Festnahme Saif al-Islams: "Wir werden dir nicht wehtun"

Die meistgesuchten Männer Libyens sind gefasst: Ex-Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi sitzt ebenso in Haft wie Saif al-Islam, Lieblingssohn des getöteten Diktators Gaddafi. Bei seiner Festnahme in der Wüste war von seiner einstigen Großspurigkeit laut den Häschern nichts mehr zu spüren.

Gaddafis Schergen: Diktatorensohn und Folterchef gefasst Fotos
REUTERS

Tripolis/Hamburg - Nach Saif al-Islam al-Gaddafi, dem Lieblingssohn des Diktators, ist den Häschern nun auch Gaddafis Ex-Geheimdienstchef ins Netz gegangen: Abdullah al-Senussi sei im Süden des Landes gestellt worden, teilte ein ranghoher Vertreter des Übergangsrates am Sonntag mit. Auch der libysche Fernsehsender "al-Ahrar" meldete die Festnahme. Senussi sei nahe der Stadt Sabah im Haus seiner Schwester aufgegriffen worden.

Gegen den Vertrauten Muammar al-Gaddafis liegt ein internationaler Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Senussi wird vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ebenso gesucht wie der in der Nacht zu Samstag gefasste Gaddafi-Sohn Saif al-Islam. Beiden wird vorgeworfen, den Sicherheitskräften ihres Landes den Auftrag zu Morden, Verfolgung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten und gezielte Massenvergewaltigungen, erteilt zu haben.

Im Falle eines Schuldspruchs in Den Haag droht als Höchststrafe lebenslange Haft, bei einem Verfahren in Libyen sogar die Todesstrafe. Mehrere Vertreter des libyschen Übergangsrates hatten am Wochenende betont, dem Diktatorenspross solle auf jeden Fall in Libyen der Prozess gemacht werden. Regierungschef Abdel Rahim al-Kib sagte dazu, das libysche Volk habe das Recht, Saif al-Islam im eigenen Land vor Gericht zu stellen.

Saif al-Islam wurde nach seiner Ergreifung mit einer Antonow-Transportmaschine in die Stadt Zintan südlich von Tripolis geflogen. Nach der Landung sei das Flugzeug schnell von einer Menschenmenge umringt gewesen, die Männer bejubelten die Festnahme des Gaddafi-Sohnes und gaben Gewehrsalven ab. "Ich bleibe hier drin", soll Saif al-Islam laut Nachrichtenagentur Reuters zu seinen Begleitern gesagt haben, "sowie ich die Maschine verlasse, feuern die ihre Gewehre auf mich ab."

Einige der Männer aus der Menge seien auf die Tragflächen gestiegen, die Fenster der Antonow seien zu Gaddafis Schutz verhüllt worden. "Wenn ich gewusst hätte, was hier passiert, hätte ich meinen Kopf durch das Fenster gerammt", zitiert Reuters den Gefangenen.

Wenige Stunden zuvor war Gaddafi in der Wüste von einer Gruppe aus 15 Kämpfern gestellt worden. "Am Anfang hatte er große Angst, dass wir ihn umbringen", zitiert Reuters einen der Kämpfer namens Ahmed Ammar. "Aber wir haben ihn freundlich angesprochen und gesagt: 'Wir werden dir nicht wehtun'". Daraufhin habe sich der Gefangene deutlich entspannt.

Saif al-Islam hatte lange Zeit als das liberale Gesicht des Despotenclans gegolten - smart, eloquent, weltmännisch. Nach dem Umsturz in Libyen trat er allerdings als Scharfmacher auf. Zuletzt verkündete er Ende August, kurz nach der Eroberung von Tripolis durch die Rebellen, mitten in der Nacht vor einem internationalen Hotel erstaunten Journalisten den Sieg des Gaddafi-Regimes. Mit kahl rasiertem Schädel und gestutztem Vollbart wetterte er damals gegen die Oppositionskräfte und die Luftangriffe der Nato

Gaddafi war offenbar unterwegs Richtung Niger

Libyens Übergangsregierung versicherte, Saif al-Islam und alle mit ihm festgenommenen Personen sollten einen fairen Prozess erhalten. Den Haags Chefankläger Luis Moreno-Ocampo will in der kommenden Woche nach Libyen reisen, um vor Ort das weitere Vorgehen mit der libyschen Regierung zu besprechen und zu klären, wo und wie der Prozess stattfinden soll. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashtonforderte Libyen zur Zusammenarbeit mit dem Internationalen Strafgerichtshof auf.

Islam war am frühen Samstagmorgen gegen 1.30 Uhr ebenfalls im Südwesten des Landes in der Region Wadi al-Adschal gefasst worden, teilte der Anführer der militärischen Gruppierung mit, die den Gaddafi-Sohn stellte. Er soll mit fünf Begleitern in einem Konvoi aus zwei Fahrzeugen unterwegs in Richtung der Grenze zum Niger gewesen sein, berichtete ein an der Festnahme beteiligter Kämpfer. Die Männer seien bewaffnet gewesen, hätten aber keine Zeit gehabt, sich zu wehren. Gaddafis Fluchtroute soll ein Begleiter verraten haben.

"Er wurde mit zwei Helfern in der Gegend von al-Ubari im Süden Libyens verhaftet", sagte der Militärkommandeur Baschir al-Tuleib auf einer Pressekonferenz in Tripolis. Das libysche Fernsehen zeigte Saif al-Islam kurz nach seiner Festnahme in einem Beweisvideo lebend. Nach Angaben des Senders al-Ahrar wurde die Szene mit einem Mobiltelefon aufgenommen. Zu sehen war der zweitälteste Diktatorensohn in Decken gehüllt auf einer Couch. Die Finger seiner rechten Hand sind bandagiert.

Mit Hupkonzerten, Schüssen in die Luft und "Gott ist groß"-Rufen hatten die Menschen in mehreren Städten des Landes am Sonntag die Nachricht von der Festnahme Saif al-Islamsgefeiert. Er ist der zweitälteste und bekannteste Sohn des Ex-Dktators Gaddafi und wurde immer wieder als dessen Nachfolger gehandelt.

Im Verlauf der Gefechte zwischen Aufständischen und Nato-Truppen und den Anhängern seines Vaters schlug er allerdings zunehmend unversöhnliche Töne an. Den Rebellen drohte er unter anderem, wenn der Aufstand niedergeschlagen sei, würden Ströme von Blut durch Libyen fließen. Nach der Eroberung von Tripolis durch die Aufständischen Ende August war er untergetaucht.

cht/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schön
hanspeter.b 20.11.2011
Zitat von sysopDie meistgesuchten Männer Libyens sind gefasst: Ex-Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi sitzt ebenso in Haft wie Saif al-Islam, Lieblingssohn des getöteten Diktators Gaddafi.*Bei*seiner Festnahme in der Wüste war von seiner einstigen Großspurigkeit laut den Häschern nichts mehr zu spüren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798881,00.html
Gut dass nun die letzten hochrangigen Vertreter des alten Regimes gefasst sind und keinen Bürgerkrieg mehr anzetteln können. Nun kann das Land endlich zur Ruhe kommen. Die Zeiten der Gaddafis sind endgültig vorbei.
2. Saif
jupiter999 20.11.2011
Ich wette das daß "Schwert des Islam" jetzt deutlich lieber nach Den Haag ausgeliefert werden wollen würde. Dort würde ihn nichts weiter als eine warme ,behagliche und gut ausgestattete Gefängnisszelle sowie ein langwieriger Prozess mit Urteil bei dem er nicht um sein Leben bangen muss erwarten. Was ihn jetzt stattdessen erwartet dürfte deutlich unangenehmer sein und übler für ihn enden.
3. Schergen unter sich
Werner_Missal 20.11.2011
Zitat von sysopDie meistgesuchten Männer Libyens sind gefasst: Ex-Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi sitzt ebenso in Haft wie Saif al-Islam, Lieblingssohn des getöteten Diktators Gaddafi.*Bei*seiner Festnahme in der Wüste war von seiner einstigen Großspurigkeit laut den Häschern nichts mehr zu spüren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798881,00.html
Na dann kann es ja jetzt auch hier losgehen. Gepflegte Rache unter dem Deckmantel der Rechtsstaatlichkeit. Ausgeführt von Schergen, die keinen Deut besser sind als die "Alten". Möchte nicht wissen, wiebiel tausend Tote jetzt unter den Tisch gekehrt werden, die bestialisch umgebracht wurden, weil sie die gleiche Luft atmeten wie Gadafi. Warum auch? Er hätte wahrscheinlich gut daran getan, sich gleich eine Kugel durch den Kopf zu hauen.
4. --
zukunft007 20.11.2011
Zitat von hanspeter.bGut dass nun die letzten hochrangigen Vertreter des alten Regimes gefasst sind und keinen Bürgerkrieg mehr anzetteln können. Nun kann das Land endlich zur Ruhe kommen. Die Zeiten der Gaddafis sind endgültig vorbei.
ich wusste noch garnicht,daß Jalil,der ehemalige Justizminister,der die Todesurteile unterschrieben hat,festgesetzt wurde. http://de.ibtimes.com/articles/24879/20111103/libyen-die-dunkle-seite-des-mustafa-abdul-jalil.htm Wissen Sie da mehr?
5. Träumen Sie weiter
werauchimmer 20.11.2011
Zitat von hanspeter.bGut dass nun die letzten hochrangigen Vertreter des alten Regimes gefasst sind und keinen Bürgerkrieg mehr anzetteln können. Nun kann das Land endlich zur Ruhe kommen. Die Zeiten der Gaddafis sind endgültig vorbei.
"Das Land" ist sowieso immer ganz ruhig. Unruhig sind die Menschen, Gaddafis Anhänger und ihre Gegner, die von der NATO unterstützten Islamisten. Ist es nicht seltsam, dass jener Kampfpilot, der den "Militärkonvoi" aus mutmaßlich zwei lächerlichen Fahrzeugen, mit denen Gaddafi aus Sirte fliehen wollte, zerstört hat (natürlich streng in Übereinstimmung mit dem UN-Mandat zum Schutze der Zivilbevölkerung) bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist? Wundert sich niemand darüber, dass es weder über diesen Mord noch über die anderen Vorgänge in den letzten Stunden des Diktators Bilder gibt? Ist es völlig ausgeschlossen, dass die NATO an Kriegsverbrechen beteiligt war? Spielten die Pläne Gaddafis über einen einzigartigen nordafrikanischen Golddinar als Gegenwährung gegen den Dollar in diesem Feldzug wirklich keine Rolle? Und vor allem - mit Ihrem Blick auf die Menschen in Libyen - ist unter Al Kaida und Konsorten wirklich zu erwarten, dass das Land zur Ruhe kommt? Immerhin gab es da kostenlose Krankenhäuser und Schulen, kaum Analphabetismus, billige Wohnungen und Lebensmittel. Gibt es das unter den "Rebellen" auch? Da ist meiner Ansicht nach der Beelzebub mit dem Teufel ausgetrieben worden, damit keine nordafrikanische Geldwirtschaftsmacht entsteht. Also ob es wichtig wäre, was mit Gaddafis Sohn geschieht. Der ist nur Futter für die Medien.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Machtwechsel in Libyen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 69 Kommentare

Fotostrecke
Muammar al-Gaddafi: Stationen eines Diktators

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Nuri Ali Abu Sahmain; umstritten

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014; amtierend); umstritten

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Libyen-Reiseseite