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Finanzgespräche Rom-Peking: Heute im Sonderangebot - Italien

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Italiens Ministerpräsident Berlusconi ringt mit der Justiz, nebenbei versucht er, sein Land zu sanieren. Im Kampf gegen die übermäßigen Schulden soll nun Peking helfen. Die Chinesen zieren sich allerdings: Sie haben mit Rom schlechte Erfahrungen gemacht. 

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Getty Images

Ministerpräsident Berlusconi: Hoffen auf Peking

Der überraschende Anruf aus dem römischen Regierungszentrum "Palazzo Chigi" kam Ende voriger Woche. Silvio Berlusconi ließ der EU-Führung dringenden Gesprächsbedarf übermitteln. Mit viel Gezerre und Geschiebe fanden sich schließlich die nötigen Zeitfenster in den Terminkalendern von Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Ratspräsident Herman Van Rompuy und Parlamentspräsident Jerzy Buzek.

Den Regierungschef eines großen EU-Landes kann man ja nicht einfach abwimmeln. Der polnische Parlamentsvorsteher Buzek reagierte zwar etwas störrisch und gewährte nur zwei Minuten für einen "privaten Höflichkeitsbesuch". Aber auch das reichte Berlusconi. So konnten dessen Rechtsanwälte der Staatsanwaltschaft in Neapel mitteilen, dass ihr Mandant am Dienstag in wichtigen Staatsangelegenheiten nach Brüssel und Straßburg reisen und leider die für diesen Tag vereinbarte Unterredung absagen müsse.

Natürlich habe er die Reise nicht angesetzt, um den Fragen der Staatsanwälte zu den üblichen undurchsichtigen Sex- und Korruptionsaffären zu entgehen, behauptet Berlusconi. Die maßgeblichen Herren der EU hätten eben nur an diesem Tag Zeit gehabt. Alles Unsinn, sagt Berlusconi.

Hoffnung auf Fernost

Während der regierende Milliardär also wieder einmal eine Rolle in einer Art von Soap-Doku um Geld und Sex spielt, weitet sich die Finanz- und Wirtschaftskrise seines Landes dramatisch aus. Die Aktien italienischer Unternehmen - allen voran der großen Banken - fallen. Die Zinsen, die der römische Finanzminister für die gigantischen Staatsschulden zahlen muss, steigen. Die Wirtschaft lahmt, die Industrieproduktion sinkt. Und jeder weiß, dass das in diesen Tagen vom Parlament verabschiedete Sparprogramm nicht reicht, um der Kreditfalle zu entkommen. So richten sich nun die Hoffnungen auf Hilfe aus Fernost.

Schon Anfang August war Vittorio Grilli, Generaldirektor des Finanzministeriums, auf PR-Tour in Peking, Hongkong und Singapur. Er referierte vor privaten Investoren wie vor den Managern der staatlichen China Investment Corporation. Die verfügt über eine mit mehr als 3000 Milliarden Dollar prallgefüllte Kasse für Einkäufe und Investitionen in aller Welt. Italienische Staatsanleihen seien derzeit hoch verzinst, lockte Grilli, und auf den Sekundärmärkten zudem überaus billig zu haben. Doch die vorsichtigen Asiaten fragten zurück, wieso die europäischen Banken nicht kräftig zulangten, wenn das Geschäft günstig und sicher sei, und warum die Europäische Zentralbank sich so sperre?

Dieses Hemmnis immerhin war vom Tisch, als vorige Woche eine chinesische Delegation auf Erkundungstrip in Italien war. Denn inzwischen hat die EU-Zentralbank römische Anleihen für viele Milliarden Euro übernommen.

Noch schrecken die Chinesen vor Italo-Bonds zurück

Roms Finanzminister Giulio Tremonti persönlich warb für den Großeinkauf italienischer Staatspapiere. Aber noch konnte er die Chinesen offenbar nicht wirklich überzeugen. Sie haben, wenn auch nicht in großem Umfang, zwar griechische, portugiesische und irische Staatsanleihen gekauft. Aber vor den Italo-Bonds schrecken sie zurück. Vielleicht auch deshalb, weil das Verhältnis zwischen Rom und Peking seit Jahren gestört ist. Die Chinesen hätten ihnen, so die Klage der Italiener, mit Dumping-Preis-Artikeln und gefälschten Produkten auf vielen Märkten schwer geschadet und so manchen Betrieb in den Konkurs getrieben. Was die Chinesen natürlich ganz anders sehen und deshalb vor allem über Italiens Finanzminister Tremonti, der zu den lautesten Kritikern gehörte, regelmäßig schwer verärgert waren.

Aber das strittige Thema steht derzeit nicht an. Im Gegenteil, Italiens klamme Finanzverwalter stellen den Asiaten jetzt nicht nur hochverzinste Anleihen, sondern darüber hinaus großzügige "Schnäppchen" in Aussicht.

Staatsbesitz im Wert von 140 Milliarden Euro könnte nämlich auf die Schnelle - also billig - privatisiert werden. So sehen es Planspiele von Fachleuten in der Berlusconi-Partei PdL, Popolo della Libertà (Volk der Freiheit), vor, die die Tageszeitung "Corriere della Sera" enthüllte. Immobilien, Grundstücke, Firmenbeteiligungen - das "Familiensilber des Staates" - sollen in den Ausverkauf gehen. Mit dem Geld könnte die Wirtschaft angekurbelt, das spargeplagte Volk beschenkt werden. Sonst drohe nicht nur eine Rezession, sondern auch der Machtverlust, fürchten die Parteistrategen. Ohne solche Schönheitsoperationen könne das Sparpaket der Regierung "zum politischen Grab für Mitte-Rechts" werden.

Boykottiert Madonna!

Dass der Machterhalt des Regierungschefs und seines Gefolges über allem steht, soll jetzt auch Popstar Madonna lernen. Was sie denn von Berlusconi halte, wurde die 53-Jährige in einem Interview gefragt, als sie in Venedig ihren neuen Film präsentierte. Dazu wolle sie nichts sagen, so die US-Sängerin, das englische Magazin "Economist" habe doch schon alles Nötige geschrieben.

Vermutlich ahnte sie nicht, welche Folgen solche Majestätsbeleidigung in Italien haben kann. Ausgerechnet der "Economist"! Der hatte dem Chef des "Volks der Freiheit" auf dem Titelbild bescheinigt, er sei "ungeeignet Italien zu regieren". Entsprechend wuchtig war die Reaktion der Berlusconi-Truppen. Madonna habe "Millionen von Landsleuten beleidigt", empörte sich Staatssekretärin Daniela Santanchè. Sie hoffe, dass die sich ihren Film nun "ganz allein anschauen" müsse.

Die Dame trete für "homosexuelle Familien" ein, assistierte Staatssekretärskollege Carlo Giovanardi, sie stelle sich damit "gegen unsere Kultur und unsere Verfassung". Ein PdL-Abgeordneter regte an, Madonna-CDs aus den heimischen Regalen zu entfernen. Eine PdL-Abgeordnete verkündete, Madonna habe offenbar einen "kommunistischen Pressesprecher", der sich bei den "kommunistischen Zeitungen" einschmeicheln wolle.

Ganz nebenbei: Während also der Regierungschef in Brüssel und Straßburg parlierte, während die Staatsanwaltschaft über neue Termine für dessen Befragung verhandelte, während die Regierungselite zum Boykott Madonnas aufrief, verkaufte der italienische Staat am Dienstag weitere Schuldtitel über etwa sechs Milliarden Euro. Dafür musste er die höchsten Zinsen seit Einführung des Euro zahlen.

Die Chinesen, sagen Börsianer, waren dabei nicht im Geschäft.

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1. Unfähige Regierung
carmineb 13.09.2011
Einfach schamlos was die italienische Regierung treibt, wobei das Volk schon lange nicht meht hinter ihr steht. Allein Berlusconi ist an Italiens Krise schuld. All dies hätte vermieden werden können, wenn Silvio nicht zu viel Zeit mit seinen Anti-Justizgesetze und Bunga Bungas Party verschwendet. Jetzt müssen die Italiener nur auf einen Wunder hoffen. Denn Silvios Sparpaket sieht nur Kürzung vor aber keine Maßnahmen um die Konjunktur anzukurbeln. Wenn die Staatsausgaben reduziert werden und die Wirtschaft nicht wächst, dann ist eine Rezession unvermeidbar. Schade, schade solch ein schönes Land und so ein wunderbares Volk hat diese Regierung nicht verdient.
2. Was wurde aus den letzten EU Sonderangebot?
capitain_future 13.09.2011
Zitat von sysopItaliens Ministerpräsident Berlusconi*ringt mit der Justiz, nebenbei versucht er sein Land*zu sanieren. Im Kampf gegen die übermäßigen Schulden soll nun Peking helfen. Die Chinesen zieren sich allerdings: Sie haben mit Rom schlechte Erfahrungen gemacht.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786044,00.html
Tja,dass frage ich mich schon wegen den Sonderangebot "Griechenland"? Wo sind eigentlich die restliche Sonderangebot der EU PiGS Staaten geblieben? Wenn hier schon Sonderangebote gemacht werden,sollten auch zahlungskräftige Kunden der ganzen Welt eingeladen werden! Als ob nur China Geld gebunkert hat! Die Versteigerung von Griechenland,läuft ja auch schon ziemlich mies z.b. die viele Bahnhöfe,die Autobahn,die tollen Denkmäler,die Energie oder Telekom Firmen in staatlicher Hand.Oder einiger der hübschen Inseln? Auch sollte es per Fernsehübertragung per Eurovision übertragen werden,damit die Menschen in Europa auch wissen,wer den Kram gekauft hat. Pay per View- und gleichzeitig können dan die neuen Nutzungsgebühren bekannt gegeben werden,damit wir schonmal 20€ Eintritt an Zoll für den Griechenland Urlaub ansparen können. Nebenbei braucht Deutschland bestimmt noch sehr viele Alters und Pflegeheime,sowie REHA und Kur Hotels,sowie Touristmus Hotels ,die wir in Zukunft bestimmt brauchen werden,also reserviert schon mal einige 10.000m2 für sowas!
3. Der Charakter des Kreditnehmers zählt sehr
wibo2 13.09.2011
Die Chinesen mißtrauen den italienischen Bubga-Bunga Politikern mit Recht. Bei den Kriterien Capacity(Zahlungskraft)und Collateral(Sicherheiten) mögen die Italiener noch ganz o.k. sein, aber beim Kriterium Character(Charakter), da überzeugen die Bunga-Bunga Politiker sicher nicht! Konfuzius wäre auch bei einem Deal mit Berlusconi sehr skeptisch. 1. Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen. 2. An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter. 3. Glatte Worte und schmeichelnde Mienen vereinen sich selten mit einem anständigen Charakter. Konfuzius
4. .
cogitoergobum 13.09.2011
Zitat von wibo2Die Chinesen mißtrauen den italienischen Bubga-Bunga Politikern mit Recht. Bei den Kriterien Capacity(Zahlungskraft)und Collateral(Sicherheiten) mögen die Italiener noch ganz o.k. sein, aber beim Kriterium Character(Charakter), da überzeugen die Bunga-Bunga Politiker sicher nicht! Konfuzius wäre auch bei einem Deal mit Berlusconi sehr skeptisch. 1. Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen. 2. An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter. 3. Glatte Worte und schmeichelnde Mienen vereinen sich selten mit einem anständigen Charakter. Konfuzius
Die Chinesen werden nun alles aufkaufen. Zu allererst die Toskana. Alle Deutschen werden dort verjagt und dafür werden Chinesen einziehen. Als zweites wird der Vatikan als Spielcasino umfunktioniert.
5. Chinsen reden viel, aber handel kaum
JohnBlank, 13.09.2011
Die Chinsen haben schon mehrmals in dieser Krise sich als große Retter inziniert. Am Ende waren sie aber keine Retter, für die Eu-Politiker war es jedoch für 1 oder 2 Tage ein Argument, alle Kritiker in die Schranken zu weisen.
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,796 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Sergio Mattarella

Regierungschef: Matteo Renzi

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