Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Ein junger Mann öffnet die Autotür, setzt sich grußlos auf den Beifahrersitz. Der Fahrer reicht ihm einen 50-Euro-Schein. "Fürs Tanken" sagt er. "Prima", antwortet der junge Mann und steckt den Schein in die Jackentasche. Alles in Großaufnahme auf einem Video, aber eigentlich ziemlich langweilig.
Tatsächlich hat die Szene gleich fünf Staatsanwaltschaften in Italien aufgeschreckt, einen Parteivorsitzenden zum Rücktritt gezwungen, andere Führungspersonen ins Zwielicht gerückt und der Öffentlichkeit ein weiteres Beispiel für die hemmungslose Selbstbedienungsmentalität italienischer Politiker geliefert.
Diesmal betrifft es die Lega Nord, eine rechtspopulistische Partei, die in manchen Regionen Norditaliens 20, 30 Prozent der Wählerstimmen holt. Angetreten, um die "fleißigen Norditaliener" gegen "die korrupten Politiker in Rom" zu schützen, steckt sie jetzt selbst tief im Sumpf.
Freunde und Familie des Parteichefs und -gründers Umberto Bossi - so vermutet die Justiz - hätten sich jahrelang aus der mit Steuergeld prall gefüllten Parteikasse bedient. Sogar von Geldwäsche für die Mafia ist die Rede. Bossi, Familie und Freunde weisen das alles mit Empörung zurück. Doch fast jeden Tag tritt ein verdientes Parteimitglied zurück, und es werden neue unglaubliche Details aus dem Innenleben der Lega Nord publik. Auch Bossi selbst hat hingeschmissen. Nach Silvio Berlusconi tritt damit der zweite ebenso charismatische wie umstrittene Spitzenpolitiker ab, der das Land seit über zwei Jahrzehnten mit prägte.
Richtig ins Rollen kam der schon vorher angetuschelte Skandal durch die banale Szene im Auto. Aufgenommen von einer versteckten Kamera, wiederholen sich ähnliche Vorgänge auf weiteren Videos. Stets reicht der Fahrer dem jungen Mann Bargeld. Fürs Benzin, für Bußgeldbescheide, fürs Essen mit Freunden. Der Empfänger murmelt ein mürrisches "Okay" oder "gut" und steckt das Geld weg. Das Brisante: Die Scheine stammen aus der Parteikasse der Lega Nord, und der Empfänger ist der Sohn des Partei-Gründers und -Chefs Umberto Bossi. "Ich war der Geldautomat von Renzo Bossi", sagt der Fahrer.
Regelmäßig habe er das Geld beim Schatzmeister abgeholt und dafür Quittungen von der Tankstelle oder vom Restaurant hinterlegt, die ihm der Bossi-Sohn gegeben hatte. Um zu beweisen, dass er die Scheine auch wirklich abgeliefert hat, drehte der Fahrer die Videos. Dumm für Renzo Bossi und seine Familie, dass die Filme erst bei einer Illustrierten und dann bei der Staatsanwaltschaft landeten. Noch blöder, dass die neugierig gewordene Justiz beim Schatzmeister der Partei auf eine Mappe mit der Aufschrift "The Family" stieß.
Darin stehen noch ganz andere Beträge.
Abitur für die Forelle
So soll für Renzo in London für 130.000 Euro ein Abitur-Ersatz "gekauft" worden sein, nachdem der Bossi-Sohn daheim dreimal durch die Prüfung gerasselt war. Dafür profilierte er sich mit einem Computerspiel, in dem man auf illegale Einwanderer schießen darf. Das kam in Lega-Kreisen gut an. Vor zwei Jahren durfte Renzo, da war er gerade 21, für Papas Partei im Regionalparlament sitzen. Rund 10.000 Euro bekam er monatlich dafür.
Weil das für seine Vorstellung vom Leben wohl nicht langte, mussten Reisen, Feiern, selbst das alltägliche Autofahren eben aus der Parteikasse bezahlt werden. Der Papa wusste nichts davon, sagt er. Aber gewisse Zweifel am intellektuellen Rüstzeug seines Sohnes muss auch der gehabt haben, obwohl er ihn als seinen Nachfolger aufbauen wollte. Denn statt "Delfin" - wie in Italien die Zöglinge von Parteibossen genannt werden - nannte er seinen Renzo nur "Forelle".
Nicht nur für die "Forelle", die ihren Parlamentsplatz erst einmal "freiwillig" geräumt hat, sondern für alle Bossi-Angehörigen sei die Parteikasse nützlich gewesen, so die Vermutung der Ermittler. Renzos Bruder Riccardo habe einen BMW X5 bekommen, Bruder Sirio eine neue Nase für 10.000 Euro. Bossis Ehefrau soll Geld für die Privatschule, die sie gegründet hat und leitet, kassiert haben. Dachdecker-, Versicherungs- und Renovierungskosten des Eigenheims vom Parteichef seien ebenso bezahlt worden wie sein Zahnarzt.
Er habe von alledem nichts gewusst, beteuert der um sein Lebenswerk kämpfende 70-jährige Bossi, der seit 2004 an den Folgen eines Schlaganfalls leidet. Sollte seine Familie tatsächlich Geld aus der Kasse bekommen haben, werde man alles zurückzahlen. Und seine Söhne, ahnt er nun, hätte er besser nicht in die Politik geschickt, sondern "weit weg". Aber, seltsam, zumindest zwei Belege in den Händen der Staatsanwaltschaft, berichten italienische Medien, trügen Bossis eigenhändige Unterschrift.
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