Finale Klimaverhandlungen: Jahrhundertpoker um unsere Zukunft

Aus Kopenhagen berichtet Christian Schwägerl

Die Staats- und Regierungschefs feilschen um das Klimaabkommen - dieses Papier entscheidet, wie die Welt in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird. SPIEGEL ONLINE analysiert, was in den verbleibenden Stunden passieren muss, damit Kopenhagen nicht als Fiasko in die Geschichte eingeht.

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Klimakonferenz: Countdown in Kopenhagen
"Scheitern ist keine Option" - das sagten vor dem Weltklimagipfel nicht nur Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sondern auch viele der 120 Staats- und Regierungschefs, die nun aus allen Himmelsrichtungen in Kopenhagen zusammengekommen sind. Doch wenige Stunden vor dem offiziellen Ende des Gipfels gibt es erst eine noch sehr brüchige Grundlage für Entscheidungen.

Eigentlich ist der Weltklimagipfel "too big to fail", zu groß um zu scheitern, wie es auf den Fluren des Kopenhagener Konferenzzentrums im Anklang an die Großbanken hieß. Für die Rettung der Banken wurden vor einem Jahr binnen weniger Wochen weit größere Summen aufgebracht als die Ressourcen, mit denen nun eine zivilisatorische Krise abgewendet werden soll. Es wäre eine weltpolitische Katastrophe, wenn es nun nicht gelingen würde, eine ähnliche Kraftanstrengung zu unternehmen, um menschliches Leid, Energieverschwendung, Naturzerstörung und hohe Folgekosten durch einen ungebremsten Klimawandel abzuwenden. Nicht nur das Klimasystem wäre erschüttert, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen und der Staatenlenker, allen voran die des Amerikaners Barack Obama, des Chinesen Wen Jiabao, des Inders Manmohan Singh und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel.

Was müsste in den kommenden Stunden passieren, damit die Kopenhagen-Konferenz nicht als Schwarzes Loch in die Weltgeschichte eingeht, als Symbol für die Unfähigkeit des Menschen, als weltweit dominierende Spezies auch global zu kooperieren, um die Grundlagen seiner Zivilisation zu schützen?

Eine windelweiche politische Abschlusserklärung, in der nur allgemeine Prinzipien enthalten sind, wäre jedenfalls kein Erfolg. Dazu hätte man nicht auf Bali eine bereits hochdramatische Konferenz abhalten und anschließend zwei Jahre intensiv verhandeln müssen. Es geht um ein Ergebnis, das globale Reduktionsziele bis 2020 und bis 2050 festschreibt und auf die verschiedenen Ländergruppen verteilt. Es geht um ein Investitionsprogramm für ärmere Länder in grüne Technologien und Schutzmaßnahmen gegen Wetterextreme, das von anfangs zehn Milliarden Dollar auf mindestens hundert Milliarden Dollar jährlich anwächst. Es geht um einen neuen Finanzmechanismus, der lebenden Wäldern für ihre Dienstleistungen an der Menschheit einen ökonomischen Wert bemisst und so ihrer weiteren Zerstörung entgegenwirkt. Und schließlich geht es um Regeln für eine effektive Überwachung der Ziele und der gigantischen Geldsummen, um Betrug und Missbrauch vorzubeugen.

Entwicklungsländer geben beim Verfahren nach

Doch in der Nacht zum Freitag hat sich ein riesiger Streit darum zugespitzt, in welcher Form solche Ziele festgehalten und verfolgt werden sollen. Nur vordergründig geht es bei dem Ringen, das Spitzenvertreter von 30 führenden Staaten bis zwei Uhr nachts beschäftigt hat und von Unterhändlern bis acht Uhr morgens fortgesetzt wurde, um Verfahrensfragen. Entwicklungs- und Schwellenländer fordern, dass der Hauptbeitrag des Klimaschutzes weiterhin allein von Industrieländern erbracht werden soll.

Das würde das Kyoto-Protokoll von 1997, in dem Reduktionspflichten alleine für die reichen Nationen enthalten sind, zur entscheidenden Grundlage für eine Gipfeleinigung machen. Die Industrieländer wollen dagegen den zweiten Strang der Verhandlungen hervorheben, bei dem es darum geht, Länder wie China und Indien mittelfristig in Reduktionspflichten einzubinden. Dazu wollen sie einen Text formulieren, der über beiden Verhandlungssträngen, dem Kyoto-Strang und dem Langfriststrang, steht. Am späten Vormittag kursierte in den Kopenhagener Fluren nun ein erster Entwurf für einen solchen Text - offenbar geben die Entwicklungsländer beim Verfahren nach. Und die Industrieländer zeigen sich bereit, größere Summen zu mobilisieren.

Doch es muss noch deutlich mehr Bewegung in die festgefahrenen Gespräche kommen. Am ehesten könnte das US-Präsident Barack Obama leisten. Die Chinesen und auch die EU fordern von den USA höhere Zusagen für die CO2-Minderung. Für die Anstrengungen auf amerikanischen Boden sind Obama die Hände gebunden. Über das Waxman-Markey-Gesetz, das die Demokraten in den Kongress eingebracht haben, kann er nicht hinausgehen. Ein möglicher Befreiungsschlag liegt in der Finanzierung von Klimaschutzprojekten im Ausland. Wenn die USA zusätzliche Milliarden etwa in den Waldschutz investieren, könnten sie dafür Reduktionszertifikate angerechnet bekommen. Doch bei seiner Rede vor dem Plenum machte Obama keine neuen Geldzusagen.

Bei China kommt es hauptsächlich darauf an, ob sich das Land dafür öffnet, eine internationale Kontrolle und Inspektion seiner CO2-Emissionen zuzulassen. Das haben China und auch Indien bisher mit Verweis auf die nationale Souveränität abgelehnt. Und schließlich kann die EU handeln. Sie könnte nun in Vorleistung gehen und ihr Angebot, im Fall eines Abschlusses ihr Reduktionsziel von 20 auf 30 Prozent zu erhöhen, einseitig zusagen.

Die Menschheit braucht eine Auktion der besten Lösungen

Der Entwurf für ein Abschlussdokument, den alle im Konferenzzentrum begierig lesen, die ihn in die Hand bekommen, verbreitet Hoffnung, dass der Gipfel nicht komplett scheitert. Er ist das Fundament der Klima- und damit auch der Wirtschaftspolitik der kommenden Jahrzehnte.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind konkrete Eckpunkte des Papiers:

  • Der globale Temperaturanstieg soll zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter nicht überschreiten.
  • Die Staaten verpflichten sich zu einer "energischen Antwort" auf den Klimawandel mit sofortigen verschärften nationalen Maßnahmen und mehr internationaler Kooperation.
  • Ein konkretes Ziel für Einschnitte bis 2020 oder 2050 wird in dem Papier nicht genannt. Es heißt lediglich, dass tiefe Einschnitte bei den weltweiten Emissionen nötig seien. An der Stelle der Zahl für die Treibhausgas-Reduzierung bis zum Jahr 2020 gegenüber den Vergleichsjahren 1990 und 2005 stehen derzeit nur ein X und ein Y.
  • Die Verhandlungen sollen nach dem Gipfel weitergehen und in einem oder mehreren Abkommen nicht später als 2010 münden.
  • Die Entwicklungs- und Schwellenländer stimmen nun doch zu, eine gewisse internationale Überwachung der CO2-Emissionen einzuführen. Allerdings räumt der Entwurf ihnen den Vorrang der wirtschaftlichen Entwicklung und der Armutsbekämpfung gegenüber Klimaschutzmaßnahmen ein.
  • Von 2010 bis 2012 sollen die am wenigsten entwickelten Länder 30 Milliarden Dollar Klimaschutzhilfen bekommen; das Ziel sind 100 Milliarden Dollar jährlich für die Schwellen- und Entwicklungsländer bis 2020. Zur Bereitstellung und Verteilung der Gelder soll ein "Copenhagen Climate Fund" eingerichtet werden. Welche Staaten allerdings wie viel beisteuern, bleibt zunächst offen. In dem Papier heißt es, die Finanzen sollen "aus einer großen Bandbreite von Quellen kommen, sowohl staatlichen als auch privaten, bilateralen und multilateralen, einschließlich alternativer Quellen".

An diesem Dokument hängt es, wie groß der Anreiz für Manager ist, in Klimaschutz zu investieren, wie motiviert Bürgermeister rund um den Globus ihre Städte umweltfreundlicher gestalten, und wie stark die Milliarden ärmeren Menschen vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden können. Das bisschen Papier wird bis tief in die Ozeane und bis hoch hinauf zu den Gletschern wirken und bestimmen, wie die kommenden Jahrzehnte verlaufen werden. Der Klimagipfel von Kopenhagen ist "too big to fail", weil der Planet mit bald neun Milliarden Menschen zu klein ist, die verschwenderische Wirtschaftsweise von heute zu ertragen.

Für die nächsten Gipfel, die es geben muss, um etwa die Ozeane zu schützen und die Artenvielfalt auf der Erde zu bewahren, gibt es aus Kopenhagen schon eine Lektion: Hartes Pokerspiel, wie es vor und während des Gipfels läuft, ist keine gute Verfahrenweise, um zu einem Ergebnis zu kommen. Die Menschheit braucht stattdessen eine Auktion der besten Lösungen, bei der sich die Staaten in ihren Zusagen zu übertreffen versuchen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. Yes we Can
Galaxia 18.12.2009
Anscheinend befindet sich noch einiges im "Spiel". http://solveclimate.com/blog/20091217/crunch-time-copenhagen-super-greenhouse-gases
2. Kopenhagen als Fiasko
amw52 18.12.2009
Zitat von sysopDie Staats- und Regierungschefs feilschen um das Klimaabkommen - dieses Papier entscheidet, wie die Welt in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird. SPIEGEL ONLINEanalysiert, was in den verbleibenden Stunden passieren muss, damit Kopenhagen nicht als Fiasko in die Geschichte eingeht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,667887,00.html
Als Fiasko in die Geschichte eingehen wird auf jeden Fall die Tatsache, daß dümmliche Regierungsvertreter den Manipulationen des IPCC und dessen Unsinn willig weiter verbreitenden Medien auf den Leim gegangen sind. Wohltuend davon abgehoben heute ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger: http://www.ksta.de/html/artikel/1260194936614.shtml
3. Jahrhundertpoker um unsere Zukunft
xguardian 18.12.2009
Nichts wird sich enden es wird ein Umwelt Soli kommen damit der Bürger weiterhin abgespeist wird. Und damit seinen Beitrag zahlt für Schein. Die Lobby selbst macht gar nichts die Umwelt und Tiere ist doch jeden Kapitalisten vollkommen egal. Hauptsache abgezockt und sich nicht für die Verantwortung hinstellen. Was auf uns jedenfalls zukommt ist Massenarmut, Arbeitslosigkeit und weiter sozialer Zusammenbruch und Gesellschaftslosigkeit.
4. Außer Spesen ist nichts gewesen?
Hubert Rudnick 18.12.2009
Zitat von sysopDie Staats- und Regierungschefs feilschen um das Klimaabkommen - dieses Papier entscheidet, wie die Welt in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird. SPIEGEL ONLINEanalysiert, was in den verbleibenden Stunden passieren muss, damit Kopenhagen nicht als Fiasko in die Geschichte eingeht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,667887,00.html
Wird diese hochgeschaukelte Konferenz mit dem Spruch "Außer Spesen nichts gewesen" enden? Noch haben unsere Politiker ja etwas Zeit das Ergebnis zu einem Besseren zu wenden, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Oder könnte es sein, dass nicht alle den Ernst der Klimasituation erkennen wollen, oder können und ist die jetzige Zeit wo sie regieren wichtiger als die katastrophalen Zukunftsaussichten? Oder könnte es auch daran liegen, dass immer nur Katastrophen hochgeschaukelt werden müsssen, um mit anderen Politikern ins Gespräch zu kommen und wollen sich dabei auch nur einige Wichtigtuer profilieren? HR
5. Armut <-> Klima
TheBear 18.12.2009
Es tut richtig weh, wenn man lesen muss: Allerdings räumt der Entwurf ihnen den Vorrang der wirtschaftlichen Entwicklung und der Armutsbekämpfung gegenüber Klimaschutzmaßnahmen ein. Da wird, aus reiner Unfähigkeit Luftverschmutzung gleichgesetzt mit Wirschaftswachstum und Armutsbekämpfung. Dabei könnte man, wenn man sich nicht so am Klima festbeisst, auch noch etwas Anderes tun. Anstatt den armen Ländern, die ja fast ausschliesslich in sonnenreichen Gebieten liegen, unter grossem Jammern Geld in den Rachen zu werfen, damit sie "etwas gegen den CO2 Ausstoss" tun, könnte man in den Industrieländern die Techniker und Ingenieure, die darauf bestehen unverkäufliche Autos zu produzieren, umschulen auf die Herstellung von Geräten, die Sonnenenergie benutzen. In den armen Ländern könnte man vielleicht auch ein paar Leute finden, die anstatt über die bösen Ausbeuter zu schimpfen, diese Geräte installieren. Wenn man tatsächlich jedes Jahr 95 der 100 Milliarden "Klimahilfe" in solche Anlagen investierte, könnte man sich vielleicht weitere Klima Konferenzen sparen. Die restlichen 5 Milliarden sollte man in "Familienberatung" in Afrika und Indien stecken.
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Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa
AP
Jeder Mensch trägt täglich weiter zur Erderwärmung bei - mit Steak-Konsum, Flügen nach Mallorca und der Autofahrt ins Büro. Kennen Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz? Finden Sie es heraus im Klima-Quiz von SPIEGEL ONLINE.

Wer wie viel CO2 reduzieren will
EU
Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.
Russland
Russland will sich dem EU-Ziel von 20 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2020 anschließen. Basisjahr soll 1990 sein. In einem zweiten Schritt könnte die Einsparung sogar auf 25 Prozent erhöht werden. Russlands CO2-Ausstoß ist infolge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Anfang der neunziger Jahre ohnehin massiv zurückgegangen.
USA
Die USA planen bis 2020 eine Verminderung um 17 Prozent, allerdings bezogen auf das Basisjahr 2005. Verglichen mit 1990 bedeutet das nach Berechnungen der Bundesregierung nur ein Minus von rund sechs Prozent. Bis 2025 sollten sie dann um 30 Prozent und bis 2030 um 42 Prozent sinken - jeweils bezogen auf 2005. Ob der Senat - dort wird derzeit über ein Klimaschutzgesetz gestritten - diese Ziele unterstützt ist unklar.
Japan
Das Land hat zugesagt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um mindestens 15 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu reduzieren. Das soll unter anderem durch den Bau neuer Kernkraftwerke geschehen. Umweltschützer kritisieren, dass sich bezogen auf das Basisjahr 1990 nur eine Reduktion um acht oder neun Prozent ergibt - und Japan bereits sechs Prozent Reduktion nach dem Kyoto-Protokoll zugesagt hat.
Brasilien
Brasilien hat größere freiwillige Emissionssenkungen in Aussicht gestellt. Der CO2-Ausstoß soll im Jahr 2020 zwischen 36,1 und 38,9 Prozent niedriger liegen als die bisher prognostizierten Werte. Damit lägen die Emissionen wieder auf dem Niveau von 1994. Gegenüber dem Niveau des Jahres 2005 würde der Schritt einen Rückgang von rund 20 Prozent bedeuten. Etwa ein Viertel der Zielvorgabe soll dadurch erreicht werden, dass erheblich weniger Regenwald abgeholzt wird.
China
Peking will bisher keine bindenden CO2-Reduktionsziele akzeptieren. Als freiwillige Maßnahme will China aber dafür sorgen, dass der Ausstoß an Treibhausgasen in Zukunft nicht mehr ganz so stark zulegt wie das Wirtschaftswachstum des Landes. Die Treibhausgase, die für jeden Yuan Wirtschaftsleistung ausgestoßen werden, sollen demnach bis zum Jahr 2020 um 40 bis 45 Prozent verringert werden. Vergleichsjahr ist 2005.
Indien
Auch Indien hat mehrfach klargemacht, dass sich das Land formalen Reduktionsverpflichtungen definitiv verweigern will.
Australien
Das Land arbeitet seine Reduktionsverpflichtungen derzeit noch aus. Diskutiert werden Vorschläge der Regierung, bis zum Jahr 2020 den CO2-Ausstoß um fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 zu verringern. Wenn andere Staaten sich ebenfalls zu Reduktionen verpflichten, ist ein Minus von 15 Prozent für denselben Zeitraum in Aussicht gestellt.
Der lange Weg zum Klimaschutz
1988
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.
1992
Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase so zu begrenzen, dass "sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Nach Meinung vieler Forscher kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die globale Temperatur nicht stärker als zwei Grad Celsius über den Wert vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt. Eines der Ergebnisse des Gipfels von Rio sind die Unterschriften fast aller Staaten unter die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die zuvor in New York ausgehandelt worden war.
1994
Die Klimarahmenkonvention tritt in Kraft. Rund 190 Staaten haben sie mittlerweile ratifiziert, die USA ist auch dabei.
1997
Das Kyoto-Protokoll wird auf einem Gipfel in der japanischen Stadt verabschiedet. Es gilt als erster konkreter Schritt, um die Ziele der Klimarahmenkonvention umzusetzen. Die Industriestaaten verpflichten sich, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Die Entwicklungsländer erhalten keine Auflagen. Inzwischen haben mehr als 180 Staaten Kyoto ratifiziert - nicht jedoch die USA.
2005
Das Kyoto-Protokoll tritt in Kraft, nachdem zuvor auch Russland den Vertrag gebilligt hat und so die Zahl der nötigen Ratifikationen erreicht ist. Das Abkommen läuft 2012 aus. Um seinen Nachfolger geht es beim Klimagipfel in Kopenhagen.
2007
Der Klimagipfel auf der indonesischen Insel Bali vereinbart einen Fahrplan für ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll. Dieser Fahrplan sieht vor, die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren zu beenden - bis zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Gelungen ist das allerdings nicht, auch nach Kopenhagen werden die internationalen Gespräche weitergehen müssen.
2009
Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wollen sich die Staaten auf ein politisches, aber bindendes Abkommen einigen. Die Kernpunkte sind klar, wie viel von ihnen sich tatsächlich im Text finden wird, werden erst die Verhandlungen zeigen. Die Industriestaaten sollen ihren Treibhausgasausstoß reduzieren und Geld für die Anpassung von Entwicklungsländern an den Klimawandel geben. Die ärmeren Staaten sollen im Gegenzug bestimmte Zusagen geben. In dem Vertrag könnte auch der Schutz der Tropenwälder besonders hervorgehoben werden.