Aus Kopenhagen berichtet Christian Schwägerl
Eigentlich ist der Weltklimagipfel "too big to fail", zu groß um zu scheitern, wie es auf den Fluren des Kopenhagener Konferenzzentrums im Anklang an die Großbanken hieß. Für die Rettung der Banken wurden vor einem Jahr binnen weniger Wochen weit größere Summen aufgebracht als die Ressourcen, mit denen nun eine zivilisatorische Krise abgewendet werden soll. Es wäre eine weltpolitische Katastrophe, wenn es nun nicht gelingen würde, eine ähnliche Kraftanstrengung zu unternehmen, um menschliches Leid, Energieverschwendung, Naturzerstörung und hohe Folgekosten durch einen ungebremsten Klimawandel abzuwenden. Nicht nur das Klimasystem wäre erschüttert, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen und der Staatenlenker, allen voran die des Amerikaners Barack Obama, des Chinesen Wen Jiabao, des Inders Manmohan Singh und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel.
Was müsste in den kommenden Stunden passieren, damit die Kopenhagen-Konferenz nicht als Schwarzes Loch in die Weltgeschichte eingeht, als Symbol für die Unfähigkeit des Menschen, als weltweit dominierende Spezies auch global zu kooperieren, um die Grundlagen seiner Zivilisation zu schützen?
Eine windelweiche politische Abschlusserklärung, in der nur allgemeine Prinzipien enthalten sind, wäre jedenfalls kein Erfolg. Dazu hätte man nicht auf Bali eine bereits hochdramatische Konferenz abhalten und anschließend zwei Jahre intensiv verhandeln müssen. Es geht um ein Ergebnis, das globale Reduktionsziele bis 2020 und bis 2050 festschreibt und auf die verschiedenen Ländergruppen verteilt. Es geht um ein Investitionsprogramm für ärmere Länder in grüne Technologien und Schutzmaßnahmen gegen Wetterextreme, das von anfangs zehn Milliarden Dollar auf mindestens hundert Milliarden Dollar jährlich anwächst. Es geht um einen neuen Finanzmechanismus, der lebenden Wäldern für ihre Dienstleistungen an der Menschheit einen ökonomischen Wert bemisst und so ihrer weiteren Zerstörung entgegenwirkt. Und schließlich geht es um Regeln für eine effektive Überwachung der Ziele und der gigantischen Geldsummen, um Betrug und Missbrauch vorzubeugen.
Entwicklungsländer geben beim Verfahren nach
Doch in der Nacht zum Freitag hat sich ein riesiger Streit darum zugespitzt, in welcher Form solche Ziele festgehalten und verfolgt werden sollen. Nur vordergründig geht es bei dem Ringen, das Spitzenvertreter von 30 führenden Staaten bis zwei Uhr nachts beschäftigt hat und von Unterhändlern bis acht Uhr morgens fortgesetzt wurde, um Verfahrensfragen. Entwicklungs- und Schwellenländer fordern, dass der Hauptbeitrag des Klimaschutzes weiterhin allein von Industrieländern erbracht werden soll.
Das würde das Kyoto-Protokoll von 1997, in dem Reduktionspflichten alleine für die reichen Nationen enthalten sind, zur entscheidenden Grundlage für eine Gipfeleinigung machen. Die Industrieländer wollen dagegen den zweiten Strang der Verhandlungen hervorheben, bei dem es darum geht, Länder wie China und Indien mittelfristig in Reduktionspflichten einzubinden. Dazu wollen sie einen Text formulieren, der über beiden Verhandlungssträngen, dem Kyoto-Strang und dem Langfriststrang, steht. Am späten Vormittag kursierte in den Kopenhagener Fluren nun ein erster Entwurf für einen solchen Text - offenbar geben die Entwicklungsländer beim Verfahren nach. Und die Industrieländer zeigen sich bereit, größere Summen zu mobilisieren.
Doch es muss noch deutlich mehr Bewegung in die festgefahrenen Gespräche kommen. Am ehesten könnte das US-Präsident Barack Obama leisten. Die Chinesen und auch die EU fordern von den USA höhere Zusagen für die CO2-Minderung. Für die Anstrengungen auf amerikanischen Boden sind Obama die Hände gebunden. Über das Waxman-Markey-Gesetz, das die Demokraten in den Kongress eingebracht haben, kann er nicht hinausgehen. Ein möglicher Befreiungsschlag liegt in der Finanzierung von Klimaschutzprojekten im Ausland. Wenn die USA zusätzliche Milliarden etwa in den Waldschutz investieren, könnten sie dafür Reduktionszertifikate angerechnet bekommen. Doch bei seiner Rede vor dem Plenum machte Obama keine neuen Geldzusagen.
Bei China kommt es hauptsächlich darauf an, ob sich das Land dafür öffnet, eine internationale Kontrolle und Inspektion seiner CO2-Emissionen zuzulassen. Das haben China und auch Indien bisher mit Verweis auf die nationale Souveränität abgelehnt. Und schließlich kann die EU handeln. Sie könnte nun in Vorleistung gehen und ihr Angebot, im Fall eines Abschlusses ihr Reduktionsziel von 20 auf 30 Prozent zu erhöhen, einseitig zusagen.
Die Menschheit braucht eine Auktion der besten Lösungen
Der Entwurf für ein Abschlussdokument, den alle im Konferenzzentrum begierig lesen, die ihn in die Hand bekommen, verbreitet Hoffnung, dass der Gipfel nicht komplett scheitert. Er ist das Fundament der Klima- und damit auch der Wirtschaftspolitik der kommenden Jahrzehnte.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind konkrete Eckpunkte des Papiers:
An diesem Dokument hängt es, wie groß der Anreiz für Manager ist, in Klimaschutz zu investieren, wie motiviert Bürgermeister rund um den Globus ihre Städte umweltfreundlicher gestalten, und wie stark die Milliarden ärmeren Menschen vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden können. Das bisschen Papier wird bis tief in die Ozeane und bis hoch hinauf zu den Gletschern wirken und bestimmen, wie die kommenden Jahrzehnte verlaufen werden. Der Klimagipfel von Kopenhagen ist "too big to fail", weil der Planet mit bald neun Milliarden Menschen zu klein ist, die verschwenderische Wirtschaftsweise von heute zu ertragen.
Für die nächsten Gipfel, die es geben muss, um etwa die Ozeane zu schützen und die Artenvielfalt auf der Erde zu bewahren, gibt es aus Kopenhagen schon eine Lektion: Hartes Pokerspiel, wie es vor und während des Gipfels läuft, ist keine gute Verfahrenweise, um zu einem Ergebnis zu kommen. Die Menschheit braucht stattdessen eine Auktion der besten Lösungen, bei der sich die Staaten in ihren Zusagen zu übertreffen versuchen.
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