Beerdigung von Fidel Castro Strammstehen mit Strohhut

Weinen, knutschen, Cola trinken: Mit einer seltsamen Mischung aus Trauer und karibischer Leichtigkeit haben die Kubaner auf dem Platz der Revolution in Santiago de Cuba Abschied von ihrem "Comandante" genommen.

AP

Aus Santiago de Cuba berichtet


Der alte Krieger ist heimgekehrt. Am Nachmittag stoppte er noch einmal unter dem Balkon am Hauptplatz von Santiago de Cuba, wo er am 1. Januar 1959 den Sieg der Revolution ausgerufen hatte. Er hielt erneut an der Moncada-Kaserne, wo er am 26. Juli 1956 den Angriff auf die Batista-Diktatur gestartet hatte. Die Nacht verbrachte er auf dem Platz der Revolution, wo er später oft am 26. Juli geredet hatte, da war das Datum schon Nationalfeiertag.

Dann, in den ersten Morgenstunden dieses Sonntags, fuhr der Militärjeep mit der Kiste aus Zedernholz, die die Asche Fidel Castros enthielt, auf den Friedhof Santa Ifigenia. In der Nähe seines großen Vorbilds José Martí, dem Vorkämpfer der kubanischen Unabhängigkeit, wurde der kubanische Revolutionsführer im Familienkreis beigesetzt. Journalisten hatten keinen Zugang.

Es wird keine Denkmäler oder Büsten von ihm geben wie von Martí, kein Platz und keine Straße wird nach ihm benannt werden. Sein Bild wird einem auch nicht von Aschenbechern und Rumgläsern entgegenblicken wie das Antlitz seines berühmten Mitstreiters Che Guevara, der weltweit zu einem Markenzeichen der Popkultur geworden ist.

Schutz vor Souvenirjägern

Kein Personenkult, das war Castros letzter Wille, so hat es sein Bruder Raúl bei seiner Abschiedsrede auf der Plaza de la Revolución in Santiago de Cuba verkündet. In Kürze werde die Regierung entsprechende Gesetze erlassen, kündigte Raúl an.

Es ist bezeichnend für diesen Mann, der wie kein anderer die ideologischen Kämpfe und Kriege des 20. Jahrhunderts verkörpert, dass er post mortem vor Souvenirjägern geschützt werden muss - und womöglich auch vor Grabschändern.

Noch in der Stunde seines Todes scheiden sich an Fidel Castro die Geister. Er sei überholt, ein ideologisches Auslaufmodell, ein Diktator, beteuern seine Gegner - vor allem jene, die in ihrer Jugendzeit einmal stramm links waren und aus enttäuschter Liebe die Seite gewechselt haben. Kapitalismus und Demokratie hätten gesiegt, die Geschichte werde Castro nicht freisprechen.

Doch wie kommt es dann, dass auch junge Politiker wie Alexis Tsipras, der jugendlich wirkende Ministerpräsident von Griechenland, nach Havanna eilten, um von Fidel Abschied zu nehmen? Er wurde länger und mit mehr Begeisterung beklatscht als alte Revolutionskämpfer wie Nicaraguas Daniel Ortega.

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Ein Leben in Bildern: Mythos Fidel Castro

Warum schwenken Besucher Flaggen aus Griechenland, Frankreich und Großbritannien auf dem Platz der Revolution in Santiago? Was hat eingefleischte (Sozial)-Demokraten wie Gerhard Schröder und Brasiliens Lula nach Kuba getrieben, um sich von Castro zu verabschieden? Was macht Castro für Kanadas Ministerpräsidenten Justin Trudeau attraktiv, den neuen Star der aufgeklärten Linken?

Rührt der Tod des Alten, der zeitlebens über eine erstaunliche politische Weitsicht verfügte, womöglich an tieferliegende Emotionen und politische Strömungen? Verleiht er in der Stunde seines Todes einem weltweiten Unbehagen an Kapitalismus und Globalisierung Ausdruck, das nicht in Castros 20. Jahrhundert gehört, sondern in Gegenwart und Zukunft?

Mit einer seltsamen Mischung aus Geschichtsschwere und karibischer Leichtigkeit nahmen die Kubaner auf dem Platz der Revolution in Santiago de Cuba am Samstagabend von ihrem "Comandante en Jefe" Abschied. Die Jungen hatten sich "Viva Fidel" auf die Wangen geschmiert, sie saßen auf dem Boden, checkten ihre Smartphones, knutschten und knabberten Chips.

Die Alten, die Revolutionsveteranen und Weggefährten Castros, standen aufrecht in der Menge, viele hatten noch einmal ihre grüne Kampfuniform angezogen, die Brust schwer behängt mit Orden. Sie schwenkten riesige kubanische Fahnen oder standen einfach nur stramm wie Iván Sambo, 76, der mit Fidel und Raúl in der Sierra Maestra kämpfte und später im Angola-Krieg dabei war. "Der Chef hat uns erleuchtet", sagt er.

"Yo soy Fidel"

Am Ende skandierten Jung und Alt gemeinsam "Yo soy Fidel" (Ich bin Fidel). Alle murmelten den Schwur auf die Revolution, der für fremde Ohren wie ein Gebet klingt und für die Kubaner so etwas wie die Zehn Gebote darstellt.

Sie brauchten keine ideologischen Einpeitscher, es musste ihnen nicht befohlen werden. Die meisten Kubaner sind "Fidelistas", nicht "Comunistas". Sie haben keine ideologischen Probleme damit, ihrem "Comandante" zu huldigen und zugleich die "Stars and Stripes" als Hintergrundbild auf ihr Handy zu laden.

"Fidel ist unser aller Vater", sagt der Taxifahrer, der den Besucher zum Hotel bringt. "Er war ein großer Stratege, eine historische Figur." Dann zückt er sein Handy und zeigt eine bissige Videoparodie auf Fidel, die ein Verwandter aus Miami mitgebracht hat.

In Havanna war die Trauerfeier auf dem Platz der Revolution lang und ermüdend, in Santiago sind die Feierlichkeiten kurz und emotional. Als der Jeep mit den sterblichen Überresten Castros zu einer Ehrenbezeigung auf dem Parque Céspedes im Zentrum von Santiago de Cuba hält, regnet es für einige Minuten aus heiterem Himmel - Fidels verstorbener Freund Gabriel García Márquez hätte sich das nicht besser ausdenken können.

Touristen mit Strohhüten mischen sich mit Veteranen der Revolution. Die "5 Helden" sind gekommen, jene fünf Agenten der kubanischen Staatssicherheit, die jahrzehntelang in amerikanischen Gefängnissen einsaßen, weil sie die Aktivitäten der Exilkubaner in Miami ausspioniert hatten - ihre Freilassung war die Vorbedingung für die politische Annäherung zwischen Washington und Havanna. Jetzt machen sie Selfies mit den Touristen.

Hinter dem Jeep mit Castros sterblichen Überresten erhebt sich neben einem Adidas-Shop die Kathedrale, sie ist mit einer riesigen Weihnachtskrippe geschmückt. Seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II., mit dem sich Fidel trefflich verstand, dürfen die Kubaner wieder Weihnachten feiern.

"Wir vergessen die Geschichte nicht"

Vor der Kirche sitzen zwei Afrokubanerinnen, sie waren als Ärztinnen in Venezuela im Einsatz. Glauben sie, dass die Annäherung an die USA weitergeht? "Als Obama hier war, hat er gesagt, wir sollen die Geschichte vergessen und nach vorne sehen", sagt eine der beiden. "Aber wir vergessen die Geschichte nicht".

Als Ronald Reagan starb, kondolierte die kubanische Regierung ihrem einstigen Erzfeind. Donald Trump dagegen beschimpfte Fidel Castro am Tag nach dessen Tod als ruchlosen Diktator, das hat viele Kubaner empört. "Selbst im Tod schafft es Fidel noch, dass seine Feinde schlecht aussehen", meint Gerardo Hernández, einer der "5 Helden".

Jetzt blicken alle auf Raúl. Als Kubas Präsident auf dem Platz der Revolution spricht, spürt man das Gewicht, das auf seinen Schultern lastet. Seine Stimme ist schwer und heiser, zwischen den Sätzen macht er lange Pausen.

Er hat diese Rolle nicht angestrebt; Fidel hatte sie ihm zugewiesen, als er vor zehn Jahren schwer erkrankte. Alle Jüngeren, die er als potentielle Nachfolger vorgesehen hatte, waren bei ihm in Ungnade gefallen.

Raúl fehlt das Charisma, das Fidel ausgezeichnet hat, aber er ist in seine Rolle als neuer Führer der kubanischen Revolution hineingewachsen. Er baut auf Militär und Partei, um die Herrschaft auch über seinen geplanten Rücktritt vom Präsidentenamt in zwei Jahren hinaus zu sichern.

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Beerdigung von Fidel Castro: Hasta Siempre, Comandante

In seiner Abschiedsrede an seinen Bruder lässt er noch einmal die Stationen eines Kriegerlebens Revue passieren. Er würdigt den Sieg über den Analphabetismus, erinnerte an Kubas Engagement in Afrika, wo Fidel Castro Pate stand bei der Unabhängigkeit Namibias und Havanna zum Sturz des Apartheidregimes in Südafrika beitrug.

Dann kommt er auf den Zusammenbruch der Sowjetunion zu sprechen, den Fidel vorausgesehen habe. Er erinnert an die sogenannte "Sonderperiode" in den neunziger Jahren, als in Kuba die Wirtschaft zusammenbrach und bis zu acht Stunden täglich der Strom ausfiel. "Wir werden alle neuen Herausforderungen besiegen", sagt er. So bereitet er die Kubaner darauf vor, dass ihnen schwere Zeiten ins Haus stehen.

Der Sieg Trumps, die Rechtswende in Südamerika und die schwere Wirtschaftskrise in Venezuela werden Kuba zusetzen, und jetzt ist kein Fidel mehr da wie in den Neunzigern. Als sich damals am Malecón die Unzufriedenen sammelten und gegen die Mangelwirtschaft protestierten, fuhr der Comandante einfach im offenen Auto hin und sprach mit den Leuten. Seine pure Präsenz verhinderte, dass sich die Proteste auswuchsen.

Viele weinen, als Raúl am Ende seiner Rede in Santiago "Es lebe die Revolution!" ins Mikrofon ruft. Doch als die Leute nach Hause strömen, ist die Stimmung gelöst. Die Jungen sind in ihre Handys vertieft, die Alten schwatzen.

Eine alte Dame am Wegesrand reckt einen Reisigbesen in die Luft - eine letzte Ehrerbietung an den Comandante. Dann zieht sie mit ihren Kolleginnen auf den Platz, um die leeren Chipstüten und Coladosen zusammenzufegen.

SPIEGEL BIOGRAFIE 3/2016
insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
kabayashi 04.12.2016
1. Weinen, Knutschen, Cola trinken
Meine Güte, an sprachlich geschliffener Virtuosität sind die Spiegel-Artikel ja kaum noch zu überbieten.
WiderstandsgewächsII 04.12.2016
2. das für mich Größte ist,
die Vorrausschau,Gesetze zu erlassen, die Personenkult verbieten, wie wäre europa geholfen, gäbe es gleiches hier!!!!
brooklyner 04.12.2016
3.
Zitat von WiderstandsgewächsIIdie Vorrausschau,Gesetze zu erlassen, die Personenkult verbieten, wie wäre europa geholfen, gäbe es gleiches hier!!!!
Also das gibt es doch allenfalls in Weißrussland, oder was meinen Sie?
panzerknacker 51 04.12.2016
4. Fotostrecke
Was hat eigentlich zu diesem Anlass in der Fotostrecke Werbung zu suchen?
philosophus 04.12.2016
5. Comandante Máximo...
Sie schreiben "Weinen, knutschen, Cola trinken: Mit einer seltsamen Mischung aus Trauer und karibischer Leichtigkeit haben die Kubaner auf dem Platz der Revolution in Santiago de Cuba Abschied von ihrem "Comandante" genommen."---- Ich erkenne in Ihrem Artikel auch, eine seltsame Mischung aus Bewunderung und Verachtung. Ratlosigkeit und Wortgeizigkeit. Sagen Sie es ruhig, man kann politisch gestimmt sein wie man will: der Mann war einer der ganz Grossen des 21. Jahrhunderts. Wer sonst auf der Welt hat sich immer für das Ideal eingesetzt, dass "die Armen das Recht auf ein Leben in Würde haben". In der kubanischen Hauptstadt Havanna haben Hunderttausende Menschen Abschied von ihrem "Comandante Máximo" genommen, spontan. Diktatoren habe ich anders in Erinnerung. "Comandante Máximo" wurde von seinem Volk ehrlich geliebt. Er hat das Land mit 95% analphabeten übernommen und mit 2% analphabeten "verlassen". Eine RIESIGE Leistung. Ranghohe Politiker und Staatschefs aus verschiedenen Ländern nahmen an der Massenkundgebung auch teil. Hoffentlich haben sie von der "Farbe" Fidels etwas abbekommen. Er war nicht Perfekt aber ganz sicher: Einer der ganz Grossen ist gestorben...
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