ausländische Berichterstatter ist womöglich nur ein erster Warnschuss.



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