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Bürgerwehren in Finnland: Dein Nachbar, der hilfsbereite Rassist

Von Michelle Trimborn

Bürgerwehr "Soldaten Odins": Unterstützenswerte Nachbarschaftsarbeit? Zur Großansicht
Nina Susi

Bürgerwehr "Soldaten Odins": Unterstützenswerte Nachbarschaftsarbeit?

In Finnland patrouillieren selbst ernannte "Soldaten Odins", um die Bürger "zu schützen". Polizei und Justizminister applaudieren - obwohl die Bürgerwehren einen rechtsextremen Hintergrund haben.

"Soldiers of Odin" steht auf dem Rücken ihrer schwarzen Bomberjacken, die Köpfe sind kahl rasiert. Bewaffnet sind sie nicht, wenn die selbst ernannten Bürgerwehren in den finnischen Innenstädten aufmarschieren, doch ihr Auftreten schüchtert auch so ein. Angeblich wollen sie dafür sorgen, dass in ihrer Nachbarschaft keiner mehr Angst haben muss.

Tatsächlich geht die Angst um in Finnland, aber fürchten müssen sich vor allem die Flüchtlinge, von denen das Land inzwischen viele aufgenommen hat - doppelt so viele wie ursprünglich geplant. Wie in Deutschland gibt es auch in Finnland Brandanschläge auf Flüchtlingsheime, auf bestehende wie geplante.

Die "Soldiers of Odin", gegründet im vergangenen Herbst, sind eine von mehreren vergleichbaren Formationen. Die neuen Bürgerwehren sind vor allem im Norden des Landes präsent, wo derzeit die meisten Flüchtlinge ankommen. Man wolle die Polizei beim Schutz der Bevölkerung unterstützen, nicht nur vor Flüchtlingen, "auch vor Finnen, wenn sie bedrohlich werden", beteuert Gründer Mika Ranta in einem Interview.

Wie andere Gründungsmitglieder bezeichnet er sich allerdings offen als Nationalsozialist. Seine Mitstreiter umgeben sich mit der Symbolik der White-Supremacy-Bewegung, die an eine Überlegenheit der weißen Rasse glaubt. Ein Ableger der Gruppe in Joensuu im Osten des Landes nennt sich auf Facebook eine "für ein patriotisches weißes Finnland kämpfende Organisation".

Lange haben die finnischen Behörden solchen Truppen kaum Beachtung geschenkt. Doch inzwischen wird den Bürgerwehren von oberster Stelle Lob zuteil.

Polizei erfreut über Engagement

"Freiwillige Nachbarschaftsarbeit ist unterstützenswert", verkündet Polizeichef Seppo Kolehmainen in einer Pressemitteilung der nationalen Polizeibehörde. Es sei sehr gut, dass die Bürger sich für die Sicherheitsfrage in ihrer Umgebung interessieren. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE relativiert Kolehmainen: Das Statement sei unklar formuliert gewesen, Patrouillen dürften nicht rassistisch motiviert sein. Dennoch verweist er auf gute Beispiele für die Zusammenarbeit der Polizei mit Bürgern, um die lokale Sicherheit zu gewährleisten.

Hat die Polizei also übersehen, dass die derzeitigen Patrouillen von fremdenfeindlichen Gruppen initiiert werden? Unmöglich, meint Dan Koivulaakso, Kommunalpolitiker und Experte für rechte Bewegungen in Finnland. Denn die "Odin-Soldaten" sind nicht die einzigen vom rechtsextremen Rand: Auch der "Finnische Widerstand" (SVL), offen neonazistisch, erregt seit 2014 mit Patrouillen Aufsehen. "Die existierenden Patrouillen können tendenziell den Neonazis zugeordnet werden", erklärt Koivulaakso.

Die Polizei hätte zudem einen Blick in eigene Akten werfen können, um sich über die Gruppe kundig zu machen: "Die Anführer der 'Soldiers of Odin' haben erwiesenermaßen einen kriminellen Hintergrund, in Fällen von rassistischer Gewalt und anderen Gewalt- oder Drogendelikten", sagt Koivulaakso.

"Die Menschen fühlen sich unsicher"

Doch für Justizminister Jari Lindström scheint auch das unproblematisch. "Die Tatsache, dass Menschen dahinterstecken, die für Straftaten verurteilt wurden und Strafen abgesessen haben, erregt sicherlich Aufmerksamkeit", sagte er dem finnischen Rundfunksender Yle. Das große Thema sei aber doch, "dass Menschen sich unsicher fühlen". Da bislang keine Probleme bekannt geworden seien, gebe es keinen Grund, die Patrouillen zu unterbinden. Jeder habe das Recht, sich draußen zu bewegen.

Genau darauf berufen sich auch Odins Kämpfer. Sie sagen: Wir sind einfach auf den Straßen unterwegs. Und wenn es irgendwo einen Notfall gibt, sind wir gesetzlich verpflichtet einzugreifen - wie jeder andere Bürger auch. Nur suchen die Patrouillen gezielt nach Umständen, wo ihr Eingreifen nach eigenen Angaben erforderlich sein könnte - wie etwa vor Schulen, wo Flüchtlinge angeblich Kinder "beobachten". Mit ihrer Präsenz will die Gruppe die Kinder im Ort schützen.

Wie sind die "Soldiers of Odin" also einzuschätzen? "Sie können eine lokale Gefahr darstellen. Jedoch eher physisch als politisch, etwa für Gruppen wie Migranten oder bekannte Linke", sagt Kommunalpolitiker Koivulaakso. Zugleich warnt er vor einer Überschätzung der Truppe. "Dass sie, wie sie behaupten, in 19 Städten aktiv sind, halte ich für zweifelhaft. Nur die Präsenz in Kemi und Joensuu ist auffällig. Dort patrouillieren regelmäßig bis zu 20 Personen. Das ist nicht viel, zeigt aber eine gewisse Organisationsstruktur."

Rechte Gefahr wird unterschätzt

Das größere Problem sieht Koivulaakso auf einer anderen Ebene: Die Fremdenfeindlichkeit in Finnland werde fast schon als normal angesehen. "Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte werden von Polizei und Medien kaum verurteilt. Und nun äußern sich Polizei und Politiker anerkennend zu Patrouillen, die eindeutig fremdenfeindlich motiviert sind. Das verschiebt die Wahrnehmung der Menschen - und fördert die Normalisierung rechtsextremer Ideologie und Gewalt."

Vor allem mit den Brandanschlägen sei die rechte Gewalt nach Finnland zurückgekehrt. "Von einer Systematisierung kann noch nicht gesprochen werden, aber die Gefahr wird durch Polizei und Medien unterschätzt, sogar heruntergespielt." Koivulaakso gibt Politikern und Behörden die Schuld an einer düsteren Zukunft für Finnland: "Mit den Äußerungen der vergangenen Tage wird der extremistische Diskurs angefeuert. So wird die Fremdenfeindlichkeit in Finnland gesellschaftsfähig gemacht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. warum?
spiegelleser861 13.01.2016
Je nach Sichtweise gibt es zwei Erklärungen: A) Es wurde nicht genügend gegen den braunen Mob getan. Man hätte Demonstrationen verbieten müssen, Hetzkommentare auf FB löschen müssen etc. Medien und Politiker hätten die Willkommenskultur viel stärker propagieren und erklären müssen. B) Die Politik der offenen Arme erreicht immer weniger Menschen, die Menschen haben Angst vor Überfremdung und Kriminalität durch Flüchtlinge. Auch in die Polizei haben Teile der Bevölkerung immer weniger Vertrauen. Die Menschen suchen nach Sicherheit außerhalb des Staates, von dem sie nichts mehr erwarten. Bleibt nur zu hoffen, dass wir in Deutschland nicht auch irgendwann soweit sind.
2. ....
e-ding 13.01.2016
Gibt es eine Statistik, welche Straftaten die komischen odinschen Soldaten bisher begangen haben? Wollte gerade schreiben, dass es gut sei, wenn sie von der Strasse kommen, haben halt ne Beschäftigung. Passt aber irgendwie nicht.
3. Oh, ganz Skandinavien plötzlich rechts?
Nabob 13.01.2016
Wer hat da denn nun den Silberblick, die Realität oder der deutsche Betrachter. Fakt ist, dass jedes skandinavische Land mittlerweile auf den unkontrollierten Zustrom von Flüchtlingen oder auf die entstandenen Wirkungen im Binnenland reagiert, mehr oder minder massiv. Nur die Deutschen haben nicht anderes im Kopf, als sofort wieder an rechtsnational zu denken. Die Deutschen brauchen sich um Skandinavien keine Gedanken zu machen, um Polen nicht, um Ungarn nicht. Sie müssen sich über die politische Situation in ihrem eigenen Land Gedanken machen und um dessen Handlungsfähigkeit, um die Entstehung schlimmerer Vorfälle wie erst in Köln zu vermeiden - das reicht!
4. Europa
Lichtenbruch 13.01.2016
Wohin man schaut nur noch rechte Gesinnung!? Nazi-Bürgerwehren in Finnland, osteuopäische Regierungen, die die Freiheitsrechte Ihrer Bürger beschneiden. Ein Mob von Schlägern, der in Köln Rache nehmen will. Rechte Parteien von Skandinavien bis Südeuropa, die sich über Zulauf freuen. Ich befürchte wir ruinieren hier gerade das Europa, in dem ich mich im Großen und Ganzen immer recht wohl gefühlt habe. Aber anscheinend reichen ja ein paar Asylanten und schon fliegt uns das gesamte Konstrukt um die Ohren. Für mich nicht nachvollziehbar.
5. 100 Jahre zurück
kamikaze2000 13.01.2016
Es ist erschreckend, wie die grassierende Volksverdummung in Europa und in den USA derzeit voranschreitet. Haben die alle keinen Geschichtsunterricht in der Schule gehabt? Genauso schlimm ist, dass sich das Verständnis für solch potentielle Hilfe und die Angst vor dem Fremden in immer größeren Bevölkerungsteilen breitmacht. Es wär lange häßlich ein Nazi zu sein, heute wird es wieder gesellschaftsfähig. Widerlich.
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