Fidel Castro wird 90 Noch immer der Comandante

Fidel Castro wird an diesem Samstag 90 Jahre alt. Der Übervater der Revolution regiert zwar nicht mehr. Aber er wacht noch immer im Hintergrund über den Kurs Kubas.

Plakat mit Fidel (l.) und Raúl Castro
AFP

Plakat mit Fidel (l.) und Raúl Castro

Von , Rio de Janeiro


Man hätte diesen Tag ja beinahe vergessen, wäre da nicht dieser ungewohnte Glückwunschmarathon. Kubas Staatsmedien lobpreisen das Geburtstagskind, drucken seine Reden nach und wiederholen historische Interviews. Auf Plakatwänden im ganzen Land ist der Mann, den es zu feiern gilt, in allen Etappen des Lebens zu sehen: Fidel Castro als bartloser Student, als bärtiger Revolutionär, als greiser Grübler. Und junge Kubaner haben eine App für Mobiltelefone entwickelt, in der man seine wichtigsten Sätze nachlesen kann.

"Fidel entre nosotros", "Fidel ist unter uns", lautet das offizielle Motto für den 90. Geburtstag am Samstag. Die Botschaft dahinter ist klar: Der große Bruder ist zwar schon sehr alt und seit zehn Jahren auf dem Altenteil. Aber er ist noch immer da und hält die Augen offen.

90 Jahre sind ein beachtliches Alter für jeden, aber besonders für den Berufsrevolutionär Castro, der behauptet, 638 Attentate und Mordversuche überlebt zu haben. Tatsächlich haben der US-Geheimdienst CIA, die Exil-Kubaner und die Mafia Castro mal mit explodierenden Zigarren, mal mit Giftpfeilen und Dolchen, mal mit Handgranaten, Feuerwaffen, vergifteten Kugelschreibern oder mit gedungenen Geliebten zur Strecke zu bringen versucht. "Ich habe ein echtes Problem. Wenn ich eines Tages tot bin, wird es mir niemand glauben", sagte er einmal.

Ruhestand nach fast einem halben Jahrhundert an der Spitze

Dabei hätte ihn beinahe eine bis heute mysteriöse Darmerkrankung das Leben gekostet. Letztlich zwang sie ihn am 31. Juli 2006 nur in den Ruhestand. Immerhin war Castro da auch schon beinahe 80 Jahre alt und hatte die Geschichte und Geschicke der Insel schon fast 48 Jahre bestimmt.

Zur Erinnerung: Als der 32-jährige Castro mit seinen bärtigen Guerilleros Anfang Januar 1959 in Havanna einmarschiert und Diktator Fulgencio Batista vertreibt, regiert in Deutschland noch Konrad Adenauer, ist Brasilien gerade zum ersten Mal Fußballweltmeister geworden. Und in Lateinamerika sind fast überall die Eliten an der Macht und scheren sich nicht um die großen sozialen Ungleichheiten.

Castro war nicht nur Übervater der Revolution, Marathonredner, Intellektueller, Autokrat und Figur der Zeitgeschichte. Castro war und ist auch ein Detailbesessener. Er entschied auf seiner kommunistischen Insel nicht nur darüber, welcher chinesische Reiskochtopf angeschafft wird, sondern auch, welche Dissidenten in den Knast mussten.

SPIEGEL BIOGRAFIE 3/2016

Seit Castro, der Ältere, weg ist, regiert Castro, der Jüngere. Fünf Jahre trennen die ungleichen Brüder. Raúl hat auf dem letzten kommunistischen Posten der westlichen Welt in den vergangenen zehn Jahren so viel Veränderungen angestoßen wie Fidel in den fast 50 Jahren zuvor nicht. Castro II. hat seit jenem Sommer 2006 nahezu jeden Bereich reformiert, der bis dahin tabu war: Die Kubaner dürfen nun Mobiltelefone besitzen, in Hotels schlafen, Häuser und Autos kaufen und verkaufen, auch reisen dürfen sie nun endlich. Der Staat hat allmählich das Informationsmonopol aufgegeben, indem er das Internet nun auch auf der Insel zugelassen hat. Neben öffentlichen Hotspots sollen bald sogar daheim die ersten privaten Haushalte an das Netz angeschlossen werden. Und Raúl Castro hat die über Jahrzehnte sorgsam gepflegte Feindschaft zu den USA beendet. Kuba ist dabei, ein ganz normales Land zu werden.

Die wichtigsten Reformen sind jedoch ökonomischer Natur: Der Staat verzichtet auch in der Wirtschaft auf sein Monopol, hat elf Prozent der Staatsbediensteten entlassen. Hunderttausende Menschen haben sich selbstständig gemacht. Selbst US-Unternehmen dürfen jetzt auf der Insel investieren. Staatschefs und Minister aus der ganzen Welt reisen nach Havanna, weil ihre Länder von der Öffnung profitieren wollen.

Die kubanische Wirtschaft liegt aber gerade mal wieder am Boden, nachdem Venezuela, der Haupthandelspartner und Verbündete, die Öllieferungen zum Vorzugspreis drastisch reduziert hat. In diesem Sommer wurden erstmals seit vielen Jahren wieder Benzin und Strom auf Kuba rationiert.

Bilder des Comandante

Trotz aller Widrigkeiten hat das System Kuba, das so sehr ein System Castro ist, erstaunliches Überlebenstalent bewiesen. Castro I. und Castro II. managen die Misere der Insel gemeinsam: Raúl, der Pragmatiker, und Fidel, der Ideologe und Revolutionswächter. Der eine entscheidet und reformiert, der andere schreibt aus dem Hintergrund Besinnungsaufsätze, wettert, mahnt und sorgt als kommunistisches Korrektiv dafür, dass die Karibikinsel Kuba ideologisch nicht zu sehr ins Meer des Kapitalismus abdriftet.

Wie viel Fidel im Hintergrund von dem stoppt oder kritisiert, was sein Bruder verändert, kann man nur mutmaßen. Aber insbesondere die Annäherung an den Lieblingsfeind in Washington hat Fidel sehr missfallen. Ende März, als Bruder Raúl US-Präsident Barack Obama auf der Insel empfangen hatte, reagierte Fidel mit Spott und Kritik. Auch bei seinem überraschenden Auftritt auf dem Parteikongress der KP Mitte April bewies Castro I., dass er der Orthodoxie treu bleibt. In der schon bekannten Adidas-Trainingsjacke und mit Karohemd, körperlich schwach, aber im Kopf wach, mahnte er: "Unseren Brüdern in Lateinamerika und der Welt sei gesagt: Das kubanische Volk wird siegen."

Was immer das heißen mag, in einer Zeit, in der nichts steter ist als die Veränderung - gerade auch auf Kuba. Trotz aller Reformen und wirtschaftlichen Freiheiten sucht das Volk zu Zehntausenden das Weite. Das Ziel ist die USA, entweder zu Wasser direkt über die Florida-Straße oder zu Land über Süd- und Zentralamerika. Der Fluchtinstinkt wird absurderweise gespeist von der Annäherung an die USA und der Angst, Washington könnte die von Havanna kritisierte Vorzugsbehandlung kubanischer Migranten stoppen, die jedem Kubaner ein Bleiberecht zusichert, der trockenen Fußes US-Territorium erreicht.


insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
mijaps 13.08.2016
1. Foto ???
Raul Castro hat die Führerschaft im Regime von seinem vor zig Jahren verstorbenen Bruder Fidel geerbt. Ab und zu führen sie seitdem den extra angeschafften Doppelgänger herum. Keine Nahaufnahme, keine Profil-Aufnahme. Keine Sprachaufnahme. Alles ein einziger großer Schwindel - das Regime hat immer recht...
a.peanuts 13.08.2016
2. Schade
dass Fidel das Einläuten des Niedergangs Cubas jetzt noch erleben muss. Die Amis werden Cuba durch Ihre Spezial Anwälte und undurchschaubare Verträge, für Peanuts abgezogt.
Art. 5 13.08.2016
3. Immer noch fidel
Zitat von mijapsRaul Castro hat die Führerschaft im Regime von seinem vor zig Jahren verstorbenen Bruder Fidel geerbt. Ab und zu führen sie seitdem den extra angeschafften Doppelgänger herum. Keine Nahaufnahme, keine Profil-Aufnahme. Keine Sprachaufnahme. Alles ein einziger großer Schwindel - das Regime hat immer recht...
Nein, Rauls großer Bruder ist immer noch fidel. Gestern zeigte CNN neue bewegte Bilder von ihm, wo er noch viel älter aussieht als vorher.
Katzenkönig 13.08.2016
4.
Zitat von mijapsRaul Castro hat die Führerschaft im Regime von seinem vor zig Jahren verstorbenen Bruder Fidel geerbt. Ab und zu führen sie seitdem den extra angeschafften Doppelgänger herum. Keine Nahaufnahme, keine Profil-Aufnahme. Keine Sprachaufnahme. Alles ein einziger großer Schwindel - das Regime hat immer recht...
Naja, zu schwindeln, hintergehen und zu betrügen, ist ja kein Vorrecht des kapitalistischen Systems, sondern wird über alle politischen Schwellen hinweg ganz völkerverbindend von allen Regierungen weltweit praktiziert... Ob Fidel irgendwo mumifiziert im Keller des Präsidentenpalastes in Havana herumliegt, - oder nicht, sei mal dahingestellt. Gruß KK
samothrake.von.nike 13.08.2016
5.
@mijabs: Quatsch. Neulich hat er doch noch vor der Versammlung eine rede gehalten... im Adidas Jogging Anzug, den trägt er im Alter gern. :-D Im Übrigen waren wir im Mai diesen Jahres auf Kuba und waren überrascht, wie teuer alles für Touristen war. Mittagessen für 8 USD waren fast normal. Das liegt an den vielen amerikanischen Touris, die nie über Preise diskutieren (wie uns gesagt wurde). In einer Hotelbar kamen wir dann ins Gespräch mit ein älteren Mann aus Chicago, der dort eine kleinere Hamburgerkette hat und in Havanna auf der Suche nach business opportunities war. So nett dieser Mann auch war, so sehr hoffe ich trotzdem, dass nichts daraus wird und Kuba kein auf Amis zugeschnittenes Fastfoodland wird. Alle, die in der touristenbranche arbeiten, machen gerade mega Kohle, aber fährt man 100km in die Pampa hinaus, benutzen alle Pferde- und Ochsenkarren.. mal sehen, was draus wird.
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